20g6 Verriet.
Zg5 — Zg6) „Wiewohl vernet in allen Theilender Landschaftmahlerey sehr glücklich war, so be-haupten dennoch seine Seestücke, voll reicher über-all durchblickender Schönheit, den ersten Rang.Bald stellen sie einsame Felsengestade dar, welcheden Zuschauer zu einer sanften Melancholie stim-men, bald geräuschvolle Hafen und die lebhaftestemcrcantilische Thätigkeit. In seinen Stürmen undSchiffbrüchen aber kann man ihn dramatisch nen-nen ; denn sie enthalten eine Scene, wobey dieMenschen im Kampf mit dem unbändigen Elementihrem Schicksal unterliegen. Auf dem einen Bildesieht man ein Schiff, das die Wellen an einemschroffen Felsen zertrümmern, auf dem andern denAnfang eines Orkans, oder die Wogen, welchesich nach dem Sturm besänftigen. Der Effectdieser Bilder ist außerordentlich; der Himmel istin schwarze Wetterwolken gehüllt, wir möchtenden hoffnungslosen Schiffbrüchigen beistehen, wirglauben das Rauschen der Meeresfluth, ihr dum-pfes Gemurmel, das Heulen des Sturms zwischendem Tauwerk, und die Angst und Bangigkeit derUnglücklichen zu hören, die ihr Grab in den Wel-len finden. Licht und Schatten sind vollkommenbehandelt. Dasselbe Lob verdienen seine ruhigenEeestücke beym Auf- oder Untergang der Sonne.Die Gestade spiegeln sich in der hellen Flache desMeers, die mannigfaltigen Farbentöne am Him-mel fliesten in einen sanften Rosenschimmer zusam-men und malen ein Ganzes von Ruhe und Ein-heit; alles schwimmt in einem röthlichen Dunst.In der Nahe und Ferne gleiten große und kleineSchiffe durch die Wellen; die Ufer sind mit Bäu-men geschmückt und mit üppigem Gesträuch inschöner Verwirrung umrankt. In diesen Werkenist alles vereinigt; tiefes Gefühl, und erstaunlicherReichthum der Kunst''. Lanzi (Lci. terr:.)ll.270 vergleicht unsern Künstler mit seinem MeisterManglard, wie folgt: »Dieser war von gründli-chem, natürlichem, stets mit sich selbst überein-stimmendem Geschmacke; sein Schüler verriet dannvon einem Geiste, welcher freylich Manglards sei-nen übertraf. Man möchte sagen: Der Lehrerfürchtete stets, sich nicht zu irren; der andereging sicher seines Weges; jener wollte wahr, die-ser schön erscheinen. Man vergleiche die Werkedes Lehrers z. B. in der Villa Albani mit denendes Schülers im Pallaste Rondanini". Hörenwir nun auch über verriet die Urtheile dreyer dereinsichtigsten Kunstrichter unter seinen eigenenLandsleuten an. Dörderst ganz kurz (und vielleichtetwas zweydeutig) wareler: „Seinennicht sehrmannigfaltigen ( rneciiocrement vnries) Landschaf-ten gab er die reitzende Gestaltung der Natur,ohne sie darum sclavisch nachzubilden, vereintemit einer guten Wirkung (bontö lls I'eKVt) daswas man Wahrheit des Colorites nennt, und be-lebte seine Figuren mit einem Geiste, der allenseinen Bildern das Siegel aufdrückt. Sein Nameließ ihn durch Luwig XV. nach Frankreich berufen ,um die bekannten Seehasen zu schildern, eine demScheine nach undankbare Arbeit, wie Alles, wasdem Genie des Künstlers Fesseln anlegt, bey wel-cher er aber auch die gewissenhafteste Genauheitanziehend und malerisch zu machen wußte. NachVollbringung dieses Geschäftes, welches ihm neuenBeyfall zuzog, kam er auf seine erste Gattungzurück, und wenn man seine Gemälde ansah,welche er itzt zu Paris machte, hatte man denkensollen, daß er noch die nämlichen Gegenstände und
V e r n e t.
