2048 Vecellio.
Stellen wie von ungefähr impastirt (?) tu seyn;der Kopf ist ein wenig klein, was bann die Schul-tern breit erscheinen laßt. Das Kind ijk trefflich;in den Mitteltinten desselben sind schöne graueTöne, welche an einigen Stellen eher zu Halb-schatten gehören; das Fleisch daran ist gut undrein gezeichnet, doch scheint es ihm an kindischerGrazie zu gebrechen; der rechte Arm der Frau istgegen den Ellenbogen ein wenig zu dick, und dielinke Hand hat etwas Steifes in der Lage derFinger; der Pinsel ist markigt, und die kräftigenHalbtinten haben etwas sehr frisches BIntrothes;dann Venus und Adonis, drittheil lebensgroß,ein köstliches Bild für Farbe und Zeichnung, undvoll Feinheit; zarte Füße, schöne Hände, nurdas Ganze ein wenig trocken; die Frau mit demSatyr, jene sehr schön, und die Farbe von fri-schen Mitteltinten, der Satyr schwarz, und zuschnell weggebürstet, überhaupt ein nur halb vol-lendetes Bild; endlich einen Prometheus, halblebensgroß, gut gezeichnet und componirt, vollCharakter; das, übrigens, zumal in den Mittel-tinten, sehr schöne Colorit zielt aufs Rörhlichte,und ist an einzelnen Stellen etwas unrein *); imPallaste Sagredo endlich einige schöne Bildutsse(nicht ganz sicher). Alle obige Notizzen über Ve nedig schließt dann Lochn» mit folgendem allge-meinen Urtheil über Tizian : „Allerdings ist der-selbe der größte Coloriste unter allen Malerschu-len. Wenn inan ihm auch in mehrern Rücksich-ten Rubens vergleichen kann, so ist es nicht min-der wahr, daß der Farbenzauber des erster» nochwunderbarer und wahrer als der des letztem ist.Dennoch war er sich nicht immer gleich, und fin-det man in Italien mehrere Bilder von ihm, die,wenn auch voll Schönheiten, dennoch einige Tro-ckenheit darbieten. Aber zu Venedig muß manihn sehen, wo man sein Meistes, und von seinerbeßten Zeit findet. Hier hat er den breitesten Pin-sel und die vollkommenste Färbung, und dabeyeine Wahrheit, Richtigkeit und Ausdruck der Zeich-nung, die bey großen Coloristen sonst selten ange-troffen wird." — In der herzoglichen Gallerie zuModena die Ehebrecherin (Haibfiguren in natür-.licher Größe mit 22 wunderschönen Köpfen fürCharakter, Ausdruck und Färbung); der halbnackteKörper der Hauptfigur ist durch die Zeit etwasgelblicht geworden, die Drapperie ist ein wenigrund, und die Falken nicht gebrochen genug; danneben daselbst (minder sicher) zwo H. Familien, dieeine sehr schön, von starker, doch etwas manie-rirter Färbung. — Zu Ancona , in St. Domiiüc,einen Christus am Kreuze. — Zu Bologna im Pal-laste Tanaro eine Marter von St. Laurenz, wel-che zweifelhaft und nicht sehr schön ist; im Pal-laste Locatelli eine Anbetung der Hirten, eben so;im Pallaste Zambeccari eine H. Familie auf Holz,mit St. Elisabeth, St. Catharina und St. Anton (wenigstens für einen Tizian gehalten) worinmanch Schönes, die Carnation indessen ganz son-derbar, sehr vollendet, aber aufs Rothe zielendund nur von gezwungener Lieblichkeit ist; ebenda-selbst einen St. Sebastian sehr schwach, mit unsi-cher angegebenen Muskeln. Zu Florenz , vör-derst in der Gallerie ein fast ganz verdorbenesBildniß; einen Judaskuß (bloß die Köpfe) von schö-ner Zeichnung und Ausdruck; der Kopf von Chri-stus hat zu wenig Detail, und das Bild über-haupt ist zu gelblicht von Farbe. In der Tribuneein kleines geistreich toccirtes Bild ohne Namen;eine sehr schöne kleine Madonna mit dem Kinde;
