V e r n e t.
mancherley Völkerstimmung dargestellt findet: DerFranzose in Norden ist nicht einer in Süden; undein Matrose aus Bretagne benimmt sich anders alseiner aus der Provence . Der Himmel ist eben sowenig einerley, und selbst die Wogen des Mittel-meers brechen sich anders als die des Südens*)".Alle diese Bilder wurden an Ort und Stelle ent-worfen, und in diesen Entwürfen, mit gewissenihm eigenen Zeichen, auch Ton und Farbe bedeu-tet, welche jeder Gegenstand zur Zeit der Darstel-lung hatte, so daß er alsdann zu Paris , oder woer immer an die Ausarbeitung ging, auf seinerPalette die Uebersetzung jener Hieroglyphen leichtwieder fand. Daher die unnachahmliche Wahrheitseiner Bilder. Auch erzählt man sich: Daß, alssein Seehafen von Marseille dort anlangte, undunter den zugedrungenen Neugierigen sich auch einMatrose befand, derselbe, beym Weggehen seinUrtheil mit dem naiven Wort ausdrückte: „Eslohnte sich wohl der Mühe hiehcr zu laufen; konnt'ich doch nur im Hafen bleiben; dort sieht manvöllig dasselbe**). Zwey Marinen mit Nebel,ebenfalls im Französischen Museum, sollen dieseNaturerscheinung sehr gut darstellen, und dochnicht einmal die gelungensten dieser Gattung seyn.Dann werden, neben seinen Seestücken, noch andreseiner Bilder gepriesen. So z. B. seine Baden-den, dieß namentlich auch wegen dem schönen,und doch so anständig dargestellten Nackten ***);bann ein Waldwasser, das sich in einer steilenFelsgegend durchdrängt. Jtzt wieder Anderesminder Gelobtes, wo die Laune oder der unächteGeschmack der Besteller den Künstler irre machenmochte, der denn doch das poetische seines Pinselsin Stürmen, Gchiffbrüchen u. d. gl. vornämlich,und dort wahrhaft, dramatisch entwickeln konnte.In dieser Gattung sieht man bald ein Schiff, dasan einem einzeln stehenden Felsen scheitert (wahr-scheinlich in der Seegegend bey Frejus ); bald denbloßen Anfang, ein andermal das End einesSturmes, wo einer auf den Knieen Gott für dieRettung dankt; meist Alles mit unnachahmlicherWahrheit, nur selten etwas übertrieben". Der Sa-lon von i^65. war besonders reich anverner'schen-Bildern. Man höre nun, wie Diderot (dernoch dazu kein besonderer Freund des Künstlerswar, und sich wohl von abstrackten Ideen undMeinungen, aber selten so von materiellen Dingenenthusiasmieren ließ) gegen Gnmin über jeneBilder sich vernehmen laßt: „ Zwanzig Gemälde vonverner, oder gar fünf und zwanzig — und welcheGemälde! Ein Schöpfer für Schnelligkeit, für dieNatur, selbst für die Wahrheit. Die zwey Jahre,welche er mit allen diesen Bildern zubrachte, hätteein Anderer auf ein einziges derselben verwendenmüssen. Was für unglaubliche Lichteffecte, welchschöne Himmel, welche Wasser, welche Ordonnaz,was für wunderbare Abwechslung der Scene!Hier trägt ein Vater sein dem Schiffbruch entron-nenes Kind auf der Achsel; dort liegt eine Frau todtam Gestad, neben ihr der untröstliche Mann. DasMeer braust, die Winde heulen, der Donnerschallt, ein blasser Blitzesschimmer bricht durchdas Gewölk, zeigt und birgt wieder die Scene.Ein Lerm erschallt aus einem sich öffnenden Schiffe;seine Masten sind im Sinken, und die Segel zer-reiffen; auf der Schiffbrücke Einige, die Armezum Himmel erhoben; andre haben sich ins Wassergestürzt; das Wasser hat sie gegen die nahenFelsen gefluthet, wo ihr Blut sich mit dem Schau-me der anprellenden Wellen mischt. Hier wirdeiner in den Abgrund versinken, dort mühet sich
Vernet. 2097
