Band 
Zweyter Theil [4].
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V e r n e t.

der Composition aus. Er hat eine ihm ganz ei-genthümliche Lokalfarbe, einen lebendigen undgeistreichen Pinsel. Seine Originalität ist so auf-fallend, daß sie auch von wenig unterrichtetenPersonen bemerkt wird. Wie sehr er jenen bren-nenden Enthusiasmus besaß, der die hohen Schön-heiten der Natur fühlen und ergreifen lehrt, be-weist der Zug, daß er einst auf einer Seereise,da er keine andre Gefahr kannte, als die, ein soherrliches Schauspiel nicht vollkommen zu genießen,sich an den Mastbaum anbinden ließ, um diefurchtbare Majestät des Aufruhrs der Elementedesto besser betrachten und studiren zu können.Man hält ihn allgemein für den Seestückmaler,der sich am meisten der Vollkommenheit genäherthabe. Andre haben einen wahrern Farbenton ge-habt, haben einige Sachen besser ausgedrückt.LIaude Lorrain hat die Farbe der Luft und desLichts besser wiedergegeben, hat Himmel undMeer mit größerer Wahrheit des Tons gemalt.Backhuisen und andre Holländer haben die Schiffecorrecter gezeichnet, als er, und ihre verschiednenBewegungen besser gekannt. Aber Verner hatmehr große Theile in seiner Kunst in sich vereinigt,als keiner von ihnen; er hat mehr Wärme, mehrEnthusiasmus, mehr Seelenerhebung, als sie alle.Die Anordnung seiner Werke hat eine so vollkom-mene Einheit, daß man nicht den kleinsten Theildaraus wegnehmen könnte, ohne ihnen zu schaden.Er hat die Figuren so gut angebracht, daß siedurch die Art, wie sie zusammengestellt und gemaltsind , immer viel zur Wirkung seiner Gemälde bey-tragen. Er hat die Einheit des Tons, den dieNatur zu verschiednen Tagesstunden hat, gutaufgefaßt; ja er ist auch wegen der großen Mengeder einzelnen Gegenständen bewundrungswürdig,die Niemand so gut, wie er, dargestellt hat. Werhat wahrere schöner geformte Felsen gezeichnet,wer hat sie mit mehr Geist und Wärme gemalt?Besser, als kein andrer Maler, hat er die schöneGestalt der Wolken dargestellt, jener ungeheuergroßen und doch leichten, blendenden und finsternKörper; jener schwimmenden, emporgehobnen,umgestürzten und vom Winde zerstreuten Berge.Kein andrer hat, wie er, das Gewühl des schreck-lichen Orkans durch die kunstreiche Vertheilung vonLicht und Schatten ausgedrückt. Wer hat so,wie er, den Wellen des Meers Schönheit, Grazie,Kraft und, sozusagen, Ausdruck gegeben? Mitder treffendsten Genauigkeit hat er alle ihre For-men aufgefaßt, sie mögen nun majestätisch daherfliessen, oder furchtbar zürnen, oder sanft dasUfer bespülen, oder in schäumenden Massen unge-stüm das Ufer peitschen, die Felsen durchwühlenund zum Himmel emporspritzen. Auch das Ehr-furcht gebietende Aussehn der Schiffe hat er sehr gutdargestellt; wenn andre alles Tauwerk getreu aus-gedrückt haben, so hat er dagegen allein ihr Le-ben, so zu sagen , ihre Seele wieder zu geben ge-wußt; welcher andre Pinsel hak einen so anziehen-den Reiz, wie der seinige, wenn er sie, von denWinden und Wogen verfolgt, mit zerstörtemTackelwerk, zersplitterten Masten und zerrißnenSegeln in traurigen Trümmern schildert? Welcherandre Szenenmaler hat in seinen Gemälden sowahre und rührende Auftritte angebracht? Wietreffend und ausdrucksvoll hat er die unglücklichenOpfer der fürchterlichen Wuth der Wellen darge-stellt! Oft wirft die verhüllte Sonne nur ungernihre Stralen auf diese traurigen Szenen; oft blen-det sie mit allem Glänze ihrer Pracht und Schön-heit, und erfüllt sie mit ihrem unendlichen Feuer;oft werden sie nur von einigen blassen Stralen desMondes erhellt, oft nur dnrch Wetterleuchten undBlitze. So wie er bey Stürmen die unruhigen

-) Herrn Hue.