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eine andere ebenfalls sehr schöne, wo aber dieLichter durch die Zeit etwas gelblicht geworden;das wunderschöne Bildniß eines Kardinals**),eine sehr schöne Madonna; wieder ein Bildniß;dann hauptsächlich die beyden sogenannten Liebes-göttinnen in natürlicher Größe: Die eine mit demKinde, gut gezeichnet und von Gestalt eine völligausgebildete Frau, ein sehr schönes Bild, wenninan es allein sieht, aber von graulichrer Farbe,wenn man jene andere entdeckt, die in der Rech-ten Blumen hält, und die Linke nachläßig aufdiejenige Stelle fallen läßt, welche die Beschei-denheit zu verbergen befiehlt; zu dieser ihren Fü-ßen ein kleiner schlafender Hund, und in der Ver-tiefung zwey (allzukleine) Figuren, deren die eineKleidungsstücke aus einer Kiste langt. Das Ganzeist sehr kühn ausgeführt; auf.Hellem Grunde istdie Hauptfigur ebenfalls ganz hell gehalten, undliegt auf weißem Bettzeuge. Die Wahl des ju-gendlichen Körpers ist unvergleichlich : Ein schönesjunges Mädchen, das noch wenig Busen hat, inder reizendsten Lage, die Zeichnung fließend, vonhöchster Feinheit und Grazie, die Hände ohne diegeringste Manier, in der natürlichsten Lage. zu-mal die auf dem Unterleib, deren zierlich gedrehteFinger alle sich so schön reihen, daß man nichtsAngenehmeres wünschen kann; Beine und Füßeeben so von der zartesten Einfalt; der Kopf, inVergleichung mit dem klebrigen, nicht der voll-kommenste. Das Colorit ist die Natur selbst; ob-schon, wie gesagt, ganz helle, haben dennoch alleGliedmaßen ihre völlige Rundung, und die fastunmerklichen Uebergänge der Töne und Mitkeltin-ten noch eine Mannigfaltigkeit und Frische ohneGleiches, jene purpurfarbnen zumal, auf denKnieen, Füßen u. s. f. ***). Im Pallaste Pittkdann die große Merkwürdigkeit der Copie einerH. Familie von Raphael, durch den Unsrigen,und das vortreffliche Bildniß eines Pabsies vongrößter Wahrheit und schönster Färbung; dannferner zwey klelne Bilder: Einen todten Christusund eine Auferstehung, die zwar schön zu seynscheinen, aber in unvorrheilhaftem Lichte stehn;im Pallaste Riccardi etliche schöne Köpfe. — Inder Königl. Gallerie zu jIeapel eine Leda, derKopf eben nicbt von großer Schönheit, der Kör-per mit viel Wahrheit gezeichnet, und das Fleischungemein weich; die Farbe wahr, aber nicht mehrfrisch genug, in den Schatten ein wenig schmu-tzig; immerhin ein schönes Bild; dann Ebenda-selbst Venus und Adonis, sehr schön; endlich ei-nige Bildnisse, darunter von höchster -Wahrheitdasjenige einer jungen Frau, der ein Aeffchen oderanderes derley Thier von der Schulter auf dieHand niedersteigt. Alles scheint aus dem Tuchhervorzuspringen. Im Pallaste des Fürsten dellaTorre ebenfalls zn Neapel ein (zweifelhaftes)Fraucnbrustbildniß, und im Pallaste Francavillaeinige Bildnisse, darunter des Künstlers eigenes,aber so grau, baß es nur als undeutliche Skizzeerscheint ff).
In neuern Tagen fand Morgenstern von Ti zian in der Tribune zu Florenz neben einemsprechenden Bildnisse des Prälaten Paccadelli,damals nur noch die beyden berühmten liegendenLiebesgöttinnen, welche er beschreibt, wie folgt:„Beyde sind ganz nackt. Die eine, auf einemprächtigen dunkeln Teppich hingestreckt, welcherein kleiner Amor hinter ihr zuzulispeln scheint, hakdie Formen der reifern Frau; diese Formen sind
'"') Noch folgt die allgemeine Bemerkung von Cochin: Alle diese Bilder von Tizian hätten den Fehler einer,wahrscheinlich von der Zeit gelblicht gewordenen Carnation.
-"-) Wohl die oben erwähnte Französische Kunstbeute des Bildnisses von Hppolit von Medicis.
Cook. unten die Beschreibung von Morgenstern.
4 ) In einem Schreiben von winkelmann an seinen Freund Berendis (-753) wird bemerkt: In der Gal-lerie zu Neapel befänden sich über zo Bildnisse von Tizian ; neben andern das Gesellfchafesbild Paul lll.vom Hause Farnese (drey lebensgroße Figuren.)