ein Anderer das Gestad zu erreichen, das ihn zer-schmettern wird. Eben diese Mannigfaltigkeit vonCharacktern, Handlung und Ausdrucke herrschtbey den Zuschauern; die Einen, voll Angst undSchrecken, wenden das Gesicht ab; Andre eilenzu Hülfe; die Dritten schauen unbeweglich zu.Etliche haben ei» Feuer unter einem Felsen ange-zündet, wo sie eine in Ohnmacht gesunkene Frau-ensperson wieder ins Leben zu bringen suchen, und— ich hoffe, es wird ihnen gelingen! Wendenwir unser Aug'auf ein anderes dieser Bilder, undwir erblicken die Meeresstille mit allen ihren Rei-zen; ruhiges, ebenes, lachendes Wasser dehnt sichaus, verliert sich unvermerkt in seiner Durchsich-tigkeit, und erhellt sich eben so unvermerkt aufseiner Oberfläche, vom Gestad' an, bis wo derHorizont an den Himmel stößt. Die Schiffe stchnunbeweglich. Matrosen und Reisende überlassensich jeder Belustigung, die ihre Ungeduld, anihrem Bestimmungsort anzulangen, täuschen kann.Ist es ein Morgen, so erheben sich leichte Dünste,welche die Vegetation erfrischen und beleben; ist'sein Abend, wie vergolden sich da die Gipfel derBerge! Wie röchen sich die Himmel mannigfaltig,wie wandeln die Wolken, und lassen auf demWasser ihre Gestalten und Farben Widerscheinen!Gehen Sie auf's Land hinaus, und beobachtenirgend eine Naturerscheinung des Augenblicks,und Sie werden schwören, man habe ein Stückder vor ihnen liegenden Landschaft abgeschnitten,und es auf vernets Staffelei übergetragen;oder machen Sie aus Ihrer Hohlen Hand einenTubus, und sehen dadurch ein Stück der Land-schaft an, so werden Sie wieder schwören, manhabe ein Bild von verner ab der Staffelei ge-nommen, und hinauf an den Himmel getragen.Seine Nächte dann sind so rührend, als seineTage schön sind. Gleich bewundernswürdig wenner sich sclavisch treu an die Natur hält, wie wennsein Pinsel fesselos sich selbst überläßt; unbe-greiflich, wenn er fich der Sonne oder des Monds,des natürlichen oder des künstlichen Lichts bedient,seine Bilder zu beleuchten; immer harmonisch,kräftig, und doch nüchtern, jenen großen seltenenDichtern ähnlich, deren poetische Ader mit ihrerUrtheilskraft im Gleichgewichte steht, so daß sienie weder übertrieben noch kalt sind. Was Staf-firung heißt: Bauten, Kleidung, Handlung,Menschen, Thiere, Alles ist bey ihm wahr. Manmöchte sagen, daß er zuerst die Landschaft er-schafft, und dann Männer, Weiber, Kinder imHinterhalt hat, womit er jene, wie eine Coloniebevölkert, und ihnen, gleich Lueians Jupiter,Witterung, Glück und Unglück zusendet, wie esihm gefällt. Dieß heißt Jupiter: Die Welt re-gieren, und hat Unrecht; verner aber nennt es:Malen, und hat Recht —Nun folgt über dieMondscheine unsers Künstlers allerlei Lesenswer-thes, hauptsächlich darüber, wie weit schwereres bey denselben (wo man das erleuchtende Gestirnselber sieht) sey, Licht und Schatten gehörig abr .zustuffen, als bey den Gegenständen die von derSonne beleuchtet sind. Das Französische Museumbesitzt dreye dergleichen vortreffliche. Nun kömmtunser Verfasser auch auf verner den Menschen sehrausführlich zu sprechen. Hier das Wesentliche:„Er war gefühlvoll, und darum auch liebenswür-dig. Alle jene sanftern Leidenschaften, die dasLeben theils quälen. theils verschönern, kannteund wußte er einzuflössen; auch die Freundschaftkannte er — wo nicht jene ausschließende roman-tische, doch jene wohlwollende gesellschaftliche.
2) Gestochen sind diese Seehäfen von C- N. Cochin und I. Ph. le Bas gemeinschaftlich.
Dieß ist dasselbe Bild, wo man des Künstlers Gattin (eine junge und schöne Cngelländerin, die er r»Rom geheurathet hatte) erblickt, wie er ihr den hundertjährigen Hnnnibnl vorstellt, der nichts als Brannt-wein trank, und, indem er einen andern Hundertjährigen überlebte, der sich mit lauter Milch nährte, vondiesem letzter» sagte: »Das dacht' ich immer, daß man bey solcher Nahrung nicht leben kann"!
2*2) Mn kennt davon den berühmten Stich von Balechvn.
M m m Nl m m m m m IN IN m s