Diplomatie Z01
ein andres Betragen zu federn, als er sich gegen ihn erlaubt. Diese Ausfluchtwird freilich nickt eher wegfallen, als bis die Staaten selbst anfangen, die Tugendüber Alles zu achten. Die Bearbeitung einer Diplomatie als Wissenschaft ist indiesem Sinne noch zu erwarten. Was man in Bielefeld'S „Inslilulions zmliti-gni-x" darüber findet, ist sehr unvollkommen. Die Schriften von SchwarzkopftKoch und Mariens dem Ältern, u. a. enthalten nur Sammlungen von Acten-,stücken, welche zur Belehrung über die zwischen den bestehenden Staaten vorhan-denen Rechtsverhältnisse dienen, und sind daher zwar für den Diplomatiker nützlich,ja unentbehrlich, aber sie geben keine Theorie der Diplomatie. Den Standpunkt,welche» die Diplomatie als Wissenschaft jetzt erreicht hat, kann man ersehen ausdem „älauuel eli^iexualigne psr >e bare,,, lAiarlc» >1o Harte»!," (1822). Ei-nen Versuch zur Theorie hat Luden in s. „Politik" gegeben. Da er aber die Prin-cipien derselben in der Geschichte und nicht iwder Vernunft sucht, so kann das Un-ternehmen nicht unter die gelungenen gerechnet werden, und die Ehre, eine gründ-liche und mit den moralischen Vernunftprincipien harmonirende Wissenschaft derDiplomatie geschrieben zu haben, ist noch zu erwerben. Vgl. Pölitz's Staats-wissenschaften", 2. A. , 1828, Thl. 5. 51.
Es war freilich eine Zeit, in welcher nur echte und gründliche Gelehrsamkeit,Kenntniß der alten und neuen Sprachen, der Geschichte und des Rechts Zemandenzum ausgezeichneten Diplomaten machten. Die feierlichen Reden mußten in derSprache der Gelehrten gehalten werden, alle Verträge wurden lateinisch abgefaßt,Latein war die allgemein diplomatische Spräche. Noch der westfälische Friedens-congreß war zugleich eine Versammlung von Gelehrte»; die Namen Grotius undPufendorf bedürfen keines EommentarS. Mit Ludwig XI V. beginnt die zweiteEpoche der Diplomatie, in welcher dic franz. Sprache allgemein herrschend wurde;zugleich gaben Prinz Eugen von Savoyen und VillarS 1115 ein Beispiel, daß dergeübte Blick und die entschlossene Handlungsweise des Feldherrn zu diplomatischenVerhandlungen nicht untauglich sei. Seitdem hat wol unter dem diplomatischenCorps mancher Name geglänzt, welcher auch in der Gelehrrenrepublik eine» ange-sehenen Platz einnimmt (Azzara, Lucchesini, Orloff, ^ouza, Niebuhr u. s. w.),allein dem Vorwürfe konnte die neuere Diplomatie doch nicht entgehen, daß sie sichmehr aus die kleinen Künste der Höfe, mehr auf die Kenntniß leerer Formen derEkiguckte,mehr aufeine schlaue Benutzung menschlicher Schwachheiten beschränkte,als daß sie sich auf den höher» Standpunkt allgemein menschlicher oder nur wahr-haft nationaler Interessen (welche zuletzt mit jenen immer in Eins zusammenfallen)zu erheben versucht hätte. Nichtssagende Formeln von politischem Gleichgewichtoder von einer erträumten Handelsbilanz haben lange Zeit in der Diplomatie dieRolle jener großen leitenden Grundsätze von Sittlichkeit und Recht vertreten müssen,von welchen allein das wahrhaft Nützliche ausgehen kann. Während der franz.Revolution gab es überhaupt, seit dem vom Grafen Carletti unterzeichneten Friedenmit Toscana 1195, keine freien Verhandlungen mehr, sondern nur Stipulationcnund trügerischen Schein von Friedens- oder Waffenstillstandsschlüssen. Napoleon hatte zwar eine Ahnung von jenen höher» Gesetzen der Verbindungen unter denVölkern; aber s. Ansichten von einer großen europäischen Dölkerfamilie hätten nurwahr, nicht leere Verwände des kriegerischen Ehrgeizes und der Herrschsucht seinmüssen, wenn sie der Diplomatie eine neue dauerhafte Richtung hätten geben sollen.Eine der merkwürdigsten Erscheinungen der neuern Diplomatie wird immer die Al-lianz vom 26. L^ept. 1815 bleiben, welche ohne Zuziehung diplomatischer Agentenoder contrasignirendcr Minister von den Monarchen Rußlands , -Ostreichs und Preu-ßens in eigner Person abgeschlossen wurde, und da sie durchaus auf keinen eigen-nützigen Zweck hindeutet, mit Recht eine heilige genannt werden kann. Überhauptist von dem Congresse zu Wien 1814 an, das persönliche Zusammenkommen der