Band 
Zweyter Theil [4].
Seite
1903
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Tischbein.

tcn *). Hier arbeitete er in friedlicher Ruhe nochmehrere schöne Gemälde und vortreffliche Zeichnun-gen aus. Unter jene gehört (i 8 o 5 .) ein Ajax, derdie Cassandra von der Statue der Pallas wegreißt,in drey Figuren übermenschlicher Größe, fürdieGal-lerie des Herzogs von Oldenburg zu Eutin **). Einekleine, auserlesene Sammlung alter (?) Gemäldehatte er um dieselbe Zeit an den gedachten Fürsten umgo,ooo Mark Lüb. abgetreten. Als er in 1806. vonder S t.Angari-Kirche zu Bremen den Auftrag erhielt,auf einer Altarkafcl für sie das: Lasset die Kinder zumir kommen r darzustellen, rief er freudig aus:Rechtschön will ich's malen, auf daß die Bremer mit vol-len Freuden in die Kirche gehn"! Eine Beurtheilungdieses Bildes in der A. L- Z-1810. N°. 5 g. nenntdasselbe:Eine Welt voll Schönheit, Andacht,Mutterliebe und kindlicher Unschuld, die manStunden lang betrachten muß, um jeden einzel-nen Zug des Genies seines Schöpfers aus ihmherauszufühlen. Ueber allen Ausdruck bezauberndist besonders auch, das, ungeachtet der großenMannigfaltigkeit der Gegenstände, kunstvollenPerspektiven und Verkürzungen, durchaus hellgehaltene Perspektiv desselben". Eine andere aus-führliche Beschreibung desselben findet sich in demseiner Zeit bey Perlhes in Hamburg erschienenenvaterländischen Museum***), und ein (mitwackerbarrh unterzeichnetes) unbeschranktes Lobdavon noch weit früher in dem Intel!. Bl. derZen. A. L> von 1807. N°. 76-, worinn es,neben Anderm, von der Figur des Christus (nachneuester Art und Kunst abscheulich) heißt: Seine himmlischönen blauen Augen durchbohrendie Herzen, und müßen die Treue jedes Weibeswanken machen ****)". Wieder für den H. Herzogvon Oldenburg vollendete er 1810. Hekrors Ab-schied von Andromache . Auch von diesem Bilde,so wie von seinem Raube der Cassandra lesenwir die Beschreibungen in der Hallischen A.L. Z.(I. e.) und dem Varerl. lMuseum. Neuere Bils-niße vou ihm, wie z,B. Klovstocks und Heyne's,dann des General Blücher's, führt Mensel I I l./,jx. an. Auch das das Tübing. Morgenbl.1807. S- 5 g 5 . spricht von denselben; aber (Hey-

Tischbein. rgoz

ne's ausgenommen) eben nicht mit Ruhm; Klop-stock's seines sey flach und nichtssagend, Blücher's»mit seinem seitwärts aus den Augenwinkeln un-ter buschigtem, braunem, blitzausschleuderndemBlick", sehe dem Herzoge von Alba gleich, wassich doch in der Natur nicht finde, u. s. f. Vor-theilhafterwird in ermeldcem Blatte 1808. S. 292.einiger seiner, in Stunden der Muße, bloß zurLust gefertigten Arbeiten, von Italiänischen Volks-szenen erwähnt; dann (heißt es hier) von EinenrMädchen, das eine wilde Gazelle mit Rosenfutteezähmt, und von Anakreon , dem Amor, als Din-tenhändler, das Fäßgen füllt, gesprochen. Da-mals hieß es, T. gehe, als Professor undHofmaler an Büttners Stelle, nach Dresden ,was aber nicht erfolgte, da er (wie wir schonvernommen) lieber den Ruf zu dem vortrefli-chen Fürsten von Oldenburg annahm. Aus frü-hern Tagen dann nennt von ihm ebenfalls Meu-sel II. 178g. Kopie von einer H. Familie vonRaphacl; Christus mit der Dornenkrone nachGucrcino; Herkules zwischen der Tugend und derWollust, ein Original; eine kleine historische Land-schaft; viele Zeichnungen nach Raphael, Dome-nichino und da Vinci. Dann heißt Gerning,neben einem Hektor der dem Paris seine Weich-lichkeit vorwirft (ein 12* hohes und 1/,/ breitesBild von neun Figuren, welches ihn 1799. zuNeapel vor der Kriegswuth schützte, und als-dann mit ihm nach Deutschland ging)-j-), alssein berühmtestes seine Jphigenia, welche den vonFurien verfolgten Orest tröstet, nach Goethe's Trauerspiel, welches derselbe seiner Zeit inRom bey Tischbein ausführte, wodurch dennauch der Künstler zu seiner Arbeit verleitetward^-j-)". Als ein anderes seiner Lieblingsbilderwird auch hier sein Conradin von Schwaben ge-nannt. Aus der Schrift,: LOinkelinann u. s.Jahrh. E. 007. erfahren wir, daß dieses letztreBild, in Halbfiguren von natürlicher Größe, zuRom im Herbst 18»). vollendet wurde, und wirddort darüber geurtheilt, wie folgt:Der Künst-ler war ein Paar Jahre vorher in der Schweitz gewesen, wo er mit Bodmer und Lavater Um-