dieselbe Landschaft vor Augen habe, welche ihnfrüher begeisterten. Er arbeitete bis in seine letz-ten Lebensjahre, ohne daß weder fein Körper,noch sein Geist, noch seine Munterkeit, noch seinTalent die geringste Abnahme verspürten". Undnun den geistreichen Verfasser des Textes zu dem:Llanuelssran^sis VII. Ickvr. 8°. karis 1802. Dortwird z. B. bemerkt: „vernees erste, von seinemVater geleitete Studien, gingen aufdie Gefchichts-malerey, und man bemerkt bald in allen seinenBildern, daß seine Zeichnung und seine Zusam-mensetzung durch jenes Studium gleichsam erhöhetwurden. Daher sind die Figuren seiner Land-schaften immer geschichtlich, und haben keinen an-dern Fehler, als daß sie etwa für die Stelle,welche sie einnehmen, zu groß sind; jede für sichhingegen ist von einer Richtigkeit und Reinheit,die man in dieser Gattung nur noch bey Salvator Rosa findet. Das Dramatische in der Landschaftwurde eigentlich zuerst von ihm nicht bloß versucht,sondern auf eine Höhe gebracht, welche späthereKünstler nicht mehr erreichen mochten". JenerKunstrichter durchgeht zum Beweise dessen 2gVernetische Bilder^); darunter zweymal: Dievier Tagszeiten, theils für den Grafen von Artois,theils für den König zu Choisy gemalt, von wel-chen er den erstem den Vorzug giebt**-. An einerandern Stelle heißt es: „verlier war in seinemAchtzehnten nach Rom gegangen, und blieb 20Jahre daselbst. Seine ersten dort gefertigten Werke(noch ehe er sein besonderes Talent für die Marineentwickelt hatte) dienen zum Maaßsiabe seiner:Fortschritte. So sieht man z. B. im Französischen Museum zweye, welche die erste Stuffe zu seinerVervollkommnung bezeichnen: Das eine die An-sicht von der Engelsbrücke***), das andere dieje-nige von Porte-Rotto. Dieselben sind, wie ge-sagt, noch nicht die Vollkommenheit selbst, abersie verkündigen und verheißen solche; noch ist dieFärbung minder glänzend und minder fest, derHauptton minder rein, die Tinte etwas gelblicht(was sich späterhin nie mehr bey ihm findet); dieFiguren minder interessant und minder motiviert.Unter der Menge dessen, was er zu Rom ge-malt , wird auch hier das im Pallast Rondanini vor-nehmlich genannt, wo er die Gattung von S.Rosa nachahmte, und sein Muster erreichte.Dann, was er für die Gallerie Borghese, undin andern Städten Italiens , wie z. B zu Ge nua und Neapel gemalt^)." Als eines seinerschönsten Bilder im Museum zu Paris nennt ereine Morgendämmerung in der Gegend von Nea pel — die Natur selbst, in aller ihrer Schöne,.und besonders auch in ihrer Einfachheit ch-fi); diesah man bey ihm nicht immer — wie z. B. zu Ge nua im Pallast Valenti, wo er einen Wasserfallmalte, welcher freylich einen Chinesischen Gartensehr gut zieren würde, und worin die Natur, wennman will (?) übertreffen, aber sicher nicht nach-geahmt ist. Nach Frankreich kam er zu einer Zeitzurück, wo die Kunst im großen Verfall war.Gelbst verner's Receptionsstück: Ein Seehasenbey Sonnen - Untergang, trug Spuren hievon.»Itzt aber" lesen wir (I. c. 45—46) „fing er an,aus Auftrag des Hofs jene prächtige Sammlungvon Seehaven zn verfertigen , die nicht bloß einewunderschöne Kunstarbeit, sondern auch geschicht-liche Denkmale sind, in welchen wir die wichtigstenöffentlichen Anstalten, das Klima, die Localsitken,die Gebräuche der Zeit und die Physiognomie von
-2) Und gibt solche in gar nicht scheinbaren, aber darum nicht minder recht guten Umrissen.
**) Die einen dieser vier Jahrszeiten sind von I. Aliamet, die andern von L. I. Cathelin gestochen, jenedem Marquis de Villetre, diese dem Marquis de Marigny zugeeignet. Letztre werde» bey Srandcsschon genennt; welche derselben die des Grasen von Artois seyen, ist uns unbekannt.
1.. I, rc.
f) Sonderbar, Cochiu erwähnet ihrer nirgends.
ff) Wer namentlich dieses gestochen, da der Blätter nach seinen Gegenden um Neapel so viele sind, istuns unbekannt.