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schön und fest/ doch etwas derb und voll/ imGesicht jedoch von nicht unedel» Zügen. Ihr Coslorit ist etwas gelblicher, als daS weißliche, zarteder andern, die sich uns als ein vor kurzem auf-geblühtes, doch der Geheimnisse Aphroditens nichtmehr unkundiges Mädchen zeigt. Diese ist vollschmelzender Wollust. Unvergleichlich ist an die-ser, die auf weißem Leinen ruht, die malerischeBehandlung des Nackten, hell auf Hell, und dochAlles sich rundend. Besonders schienen mir dieHände und die über einander geschlagenen Schen-kel wundervoll gemalt. Wenn auch das Gesichtwohl von schönern Formen seyn könnte, so paßt«s wenigstens, zumal in den sprechenden, schwim-menden Augen, ganz zum Charakter der reizend-sten Buhlerin. Denn das ist sie, und mehr nicht.An eine Venus der Alten ist hier eigentlich nichtzu denken; diese verführerische Venezianische Cour-tisane ist's so wenig, als die Madonnen mancherneuern Maler wahre Madonnen sind. Es ist da-her auch nicht ganz passend, wenn der geistreicheAlgarorri diese Lizianische Schöne als Rivalinihrer damaligen Nachbarin, der Mediceischen Ve-nus, ansah. Die Nebensachen übrigens, dieBlumen, welche die reizende Buhlerin in der Rech-ten hält, das Hündchen zu ihren Füßen, die bey-den kleinen Figuren in der Ferne, welche Gewän-der aus einem Kasten langen, an welchen letztemKenner einiges zu tadeln finden, bemerkt mankaum über dem fesselnden tzauptcindruck diesesBlicks und dieser Gestalt in solcher Lage *).»Dann in der Gallerie der Malerbildniffe dasjenigedes Künstlers selbst: »Eines der ehrwürdigstendieser ganzen Sammlung; ein lebenskräftiger Al-ter, mit langem Bart, ernst aufblickend mit etwasherabgezogenem Mundwinkel. Eine goldne Dop-Pelkerte ziert den vielgeehrten Venezianer. Diefleischige schöne Linke des Farbenzauberers hältPassend eine Pallette. Es ist Fülle von Geist undkräftiger Sinnlichkeit in diesem Kopfe.» InNeapel sah eben dieser reisende Gelehrte von demÜnsrigen in der Kirche St. Domenicv Maggivre,eine Verkündigung, und preis't solche, als einesder vorzüglichsten Bilder dieser Stadt.
Von Tizians etwa noch bis auf uns gekom-mene Handzeichnungen bemerkt d'Argensville(Ausg. in d'o ll.-zu —12.) überhaupt, daß solcheselten seyen, meistens nur Federcroquis, leichtausgekuscht; nur einige mit gemischter schwarzund rother Kreide, und mit Weiß gehöht; Land-
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schaftliches **) und Bildnisse besonders wunder-schön. So sind uns z. B. aus dem Königl.Französischen Kabinete 9 dergleichen bekannt:St. Gregor der Große, der den vom Kreuze ge-stiegenen Christus anbetet, in schwarzer Kreidemit Weiß erhöht; die drey Göttinnen vor demParis , Federzeichnung; die Mäher welche ihreSensen schleifen, Studium mit der Feder; eineandre Federzeicbnung mit St. Hieronymus; Stadtan einem Berge; gebirgigte Landschaft, und eineandre mit Hirten, alle drey eben so; zwey alteMannsköpfe in Kreide. — Dann besaß noch 1810das Kabinet paignon-Dljonval zu Paris eben-falls nicht minder als achte: Des Künstlers aus-getuschtes Bildniß; dann eine Verkündigung,Federzeichnung mit Lack lavirt; eine Madonnamit dem Kinde, dem ein Engel Früchte reicht,Skizze grau in grau, in Oel 17" hoch, iZ"br.;Johann Baptist mit dem Kreuz in der Hand,ausgetuschte Federzeichnung mit Weiß gehöht;drey Landschaften, eine aus Friaul ; eine Stadtim Brand, aus welcher die Einwohner stieben;dann eine sehr schöne Zeichnung von Rubens nachTizians Seetreffen bey Cadore, wovon, wie wiroben vernommen, das Urbild zu Grund gegan-gen, und eine andere von Lorenz Credi, nachTizians Bildniß des Cardinals Dominic Tusche-rus. — Eben so viele fanden sich um dieselbe Zeitnoch im Cabinete des verstorbenen Malers Gpl-veftre, ebenfalls zu Paris , und darunter beson-ders eine große auf drey Blattern, mit der Fe-der, dann ausgeruscht und mit Weiß gehöht,welche die Versammlung der Pharisäer darstellt,wie sie sich über die Äerhaftnahme von Jesusberathen. — Auch Morgenstern fand in denCLXXXH. Bänden der reichen Sammlung vonHandzeichnungen in der Gallerie zu Florenz zweyevon dem Ünsrigen, die er aber nicht näher be-nennt.
