Doginengeschichte 317
kenntnißvermögens Zu der Theorie der Erkenntniß selbst fortgeht, oder, wie derKant 'fche (mit welchem er nicht zu verwechseln ist), behauptet, daß der Mensch nurdie Erscheinungen, nicht die Dinge an sich zu erkennen vermöge, mithin seine Er-kenntnis; bloß subjective Gültigkeit habe, über das Wesen der Dinge .> pric», abermit Gewißheit nichts bestimmen könne. I.
D o g m e n g e s ch i ch t e. Vermöge ihrer Aufgabe, den Ursprung und die.Veränderungen der christlichen Glaubenslehren historisch darzustellen, soll diese Wis-senschaft nachweisen, was in jeder Periode der Entwickelung des kirchlichen Chri-stenthums von der sich rechtgläubig nennenden Kirche und von einzelnen Sekten alschrisil. ReligionSwahrheit anerkannt und gelehrt wurde, aus welchen Quelle» dieeinzelnen Lehren hervorgingen, mit welchen Gründen man ihre Glaubwürdigkeitbewies oder bestritt, welche verschiedene Grade der Wichtigkeit sie in verschiedenenZeiten erhielten, und welche Umstände das Urtheil darüber bestimmten, endlich welcheArt des Vertrags, der Form und Zusammenstellung der Glaubenslehren jeder Pe-riode eigen war. Die öffentlichen Glaubensbekenntnisse,Acten derKirchenversamm-lungen, Briefe und Verordnungen der Kirchenobern, Liturgien und Ritualbücher,die Werke der Kirchenvater und spätern Kirchenschriftsteller, auch Nachrichten gleich-zeitiger Geschichtschreiber sind die Quellen der Doginengeschichte, deren Studiumin den Ursprachen man mit genauer Kenntniß der politischen, Literar: und Kirchen-geschichte verbinden muß, um denStoff dieser Wissenschaft aufzufinden; ihn in dasrechte Licht zu stellen und sich den herrschenden religiösen und kirchlichen Geist jederPeriode mit den Verhältnissen, Umständen und Personen, die ihn bestimmten, treuzu vergegenwärtigen, wird aber nur Der vermögen, der bei solchen Sachkenntnissenauch Scharfsinn, Combinationsgabe und philosophischen Geist genug besitzt, umbündige Resultate auszumitteln, Unbefangenheit und Unparteilichkeit genug, umZeiten und Meinungen zu finden, wie sie wirklich waren, Umsicht und Billigkeit ge-nug, um, was ganzen Zeitaltern als wahr und göttlich erschien, nach den Bedingun-gen des Standpunktes ihrer Bildung zu würdigen. Die Geschichte der christlichenDogmen seit der Entstehung des Christenthums bis jetzt theilt man in 8 Perioden.Die 1. von der Stiftung christl. Gemeinden bis zum Auskommen des Gnosticismus(um 125) ist das Zeitalter der apostolischen Einfalt, die sich aus Verbreitung derLehren Zesu ohne gelehrte Untersuchung und svstei»akischeAnordnung derselben be-schränkte. Die 2. (von 125—325) zeichnet sich durch Erwachen der Lcheculaiion,zuerst in den Systemen der Gnostiker, und durch Anwendung griech. Philosophie aufdie christl. Lehre aus; letztere wurde in Alexandrien besonders von Clemens und L)ri-genes versucht, während die durch Justin, Zrenäus, Tertullian und Cyprian ange-regte Idee durchgängiger Einheit der Kirche und des Glaubens zu Derketzerungenund Streitigkeiten führte. Das Bedürfniß fester Lehrbestimmungen sollte das Con-cilium zu Nicäa (325) befriedigen, aber dieser Versuch, eine gesetzgebende Gewaltüber den Glauben der Christen aufzustellen, entzündete einen Parteigeist, der in denheftigen Arianischen, Nestorianischen und monophysitischcnStreitigkeit,»mehralsein Mal ungewiß machte, was rechtgläubige Lehre sei, und die Entscheidung darüberin die Hände der Hierarchen brachte. Die 3. Periode (325 — 604) ist daher dasZeitalter der kirchlichen Bestimmung des Lehrbegriffs durch das Ansehen der Conci-lien und Kirchenobern, unter denen einige an Geist, Charakterkraft und Thätigkeithervorragende Lehrer (AthanasiuS , BasiliuS d.Gr., die beiden Gregore, Hicrony-muS, AugustinuS und die beiden Päpste Leo l. und Gregor I. ) die Orakel der Recht-gläubigen wurden. Die 4. Periode, von dem Tode dieses Gregors (604) bis aufGregor VI l. (1073), zeigt nur im Vordringen derKirchenregenten zur unumschränk-ten Herrschaft Leben, sonst aber blinden Kirchenglaubcn, geistloses Nachbeten, ScheuVoruntersuchung und Neigung zum Abenteuerlichen. Auch in der griechischen, nunvon der lateinischen immer mehr geschiedenen Kirche siegte der Aberglaube durch die