Verner. 2099

Linien, die gewitterhaften Formen gut anbrachte,um den Tumult der Elemente auszudrücken, ebenso hat er bey heitern Tage solche auszuwählen ge-wußt, die den bezauberden Reiz der Natur aus-drücken. Ungeachtet seine Sturmgemälde seinHöchstes sind, so hat er doch auch herrliche Stückegemalt, die den ruhigen Himmel zu verschiednenTageszeiten schildern. Ein Arm des Meers, inwelchem die azurnen Wellen in einer lieblichenLandschaft wogen und glänzen; ruhige Meere, vonSchiffen durchfurcht, die ein sanfter Wind treibt;friedliche Ufer, an denen glückliche Fischer, mittenunter ihren angenehmen Geschäften, ihre Liebe undihr freyes Leben zu besingen scheinen. Er hat denhehren Anblick der Alpen und der Apenninen ge-malt; die herrlichen Wasserfälle, die malerischenAussichten von Frascati und Tivoli, die er mitdem ganzen Enthusiasmus eines jungen Geniesdarstellte. Bald schildert er die Kühle und diesanfte Klarheit des Morgens und zeigt die Sonne,wie sie aus dem unbeweglich ruhigen Meere em-porsteigt; bald wie sie sich, von Gold und Pur-purfeuer umgeben, herabsenkt und zugleich Him-mel, Erde und Meer zu umarmen scheint; baldzeigt er sie beynahe ausgelöscht von einem dickenNebel, welcher der Natur einen neuen Reiz ver-leiht, indem er sie kaum sichtbar werden läßt.Feuersbrünste mitten in der Nacht jene präch-tigen, herzzerreissendcn und furchtbaren Schau-spiele, besonders in einem Seehafen, hat er mitschrecklicher Wahrheit dargestellt. Oft malte erden Mond, wie er glückliche Gestade beleuchtet; dievon Matrosen angezündeten Feuer bilden einenreizenden Conkrast mit den Silberstralen des Mon-des. Mit Vergnügen sieht man die ehrgeitzigenSterblichen auf der unendlichen Wüste des Meeresschweben, gerne erblickt man sie von Weitem in zer-brechlichen Wohnungen während der ruhigen Nachtdas Weltmeer durchschiffen. Seine schöne Samm-lung der Seehäfen von Frankreich würden alleinhinreichen, einem andern einen großen Namen zuverschaffen, ungeachtet seine feurige Einbildungs-kraft mitten unter Klippen unter zürnenden Wogenlieber verweilte, als auf einem Zimmerplatze, oderbep einem Arsenale und vor einer langen Reihe vonHäusern. Er hat diese Seehäfen mit der größte»Wahrheit dargestellt, und jeder Einwohner erkenntauf denselben sein Haus; aber er hat diesen gro-ßen Abbildungen alle dey Reiz mitgetheilt, dendas Genie immer hinein zu bringen weiß, auchwenn es bloß nachahmt; er hat die Vorgründe mitFiguren bereichert, deren Gruppen geistvoll ge-dachte und ausgeführte Szenen sind. Diese kost-bare und wichtige Unternehmung, die von einemgeschickten Künstler -») fortgesetzt wird, ist einesder schönsten Denkmäler, daö die Künste demPatriotismus der Franzosen und der Neugierdeder Ausländer darbieten konnte». Geliebt von denMächtigen, so wie von den großen Männern sei-ner Zeit, geschätzt von ganz Europa , genoß ver-ner während seines Lebens den Ruhm, den erverdiente; er Hai sich auch nach seinem Tod er-halten , und sein Name wird immer einer von den-jenigen seyn, die den Künsten und seinem Vater-land am meisten Ehre machen**)". Die Schrift:Hhinkelmann u. f. Jahrhunderts S. 244 be-merkt über verner (wahrscheinlich nicht zumPreise):Daß er einer der ersten gewesen, ver-wirkliche Aussichten gemalt habe, wodurch dennder Geschmack an dieser Gattung, der seitherso sehr um sich .gegriffen, zuerst begründetwurde". Was das Französische Museum vonihm, wahrscheinlich meist von ältern Tagen her,von verner auszuweisen habe, haben wir gutenTheils schon oben vernommen. Auch Landon

-») Einen Aufsatz über vernet, aber wesentlich aus Taillaffon gezogen steht in Meusel's Arch. IV.13036. Noch lesen wir Verschiedenes über ihn bev Gault be 6-t- Germain S. 245 nnd folg. Dortwird sein Kunst-Charackter also bestimmt:Poetisches Genie, geschickte Linear- nnd Lnstperspective,