2) Im N. Deutschen Merkur 1800. IX. 61 76. findet sich ein äusserst leftnswertbcr Aussatz vcn H. Böt-tcher über Tischbeins letzte Tage in Neapel , seiue Rückreise nach Deutübland, seine manlgsaltigen Arbei-te» , so wie übcrbaupr seinen ausgezeichneten Werth als Mensch und als Künstler.

" 2 ) Irgendwo heißt es um '8,->. «daß er unter dem besondern Schutzes?) dicfts Kunst liebenden Fürsten lebe".(In 1808. wenigstens lebte er wirklich zu Euti», und, wie wir so eben hören, »och zu Ende von - 8 > 5 . undwar daselbst, aus Auftrag der Stadt Hamburg , mit einem sehr großen Bilde beschäftigt, woran er wohlsehr lange noch zu arbeite» haben dürfte; welches den Einzug des Russischen Generals Benigscii zu gedach-tem Hamburg darstellen soll.

«!"') Dann allerley dasselbe Betreffendes, im Tübing. Morgenbl. i8>c>. S. 58 «. wie z. B. der Künstler seydurch den aufgegebenen Raum sehr beschränkt worden, um einen Gegenstand von solchem Umfange ganzglücklich darzustellen. Daher erscheinen die vielen Figuren desselben r» gedrängt und gehäuft. Sehr glück-lich gedacht und vollendet sey übrigens die Darstellung selbst; und beredt der Ausdruck der verschiedenenFiguren und ihr Charakter. Dann aber besonders: «Zu den idealifirten Köpfen und Korperformen mehre-rer Weiber, und zumal der Kinder, hatte sich Tischbein verschiedene schöne Frauen und Kinder in Ham­ burg zu Modellen gestellt, und zu den Aposteln schwebten ihm manche Rarhaelische Erinnerungen vor, oderihm dienten hiezu plastische Köpfe qriechischer Philosophen und Dichter. «So nahm er(lustig genug!)" einendieser Köpfe nach der trefflichen Büste Anakreons, in Dr. Meyers Sammlung". Dann wieder: «Indem Ausdrucke des sonst schönen Christuskopfes, der nur der des unwillige» Ernstes gegen die, die Kinderzurückweisenden Jünger ist, hätte man mebr gewünscht, den der innigen Milde für die Unschuldigen, denener das Reich der Himmel verspricht, gemischt (?) zu erblicken", u. s. f. Hierauf Preist des Ausdruckseiner der Mütter, die sich nicht von den Aposteln abbalteu ließ, und des Kontrastes eines resignieren Mäd-chens, und hinwieder eines kühnen Knabcm Und endlich: «Gerade durch den vorhin bemerkten engen Raum,wofür T. dieses Bild malen mußte, ist er bestimmt worden, diesen seinen Lieblmgsgcgenstand noch einmalin einem größer» Gemälde zu behandeln, das in Eurin unter seinen Händen und für den Herzog bestimmtist. Außerdem bearbeitet er noch immer aus der Fülle seiner reichen Phantasie anakreontische Ideen, alle-gorische Darstellungen u. s. w. in Wasserfarbe. Von den letztem z. B. zwev köstliche Entwürfe: Die Kraftdes Mannes, in der Herrschaft über die Thiere, und die Zartheit des Weibes, durch zwey Mädchen ver-sinnlicht, die ei» Reh (0 Iemineh!) mit Roftn füttern.

Auch in der Zeit. f. d. Elegante Welt >808. Nro. 83. wurde dieß Lob nach verdienen gerüget. Meu-sel Arch. II. (4.) i 58 . u. ff. giebt den wackerbarthschen Aufsatz, mit der Milderung: «Durchbohrendie Herzen, und verfehlen selbst auf das kälteste Gemüth ihren Eindruck nicht". Auderwerts (Tübing.Morgenbl. 1809. S. 270.) liest man, leider! daß der Künstler mit dem Wackerbarthschen PanegyrikuSsehr zufrieden war.

5 ) 2 » der Allg. Runstr. 8 . (1803) S. -37. heißt es davon: «Dieses ganz in reinem homerischen Charakterausgeführte Gcmäld wird nach Rußland verlangt; aber die jungen Künstler wollen dagegen mit Bittschrifteneinkommen, damit es der Akademie einverleibt werde". Einer späthern (l. c. beygefügten) Bemerkung zu-folge, blieb es zwar zu Cassel, aber als eine Zierde seiner (eigenen) Kunstsachen.

^j-) Wo dieses Bild hingekommen, ist uns bisher unbekannt.