Band 
Zweyter Theil [4].
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2031
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Vecellio.

sind ebenfalls nichts weniger als arm an sol-chen *). Daß er in seinem Neun und neun-zigsten sein Leben noch an der Pest endigen mußte,ist bekannt. Die beredtesten Federn Italiens er-gossen sich in Lobeserhebungen auf ihn. Manhatte den Entwurf gemacht, ihm ein feyerlichesLeichenbegangniß zu halten; es kam aber nichtdazu, weil die Maler (Gott verzeih' es ihnen!)sich in ihren Meinungen darüber nicht vereinigenkonnten **). In seinem Testamente soll er, Li-ruri zufolge, befohlen haben, seine Leiche nachseinem Geburtsorte zu bringen, und sie dort inder Archidiakonalkirche in der seiner Familie ge-hörigen Kapelle St. Tizians, Bischofs von He­ rakles beyzusetzen, was aber wegen des damalswüthenden epidemischen Uebels nicht geschehenkonnte, und er daher in de Frari zu Venedig , im- Angesicht eines seiner vorgenannten schönsten Bil-der, begraben ward ***). Seinen Privatcharak-ter betreffend so war er sehr zur Fröhlichkeit ge-neigt, und den geselligen Freuden mit seinenFreunden und dem schönen Geschlecht ergeben.Eine seiner Geliebten, mit welcher er sich selbstverschiedentlich abgebildet hat, hieß violanra,und soll eine Tochter des valma vecchio ge-wesen seyn 'fi). Einer der genauesten FreundeTizians war der fast allzuberühmte Peter Are-tino; allein auch alle übrigen damaligen gutenKöpfe Venedigs suchten seinen Umgang, und einerderselben, Franz priscianese, giebt -j-ss) uns eineBeschreibung von den heitern Versammlungen,welchen sie auf einem schönen Garten, den derKünstler außer der Stadt besaß, zu halten pfleg-ten. Auch von auswärtigen Gelehrten warenz. B. Davila, Bernard Lasso, Paul Jovius,Ariost , Speroni u. a. genaue Bekannte von ihm".So weit Fl'orillo, was größtentheiis das Bio-graphische über den Unsrigen betrifft. Nun aucheinige seiner allgemeinen Urtheile über dessen Styl.«Die Malerkunst" (heißt es I. c. 82. u. ff.)« soll ein Spiegel der gesummten sichtbaren Na-tur seyn, und ihre Vollkommenheit besteht nichtbloß in der treuen Nachahmung, sondern weitmehr in der Auswahl des Schönen^ und in derBelebung der abgebildeten Gegenstände. Diesekann nur durch die Vereinigung aller Haupttheileder Kunst, des Ausdrucks, der Zeichnung, desHelldunkels, des Kolorits u. s. w. erreicht werden.Tizian hatte anfänglich eine etwas trockene Zeich-nung; dieser Fehler verlor sich jedoch nachherdurch seine beständigen Studien nach der Natur.Die Schönheit seiner Formen ist nicht idealisch,sondern sie besteht nur in dem, was er für sichin der Natur zu erblicken und auszuwählen ver-stand; er neigte sich dabey zu einer gewissen An-muth, die von einer würdigen Einfalt begleitetwar. Er hatte zwar gründliche anatomische Stu-dien gemacht, und seine Kenntnisse in diesem Fachehaben sogar Anlaß zu der allgemein verbreiteten

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Meynung gegeben, daß die anatomischen Zeich-nungen in dem Werke des Andreas Vesalius von seiner Hand seyen, was indessen nicht ist;wohl aber rühren solche von einem seiner beßtenSchüler, dem Flamänder Johann von Calchar,her Allein er bediente sich seiner anato-

