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Geschäftes durch angebrachte geistvolle und sicherePinselhiebe geschickt zu verhehlen *). Scizzenvon ihm finden sich nur wenige; etliche z. B.im Hause Barberigo. So in seiner beßten Zeit.Im Hähern Alter, als Gesicht und Hand schwä-cher wurden, arbeitete er mit mehr Flüchtigkeit,und zumal vermißte man jenen »»vergleichen Far-benverein **) seiner frühern Jahre. Schon 1H66.fand vasarr in ihm nicht mehr seinen Tizian ;was er indessen, wie es das Alter zuthun pflegt,nicht glauben wollte, sondern (als seinem Lebennur noch zwölf Monden an eiu volles Jahrhun-dert fehlten) noch immer neue Bestellungen an-nahm. Ein um diese Zeit von ihm gefertigtesBild der Verkündigung in St. Salvaror zu Ve nedig hat wirklich keinerley weiter» Werth, alsdaß es seinen großen Namen tragt; und den-noch, als Jemand in seiner Gegenwart, ebendaran zweifeln wollte, ob es wirklich von seinerHand sey, wurde er böse, und schrieb jenes schonoben angeführte litirmus Leert, /reit dazu ***).Mit alle dem wollen Kenner auch in einigen sei-ner späthern Werke Schönheiten finden, ausdenen der junge Künstler noch Manches lernen kann.Daß endlich Vieles in und außer Welschland,allerdings bloß unter seinem Schilde erscheint,was offenbar seinen Schülern, Nachahmern undCopisten gehört, versieht sich; aber selbst manchedieser Nachbildungen (wie z. B. jene Unzahl vonsogeheissenen Tizianischen Madonnen, Magda-lenen und — Liebesgöttinnen) zeuge» von der un-erreichbaren Vollkommenheit ihrer Urbilder". Soweit Ean?i (Dll. ters.) III. 101 —102. Nochheißt es dort, baß vecellio, (und zwar, leider!nicht unwahrscheinlich aus Vesorgniß, Neben-buhler zu finden) eben kein sehr gefälliger Mei-ster gegen seine Schüler gewesen sey, und führt L.davon neben dem uns schon bekannten Beyspieleseines eigenen Bruders (dem er, an die Stelleder Kunst, die Handclschafk zu belieben wußte)seine Strenge gegen Paris Bordone an, welchernun allerdings wirklich sich vermessen hatte, miteinem solchen Lehrer in die Schränken zu treten.
Vernehmen wir nun auch ein Paar Franzö-sische Kunstrichter über unser Haupt der Vene-tianischen Schule, in dem, was in ihren Urthei-len mehr und minder eigenes liegt; und zwarvörderst Vareler und Levesque v. Dcole.„Wenn man" (heißt es dort) „in Tizians histo-rischen Bildern den Geschichts-Darsteller findenwill, so wird er uns, so wie alle andern jenerSchule, sehr ungetreu erscheine»; denn auch Erbeachtete weder die Wahrheit des Schauplatzes,noch des Kostume's, noch des Ausdruckes, nochaller andern Schicklichkeiten, welche man hinge-gen in den Werken derjenigen Künstler wahr-nimmt, die sich des Studiums des Alterthumsbeflissen haben. Eben so ist er zwar unter dieKlasse der großen Zeichner nicht zu zahlen; aberein guter war er in seinen bessern Werken denndoch immer. Ueberhaupt hatten alle bedeutendemMaler seiner Zeit, durch die Art ihrer Ausbil-dung, eine richtige Anschauung und fertige Nach-ahmung der Naturgegensiände, die sie darstellenwollten, sich zu eigen gemacht. Schöne Formenblieben solche auch unter seinem Pinsel; aber die
Vecellio.
