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Geschmack; herrliche Köpfe, und der Charakterder Zeichnung gelehrt, gut ausgesprochen und sogroß, als der Carracei*); in der Kirche St. Niklaus die vier Evangelisten in Fresco; eine Ma-donna mit dem Kinde, St. Niklaus und einemDoge; auf einer bedeckten Stiege, nahe bey dieserKirche, eine H. Familie mit zwey Engeln, übelvon der Zeit mitgenommen; in dem Stätuariodella Libreria, im Plafond: Eine mit Lorbeer ge-krönte Frau mit einem Kinde; in einem der Zim-mer der Prokuratie einen Kopf; in St. Salvatordas Hauptaltarblatt: Eine Verklärung, ausschwei-fend genialisch 6*), sehr nachgedunkelt, so daßes fast nur noch als ein rußfarbigres Grau inGrau erscheint; die Apostel im Vorgxunde Colos-sen; im Speisesaal des Fondaco de Ledeschi dieHalbstgur von einem Christus, ebenfalls, wie indiesem Zimmer Alles, nachgedunkelt; in der KircheSt. Leone, eben so, einen sonst schönen St. Ja-kob; in St. Giovanni Paolo das berühmteBild St. Peter des Märtyrers, ebenfalls an vie-len Stellen nachgedunkelt, und daher nicht mehrganz harmonisch; dann aber wunderschön composnirt, von wenigen Figuren in voller Thätigkeit,in einem großen Charakter und mit Feinheit derUmrisse sowohl als alles Details gezeichnet; derPinsel zierlich und wohl verschmolzen; das Colo-rit sehr schön, aber doch ein wenig zu röthlich —ob wohl der Künstler damit die Wuth des Mör-ders, und den Schrecken der Ueberfallenen aus-drücken wollte — was sich aber doch nur auf denGesichtern äußern kann? In den Lüften die wun-derschönen Engelchen; die Landschaft breit toccirt,von schöner Wahl, und wohl mit den Figurengruppirt; in St. Gwvanne Elcmosinario di Rialtedas Hauptaltarblatt (ohne Urtheil-f-); in der ChiesaDe Minori Conventuali dite dc Frari das Haupk-altarblatt: Himmelfahrt Maria , wahrscheinlicheinst von großer Schönheit, jetzt aber fast ganzerloschen und nachgedunkelt, so daß man nur nocheinige schöne Köpfe entdeckt; die untere Gruppeist wohl componirl, die obere aber scheint nichtgut mit ihr zusammenzuhängen, und Gott derVater macht in diesem Bild einen Fleck aus, daer von Oben und Unten mit Weiß umgeben ist;in der Scuola grande von St. Rocco eine wun-derschöne Verkündigung, in Figuren von natürli-cher Größe, die Köpfe voll Grazie, und vontrefflichem Colorit. Schade daß man es nur inder Entfernung genießen kann; in St. Niccolo deFrari, della Latuca genannt, dasHaupkaltarblatt:Madonna in den Wolken, von Engelchen umzin-gelt, unten die HH. Niklaus, Calharina, Anton von Padua , Franzisc und Sebastian, eine weit-schichtige Composilion; aber Alles ist darin füruns verloren, nur entdeckt man noch einige schöneKöpfe, und alle noch ersichtlichen Lichter sindgelblicht; in St. Sebastian einen St. Niklaus ,aus des Künstlers letzter Zeit; dem sonst gut ge-malten Kopf des Heiligen fehlt es an Würde;er scheint das mesquine Bildniß eines Quidamszu seyn; desto schöner sind seine Hände, und über-haupt die Arbeit an diesem Bilde schien uns sehrkeck und frey zu seyn; in St. Maria della Saluteein Pfingstfest, schön, doch nicht vorzüglich,wahr, aber ohne Feinheit, schlecht drappirt, unddas Colorit fast durchaus unrein; Ebendaselbst,aus Tizians erster Zeit ein Bild, worin manoben St. Marcuö, unten die HH. Sebastian,Rochus, Cosmus und Damian erblickt, von star-ker Färbung, gut und weich gemalt, schone Kö-