Nun folgt noch die mühsame Litteratur dessen,was an die 200 ältere und neuere Meister nachTizian in Kupfer gearbeitet haben. Die bishe-rige reichste gedruckte Notitz davon giebt wohlder Winklersche Gantkatalog, mit welchem in-dessen auch derjenige von Brandes zu vergleichenist. Jener enthält 254 Nummern (der Blätteraber weit mehrere), und wird noch bedeutend voneinem handschriftlichen Verzeichnisse meines sel.Vaters übertrossen, welcher der ihm bekanntenBlatter nach Tizian über 400 aufzählt ***). Wir
Eiu Kupferstich der zuerst genannten Venus, von Maffard, ist in dem Prachtwerke: l'sl'Ie-.ux ero. <is!-> O-II. <ie kior. I.ivrsis. III. Von der zivepten wahrscheinlich in einer der spätern Lieferungen. Dieletztere stach auch Rob. Strange.
I» der Schrift: Winkelmann und fein Jahrhundert, S. ig-- heißt es bey Gelegenheit: „ObgleichTizian als einer der vortrefflichsten Meister auch IM Fache der Landschaft mit Recht gepriesen wird, somögen doch eigentliche Bilder dieser Gattung von seiner Hand eine große Seltenheit seyn" ; mit dem Bey-fügen: „Uns sind wenigstens bloß einige solche Zeichnungen von ihm, nur wie zum Scherz entworfen,bekannt geworden."
Worunter wir freylich auch die Blätter in folgenden, theils Tizian , theils auch neben ihm noch andernKunstlichtern gewiedmeten Werken rechnen. Dieses sind:
r) Oper» selecrior» TVelaaur 0»ilul>riei>si5 er Paulus Oslliari Vsroaeosis ioveoraruur er
pioxerunr, Huseque Lruxellensi's clelineavic er suulpsir. Or. boi. Veuer. 68<r. sgi-Bl.
das letzte nach Lintoret). Neue Ausgaben davon gab I. van Lampen 632 u. 84- Dann ließ Joseph Wagner die von le Febre bloß geetzten Blätter von I. s. Srostolon mit dem Grabstichel auffrischen(ob auch verbessern?). So erschienen sie (Or. kol. Veuer. 749.)
2) Der erste Theil von D- llouisa's: II grauste l'estro stelle pitlure e prozperrive sti Veneris (Or. kol.Veaer. 720.) welcher eben die vornehmsten Gemälde dieser Stadt in 6z Bl. (elend genug) darstellt.
z) Di-ranr p. Laligri, z. kobusti er I. s paar« Opera selecriors, » L. ^oglo,
liguo eoelara er eoloribu, asturnbrars (d. h. in Helldunkel gefertigt) Or. kol. Veuet. 745. In des alte»Hugo Carpi's Manier, aber freylich weit unter diesem.
4) L colleerion, coasisting c»k rlrirt^ Idrckinßs skrer vrigiusi OrLvüuß, (mehrerer meist Italienischer Mei-ster, und darunter auch Tizians) colleccest 1,7 lbs Isce Lav. Ourri ok Koma, anst rlie plsre, exeeurestI>7 Lar/o/uerr, 2 occ/rr ot pioreuce erc. Or. kol. l.oust. 765. Ein uns selbst nie zu Gesicht gekomme-nes, wahrscheinlich schönes Weck.
Noch bemerken wir hier; Daß die reiche Dresdnische Kupfersammlung das Tizianische Werk in fünfFvliobänden besaß,
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