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Manier seines Lehrers gemahlt wäre, so mußdieß wohl nur von den in Spanien befindlichenverstanden werden, die Mengs gerade vor Äu-gen hatte, als er schrieb. In der Folge kammehr Freyheit und Bewegung in Tizians Kom-position, aber ohne daß er besondere Regeln da-bey befolgte; alles war der Natur und der Wahr-heit abgesehen. Einige behaupten, in jeder Be-wegung seiner Figuren und in ihren Gruppirun-gen, die mehr durch den Zufall als durch einfleißiges Nachdenken angeordnet scheinen, lassesich eine weislich verlarvte Kunst entdecken; alleinich gestehe, daß zur Begründung eines solchenUrtheils durchdringendere Augen erforderlich seynmögen, als die meinigen sind. Ich laugne nicht,daß die Erfindungen seiner Phantasie häufig dasGepräge eines gewissen mahlerischen Enthusias-mus an sich tragen, der ganz hinreißend ist;aber da die Effekte, welche derselbe auffaßt, wirk-lich in der Natur angetroffen werden, so darf esnicht befremden, daß ein so genauer BeobachterGebrauch davon zu machen verstanden habe,wann es der Gegenstand erforderte. Wie vor-trefflich jedoch Tizian in Allem übrigen seynmochte, das Kolorit bleibt derjenige Theil derKunst, in welchem er eigentlich unübertrefflichist. Das Kolorit kann in seiner größten Voll-kommenheit zwar nie vorn Helldunkel getrenntwerden; Tizian hat aber dennoch das wahreIdeal darin erreicht, ohne diesen Kunsttheil inseinen ersten Gründen studirt zu haben, wie esCorreggio that. Einige Geheimnisse desselben,weiche der letztgenannte Meister besaß, scheintTizian mehr durch treue Nachbildung der Natur,als dadurch daß er bestimmt darauf ausging,entdeckt zu haben. Sein ganz einziger Sinn fürdas Kolorit leistete ihm dabey natürlich großeDienste. Er bestätigte den großen Grundsatz nochmehr, den schon Giorgione anerkannt hakte,daß man, um in der Mahlerey die Natur mitWahrheit darzustellen, nicht immer mit blinderAnhänglichkeit den Gegenstand, den man vor sichhat, abmahlen müsse; sondern daß man, umihm in den Augen des Beschauers die gehörigeRundung zu geben, von dem was man in derNatur sieht vermittelst des Helldunkels mancheskünstlich wegnehme« und anderes hinzufügen müsse.Nach diesem Grundsätze suchte er bey seinemFleisch die allzudunkeln Massen und starken Schat-ten zu vermeiden, wiewohl sie die Natur häufigdarbietet. Denn wenn sie auch dem HervortretenVortheilhaft sind, so geht doch dadurch die Zart-heit verlohren, und wegen der Unvollkommenheitunserer Mittel zur Darstellung des wahren Lichtesund Schattens müssen so in den Schatten ge-setzte Körper auf der Leinwand wie eine ganzandere Materie als das lebendige weiche Fleischerscheinen. Tizian ließ daher auf seinen Bilderndas Licht meistens hoch einfallen und die Ober-flächen streifen, welches ihn in den Stand setzte,die großen Partien in verschiedenen Graden vonHalblinken zu halten; die äußersten Theile be-zeichnete er alsdann stärker und entschiedener alssie sich vielleicht in der Natur darstellen würden.So glaube ich muß Lomazzo verstanden werden,wenn er sagt, Tizian pflege die Lichter klarer,und die Reflexe dunkler zu halten. Durch diesesMittel wußte er eine solche Kraft hervorzubrin-gen, daß der Sinn davon überrascht wird, unddie gemalten Gegenstände lebendiger und ange-nehmer wiederzugeben, wenn man sich so ausdrü-cken darf, als man sie in der Wirklichkeit selbsterblickt. Um dack eben gesagte zu prüfen, unter-suche man nur die Köpfe des Tizian , und man