mischen Einsichten niemals um den innern Me-chanismus der Muskeln mit gelehrtem Pompdarzulegen, sondern nur, um mit mehr Sicher-heit die äußern Wirkungen desselben an demweich überkletdeten Fleische ausdrücken zu können.Es ist wahr, in seinen Umrissen findet man nichtdie idealischen Schönheiten, wovon wir vieleantike Statuen gleichsam umflossen sehen, undwelche die Formen schöner und gefälliger ma-chen, als sie in der Natur selber sind; alleinman muß erwägen, daß vielleicht zu seiner Zeitin Venedig ein zu großer Mangel an dergleichenVorbildern war, als daß er seinen Geist ganzdamit häkle durchdringen können. Vielleicht be-trachtete er auch, da er der treuen Nachahmungder schönen Natur so ganz ergeben war, dieseIdeale als glänzende Lügen, und wußte sie nichtmit seinem natürlichen Instinkt für treue Wahr-heit und Kolorit zu vereinigen. Selbst wenn ersich einmal irgend einer antiken Büste oder desSturzes einer Statue bediente, wie es in einigenseiner Werke, z- B. in dem in Spanien befind-lichen großen Gemählde vom Paradiese geschehen,so wußte er, nach Rldolfi's Bemerkung, dasBenutzte auf eine so gute Weise der Natur anzu-nähern, baß die Nachahmung darin nicht wahr-genommen wird. Indessen wird wohl Niemandso verkehrt seyn, den Tizian in diesem Theileder Kunst tadeln zu wolle». Denn in den For-men seiner Frauen ist Zierlichkeit und Richtigkeit,in den männlichen Figuren etwas Großartiges,und in Kindern übertrifft er Alle durch eine ge-wisse »«gesuchte Grazie und Naivität, welche dengrößten Reiz dieses Alters ausmacht. Er hattees mit Raphael gemein, daß er die allzustarkenVerkürzungen vermied, indem er, wie Zanerrrtreffend bemerkt, dergleichen Theile lieber in einersinnreichen Vernachläßigung ließ, als daß er sieauf die Gefahr, das Auge des Beschauers zubeleidigen, zu bestimmt angegeben hätte. Umüber seine Umrisse und die Verhältnisse der Fi-guren seiner Sache desto gewisser zu seyn, pflegteer, wenn er ein -Werk angelegt hatte, selbigeseine Zeitlang wegzustellen, und es nachher mitfrischem Sinne wieder zu betrachten, wodurcher sich in Stand gesetzt sah, die nothwendigenVerbesserungen damit vorzunehmen; eine Methode,die in der That zur Nachahmung empfohlen zuwerden verdient. Was hiernächst die Kompositionseiner Gemählde betrifft, so war sie zu Anfangesymmetrisch und ganz im Geschmacke des Bellino.Wenn daher Mengs behauptet, es finde sichkein einziges Gemählde von ihm, das in der

u) Unten folgt das Detail besonders über die Deutschen und Französischen Tizianischen Kunstschätze. Uebereinige in England kennt man z. B. folgendes Werk: 7-'tra»r opera ext-riilia in seciibus Vuci8 äs

Nsriborougl, a joli, 8miti> aer« incin». hol. Daß Ebenderselbe, und so auch P.van Gunst lind I. Schenk(aber weit unter Smkth's) die berühmten ueuu Liebschaften der Götter im Pallaste zu Blenheim in Kupfergeschabt, ist bekannt. Eine ausführliche Beschreibung derselben s. bey Füßli lll. S. 5357. Die Ur-bilder sind, als Tapeten, auf vergoldetes Leder gemalt. Für wen solche ursprünglich gefertigt worden, ha-ben wir bisher nicht in Erfahrung gebracht. Ueberhaupt aber denken wir, daß diese Bilder mehr ihrerSchlüpfrigkeit, als vorzüglicher Kunst wegen, sich so großen Ruhm erworben. Auch wird ihrer weder beypasari noch bey Ridolfi nicht einmal Erwähnung gethan.

Das Unausgeführte beschreibt Ridolfi S. -yi.

*d) Nach Richard'« Passagier deckt, in erwähnter Kirche, »dem Grabmal des Pesaro , der prächtigsten,aller Ruhestätten gegenüber", ein einfacher Stein die Asche des Unsrigen, mit der Jmrschrift, welche frey-lich bey einem solchen Menschen Alles besagt: Tizian liegt hier begraben.

j-) S. die Litteratur von ihren Abbildungen unten. Nach Ridolfi l. -42. erscheint sie auch in dem berühmtenBacchanal, das sich jetzt in Spanien befindet, und hat, als Anspielung auf ihren Namen, eine Viele amBusen stecken, anf welchem sich des Künstlers seiner, zart geschrieben (wie schön!) befindet. Daß sie Pal-ma's Tochter war, wird dort nicht erwähnt. S. übrigens den wahrscheinlichen Ursprung aller der man-ni gfaltigeu Erzählungen von Titians Liebschaften nuten.

j-f) Wo man's nicht suchen sollte, in einem einer lateinischen Grammatik anhehängten Briefe.

ftt) S. das Nähere hierüber l. c. 8 »83. in den beyden Anmerk. <r.wieder s.

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