Band 
Dritter Band. D bis E.
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Elisabeth von Frankreich

Die Liebe war ihre herrschende Leidenschaft, und oft sagte st« selbst zu ihren Ver-trauten: „Ich bin nur glücklich, wenn ich verliebt bin!" Ihre Eitelkeit, für dieschönste Frau ihres Reichs gelten zu wollen, hatte bei ihr, wie bei Elisabeth vonEngland , oft schreckliche Folgen. Dabei war sie nicht frei von abergläubischenBesorgnissen, die sie durch religiöse Gebräuche zu beschwichtigen suchte. Die Rus-sen nannten sie die Gütige. Aus ihrer Verbindung mit dem Feldmarschall Razu-moffsky hatte sie 2 Söhne und eine Tochter (die Prinzessin Tarakanoff). S. Le-clerc's „Iliütoiru lle l.1 lluüsie moüt-riw".

Elisabeth (PhilippineMarie Helene, Madame) von Frankreich , Schwe-ster Ludwigs XVI., geb. zu Versailles den 23. Mai 1764, starb unter der Guillo-tine am 10. Mai 1794. Ihr Leben ist ein Bild der zärtlichsten Geschwisterliebe,der liebenswürdigsten Tugenden, der höchsten Ergebung und weibl. Würde. Siewar das jüngste Kind ihrer Ältern (des Dauphins Ludwig und dessen 2. Gemahlin,Josephe von Sachsen), die sie schon im 3.1. ihres Lebens verlor. An ihrem Bruderhing sie mit unbeschreiblicher Innigkeit. Von Frau v. Macka», Untergouvernanteder Kinder von Frankreich , ward Elisabeth vortrefflich erzogen. Sie erwarb sich vieleKenntnisse, besonders in der Geschichte und Mathematik. Ihre beabsichtigte Ver-heirathung mit dem Herzog v. Aosta, Insanten von Spanien , 2. Sohne des Kö-nigs beider Sicilien, zerschlug sich. Als Ludwig XVI. sich die Blattern einimpfenließ, that Elisabeth es auch; sie ließ aber zugleich noch 60 junge arme Mädchen im-pfen, die mit derselben Sorgfalt behandelt werden »mißten wie sie selbst. Als manihr eine Haushaltung einrichtete, wies man ihr u. A. auch 25,000 LivreS jährl. zuDiamanten an, aber auf ihr Verlangen mußte die Summe 6 Jahre nach einanderan eine unvermögende junge Person, die sie liebte, gezahlt werden. Auf einem Land-gute, welches der König ihr gekauft hatte, verlebte Elisabeth die schönsten Stundenihres Lebens unter ländlichen Geschäften, imWohlthun und im Genusse der Natur.Der Anfang der Revolution störte dieses Glück. Die Versammlung der Notabelnflößte ihr Schrecken ein, aber bald wendetesie Alles an, um den Kummer zu mildern,der sich ihres unglücklichen Bruders bemächtigte. Sie war es, die ihm am 6. Qct.die Festigkeit einflößte, die er zeigte; sie begleitete ihn am andern Morgen nachParis und nach dem Stadthause. Als Ludwig flüchtete, begleitete ihn Elisabethund wurde von DarenneS mit ihm zurückgebracht; sie war es, die an seiner «eiteein Wüthender am 20. Juni 1792 für die Königin ansah und schrie: „Sehr da dieÖstreicherin! zum Tode mit ihr!" Als hierauf ein Gardeofsicier eilte, sie zu nennenund so den Irrthum aufzuklären, sprach sie: „O warum läßt man sie nicht in derMeinung, ich sei kieKönigin; es würde dann vielleicht ein größeres Verbrechen ver-mieden werden". Am 10. Aug. war sie durch Nichts, selbst nicht durch des KönigsBitten, zu bewegen, das Schloß zu verlassen; sie folgte ihm in die Versammlung.Da vernahm sie die Thronentsehung ihres Bruders und war 2 Tage lang Zeuge,wie man über die Wahl des sichersten Kerkers für die königl. Familie berathschlagte,-Lie ward mit in den Temple gebracht. Hier vergaß sie ganz sich selbst, um nur fürAndre zu leben. War sie am Hofe ganz Bescheidenheit und Güte getvelen, so warsie hier die Geduld und Ergebung selbst. Als Ludwig, als Marie Antoineite schonlängst geopfert waren, führte man auch Elisabeth (am 9. Mai 1794 um 7 UhrAbends) aus dem Temple in die Conciergerie, weil sie mit den Prinzen, ihren Brü-dcrn, Briefe gewechselt hatte. Sie ward sogleich bei geschlossenen Thüren verhört.Am andern Morgen erschien sie wieder vor dem Tribunale und antwortete, als nachihrem Namen und Range gefragt wurde, mit Würde: „Ich heiße Elisabeth vonFrankreich und bin die Tante Eures Königs!" Diese muthige Antwort, ausgespro-chen in einem Augenblicke, wo sie, ohne Beistand, nur von blutdürstigen Richternumgeben war, setzte diese in Erstaunen und unterbrach das Verhör. Man hatte mitihr »och 24 andre Schlachtopfer verurrheilt, war aber grausam genug, sie erst Zeu-Cvnversations-Lericon. Bd. lll. 22