minder vollkommnen wurden nie durch ihn ver-schönert. Hätte er die Liebe, zumal des antikenSchönen, wie Raphael, besessen, so würde erdemselben auch in der Zeichnung gleichgekommenseyn. An Gefühl von Größe und Adel gebraches ihm indessen nicht; seine Männergestairen ha-ben nicht selten viel Grandiöses, ja bisweilenwirklich Uebertriebenes; aber nicht, wie MichaelAnqelo's, in dem Mächtigen und Muskulöse»,sondern in dem Weichen und Fleischigten; seinFarbengefühl ließ ihn immer diejenigen Theile,welche hierin die schönsten Massen darbieten, ammeisten zur Schau stellen; also besonders anWeibern und Kindern; jenen gab er naive, nach-läßige Lagen; nicht eben Grazie, aber ein Etwas,das ihr sehr nahe kömmt, und dabey in Kopf-putz und Kleidung viel malersche Zierlichkeit.Seine Kunst im Helldunkel beschrankte sich,wie in jedem andern Kunsttheil, auf bloße Nach-ahmung der Natur. Freylich strebte er bisweilennach großer Wirkung durchs Contraste, und wurdealsdann hart Das Verständniß der Lokalfarbenbesaß er übrigens im höchsten Grade. Die Ma-ler der Florcntinischen und Römischen Schulearbeiteten frühe in Fresko, und hatten mehr ihreCartons als die Natur vor Augen; Tizian hin-gegen, der sich fast einzig an diese letztere hielt,und sofort in Oel malte, erlangte dadurch einKolorit, das der Wahrheit weit näher kam; undsein häufiges Bildnißmalen trug hiezu ebenfallsVieles bey. Durch die Nachahmung mannig-faltiger Carnationen wirklicher Menschen, undeben so mannigfaltiger Stoffe ihrer Bekleidung,so wie durch landschaftliche und andere istaffi-rung solcher Bilder, wurden dieselben in Farbeund Tokkirung ein in allen Theilen getreuer Spie-gel der Natur; wie denn auch Poußin, der sonstdoch sicher nicht zu den großen Koloristcn zu zäh-len war, seinen landschaftlichen Gründen bloßdarum, weil er diese nach dem Leben studirt hatte,eine wahre Farbe zu geben wußte. Der Unsrigepflegte, in den seinigen, gerne allerley außeror-dentliche Naturerscheinungen anzubringen". Daßer in dem Kunsttheile des Ausdruckes eben keinbesonderer Meister war, wird von warelet nurkurz berührt; dann aber rechnet er es ihm zumwirklichen Fehler an, so viele wirkliche Bildnissein seine historischen Arbeiten eingeführt zu haben;und der Franzose meint nämlich, wohl nichtganz ohne Grund, ein gemalter Kaiser verlierean Achtung, wann der Beschauer sagen kann:„Den, mein' ich auch schon gesehen zu haben".„In der Composikion" (heißtesdann weiter) „warvecellio anfangs symmetrisch; sparherhin abermannigfaltiger, und, ohne bestimmte Grundsätzezu befolgen, bisweilen recht gut, da er auchhierinn, wie in Allem, die Natur zu seinem ein-zigen Muster nahm. Das Kolorit dieses Künst-lers endlich" (hier sprechen alle Kunstrichter vonihm in Einem Tone des ungetheiltesten Preises)„war so in einander geschmolzen, daß es vonden Farben auf seiner Palette keinen Begriffmehr übrig ließ; hierinn ganz von Rubens ver-schieden, 'der seine Farben, fast ohne solche imMindesten zu verarbeiten, eine neben die anderestellte; was ihn dann verhinderte, anders, alsdurch eine große Mannigfaltigkeit derselben, und
*) Einige charakterisiren so, bloß seine zweyte Manier, in welcher seine Bilder nur von ferne die gehörigeWirkung thaten In seiner frühern Zeit konnte man solche in der Nähe, wie in der Entfernung betrachten.Jene zwevte vertheidigte er gegen den Kaiser!. Gesandten zu Venedig , Franz yon Vargas, damit: Daß.in der Ueberzeugung, die Zartheit des Pinsels von Correggio , Parmesan und Raphael doch nickt errei-chen zu können, er jenen neuen Weg für sich gewählt habe. S. den 6>. Br. von Anton perez in derzweyten Sammlung derselben.
-n») Worunter indessen bloß das harmonische Nebeneinanderstelkellen, nicht Jneinanderschmelzen der Farben zuversieben ist; denn die seinigen blieben immer ganz (vieles, wie dÄrgensvillr l. 205. sich ausdrückt),odne Mischung, und haben sich daher auch so wunderschön erhalten.
«-»») Gestochen finden sich mehrere Verkündigungen nach Tizian . Z. B. zweye von C. Cort (eine von i577-selren). Eine andere von E. Vicns: eine dritte von I. Earalius, mit der Inschrift: loxm-rr»,»
nä c»L-rkm exemxiL, was, nach Huher, das nämliche wäre, zu dessen Urbild der Künstler jene durstigtBetheurung schrieb.