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pfe, nur etwas zu röthlich; an andern Stellendann gute und graue Töne; im Plafond voneben dieser Kirche drey in Fresco's : Adels Tod,das Opfer Abrahams , und David mit dem er-schlagenen Goliath, vortreffliche Compositionen,von großem Charakter und grandiosen, gut gezeich-neten Formen. In St- Johann Maggiore einenGr. Johann Baptista, vortrefflich gezeichnet, ob-wohl das Ganze nicht zierlich (?); schöne Krpft,feine und wahre Hände; die Lichter am Fleischgelblich, die Landschaft gut köccirt; in Et Mariauuova einen Hieronymnü in der Wüste, eine derletzten Arbeiten Tizians, noch von großer Schön-heit, in einer breiten und fetten Manier gemalt,und mit Charakter und Wahrheit gezeichnet; auchdas Colorit ist gut, doch ein wenig beschmutzt;in der Jesuitenkirche vörderst die berühmte Mar-ter von St. Laurenz^ff-), ein Nachtstück, gut ge-zeichnet, von großem Charakter und sehr breitemPinsel, mit schönen Köpfen und Händen, wohlgruppirt, und mit sehr reicher Architektur-Staf-firung, aber ganz in ein violettes, und hie unddort unreines Schwarz nachgedunkelt; dann eben-daselbst eine Himmelfahrt der H Jungfrau vonsinnreicher Composilion voll reger Handlung, mitschönen Farbentönen, neben einigen nachgedunkelrtcn Stellen, übrigens ziemlich gut erhalten; inder Sakristey von St. Marziale Tobias niit demEngel, ein vorzügliches Bild, in großer, einfa-cher, naiver und äußerst wahrer Manier gezeich-net, mit schönem Charakter, und dabey trefflichgemalt, doch von der Zeit ein wenig gelbirchk;in St. Ermagora und Fortunato, St. Marcuolagenannt, ein fast ganz verblichenes Christuskindmit St. Andreas und St. Calharina; im PallasteDarberigo (wegen der vielen dortigen Bilder vondem Unsrigen auch Scuola dcl Tiziano genannt);Dort, vörderst von religiösen Gegenständen: To-bias mit dem Schutzengel, Brustbilder; die Köpfenicht eben von so fettem Pinsel, wie andere dor-tige Tiziane, etwas flach, und, wegen den, fastMittellinien gleichen. Schatten ohne Relief, umso viel mehr, da die Drapperien hingegen kräf-tig, und dabey nachgedunkelt sind; eine Madonnamit dem Kinde und St. Magdalena, sehr schönund von markigtem Pinsel, die Charaktere derKöpfe aber nicht von edler Wahl; Christus mitdem Rohrstab, sehr schwach, ohne Feinheit so-wohl in Zeichnung als Farbe (übrigens aber un-gewiß); einen kreuztragenden Christus, Brustbild,ein schöner, sorgfältig gemalter Kopf (töte beau-coup psiute?), der Bart sehr schwarz, und nochdazu nachgedunkelt; die Drappirung schlecht ge-formt und unbestimmt; eine büßende Magdalenavon vielem Ausdrucke; die iu Thräne» ergossenenAugen wunderschön behandelt, der Kopf indeßnicht von schönem Charakter, die linke Hand aufdem Busen, die ihre Haare halt, herrlich, weitbesser als die andere; im Ganzen jedoch etwasSteifigkeit; die Drapperie ist gut, das Ganzetrefflich colorirt, und aufs Bcßte gemalt (<tu plusbeau /ur>e); einen St. Sebastian, kräftig, abernur halb ausgemalt, endlich einen (unsichern,und, neben dem nicht schönen) Sk. Hieronymus.Dann von weltlichen Gegenständen: Venus anihrer Toilette, die Hauptfigur von großer Schön-heit und Wahrheit, zumal für die Weichheit desFleisches und die Rundung aller Theile; der Kopfscheint das Bildniß einer schönen Frau, aber nichteben von griechischer Form zu seyn; die Haldtintensind fettlich, unentschieden, und scheinen an einigen
«) Welche, wohlverstanden, Lochlns Kunstlichter über Alle sind!
-itt) II ^ s uoe lureu, <le gerne. Was in aller Welt heißt das — zumal von Tizian Loben schon mehrmals angeführte.
s) Bisweilen folgt Cochin bloß der flüchtigen Anzeige von gedruckten Anleitungen, und ergänzt damit, waser nicht selbst gesehen, oder wessen er sich nicht mehr recht erinnern kann.
ss) Abermals (uns schon bekannte) Franzvs. Kunstbeute.
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