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wird finden, daß er immer die größte Kraft inden Augen, der Nase unb dem Munde zu konrzenkriren suchte, während er Alles übrige in einerlieblichen Unbestimmtheit ließ, wodurch das GanzeLebendigkeit und Rundung erhielt. Jedoch ist dieseKunst die Schatten zu verstärken und zu vermin-dern nicht hinreichend, den gewünschten Effekthervorzubringen, wenn sie durch die Farbenge-bung nicht gehörig unterstützt wird. Dieser sowesentliche Theil der Malerey muß ebenfalls miteiner weisen Nachahmung des Wahren behandeltwerden. Der Maler kann auf seiner Pallette dieschönsten Farben von der Welt haben, wenn ersie nicht gut anzuordnen und zu mischen versteht,so wird er niemals den wahren Farbenreiz errei-chen, sondern in eine unnatürliche Lebhaftigkeitoder in schreyende Disharmonien verfallen. Hie-rin war Tizian ganz einzig Meister. Er wußte,welches die einfachen Tinten wären, die von derWahrheit entlehnt werden müssen, und welchesdie künstlichen; indem die Anmuth der Farbennicht in schönem Roth, Gelb und Blau besteht,dessen Verschwendung dem großen Haufen in denWerken des Rubens so wohl gefällt, sondern inrichtigen Kontrasten, und in den Graden undgünstigen Momenten einer wohlgewahlren Ent-gegensetzung. Der Reiz der Gemälde des Ti zian geht daher niemals über die Wahrheit hin-aus, und zieht um so allgemeiner an, je innigerer mit dem großen Princip der Natur verbundenist. Hiemit verband Tizian eine Kunst oder Na-turgabe, seinen Bildern eine gewisse Klarheit zugeben, welche durch keine theoretische Regeln zuerreichen steht. Diejenigen irren sich, welche ihmeine große Führung des Pinsels und dicken Auf-trag der Farben zuschreiben. Tizian bediente sichsehr Heller Gründungen, und pflegte das Ganzebeym Anlegen sehr leicht zu halten; indem erhierauf eine Farbe über die andere legte, brachteer die Wirkung eines durchsichtigen Schleyershervor. Dieselbe Methode beobachtete er auch inden dunkeln Partien, und machte sie auf dieseWeise durchsichtig und kräftig; ein Kunstgriff,der nachher von Ändern gemißbraucht worden ist.Aus einem Briefe des Tizians *) erfährt manden merkwürdigen Umstand, daß er seine Ge-mälde mit einem Firniß zu überziehen pflegte, dadoch die neuern Jtaliäner diesen Gebrauch bestän-dig verschmäht haben, indem sie anführen, diealten Meister hätten es nicht gethan, und es seyeine ausländische Sitte. Vielleicht lernte er die-ses in Deutschland oder von irgend einem Deut schen oder Flamander unter seinen Schülern;aber wie er auch dazu gekommen seyn mag, dieSache ist ausgemacht. Bey der Anlegung derletzten Hand pflegte er manchmal einiges mit denFingern zu verwischen, welches dann mehr Wir-kung that, als wenn es mit dem Pinsel gemachtWare; denn da er großen Fleiß anwandte, um seinenArbeiten den größten Grad von Vollendung zugeben,so durfte er sich amEnde kecker und geisireicherStrichebedienen,wodurch er die aufgewandte Arbeit verbarg.Daß er viel über die Kunst nachdachte, beweist unterAndern, auch seine so bekannte Regel, man solle beyder Vereinigung verschiedener Gegenstände zu einerGruppe die Form einer Weintraube vor Augenhaben, an welcher man die schönsten Vorfällevon Lichtern und Schatten, die gefälligste Run-dung , und an gelegenen Stellen durchfallendeLichter bemerkt, welche die Einförmigkeit dergroßen Massen brechen". Noch schließt Fiorillodiese ausführlichen Betrachtungen über TiziansKunst mit ein Paar litterarischen Notizzen überEiniges, das aus der Feder unsers Künstlers
Dieser Vrief ist nebst drey andern zuerst abgedruckt worden in folgendem gelehrten Werke: blemorle >n-
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krk-xcis 177g. ccm , worin au» eine genaue Nachricht von den Bildern gegeben wird, welcheSlziai, für den käsigen berühmten Pallast der Regierung gemalt hat. Die Briefe sind alle lirisn»Vecellio unterzeichnet, und in einem dabey befindlichen Kontrakte wird er smlliciosls-imo lie äeigenannt.