Band 
Dritter Band. D bis E.
Seite
578
JPEG-Download
 

578

Englische Poesie

allen Ansprüchen der Kritik genügen kann. Zhm folgt Drvden, welcher gleich-,sam an der Spitze einer neuen Dichlerreihe steht, deren Ckarakter ein zahmerer, hersonders auch durch franz. Einfluß gebildeter ist. Seine Poesie, in der Erzählungund Sakyre am glücklichsten, ist fein, zart, reizbar und daher auch scharf und bei-ßend, sein Vers und seine Sprache größtcntheil« volltönend und glatt. Ein gei-stesverwandter Nachfolger Dryden'S ist Pope , dessen witzige und correcte Manierseit dem Aeitalter der Königin Anna den alt-englischen Nationalgcschmack ver-drängte. Bon seinen Zeitgenossen sind auszuzeichnen der elegante Addison, der alsProsaiker mehr leistete als durch seine Verse, der lebhaft komische Prior Gay, alsFabeldichter und Komiker glänzend, der gemüthliche Naturmaler Thomson undSwift in seiner sarkastisch-humoristischen Lelbständigkeit, ferner dertiefempfindende,feierlich kühne ^)oung, dessen religiöses Pathos aber oft in Schwulst ausartet, unddie trefflichen schottischen Volksstmger Allan Ramsay und Bruce. Um die Mittebis gegen das Ende des 18. Zahrh. blühen der philosophische Lehrdichter Akenside,der ElegikerGray, der geniale Goldsmikh, der humoristische Arzt Armstrong und dieLyriker Penrose und Burns. Zn der Übergangsperiode zur neuesten Zeit, die ein ei-genthümliches Gepräge in ihren poetischen Schöpfungen trügt, stehen der Berf. des„LeonidaS",Glover, dertiesschauendeCowperss.d.) und der ländlich heitreBloom-fleld. — Wer nun das Ganze jener dichterischen Leistungen übersieht, und in einerZeit von 60 — 70 Jahren, von der Mitte der Regierung Elisabeths bis zur Re-stauration, glänzende Namen wie Shakspeare, Spcnser, Sidney und andrefände, müßte wol gestehen, daß allerdings zum Theil Riesenwerke eines Volks mitscharfgezeichneter Volksthümlichkeir hier vollendet worden. Wie anders auch, dadie Zeit so glücklich war, daß der Hang der Vielwisserei und die davon unzertrenn-liche Sonderling und Vereinzelung die in sich gesammelte Geisteskraft noch nichtgebrochen oder zerstreut hatte? da noch kein Meistern und Mäkeln den Flug desGeistes lahmte? da das öffentliche Leben in einer große» Bewegung war, dieschmählichen Fesseln des Papstthums gänzlich abzustreifen? Die Bürgerkriege for-derten ebenso sehr starke Geister, als ih?c stürmenden Wetter den Schmetkerlings-staub der Phantasie verwehten. Hierauf schlich sich der franz. Gescbmack mit sei-nen feinen Schicklichkeilen und seinem AnstandSzwang ein, und ein witziger, prah-lerischer, glänzender Styl gewann die Oberhand, freilich auch ein schulgerechkerer,künstlicherer. Es war etwas Weltliches, Städtisches, Verständiges und Schälki-schcs darin, was dem Konig und seinen Höflingen, die vom heitern franz. Hofeherkamen und den tiefern schwere» Ernst verschmähten, besser gefiel; statt zarterPhantasie Satyre und Sophisterei, statt großer Gemülhsaufwallungen künst-liche Declamation, statt Shakspeare's weltumfassender, weltgeschichtlicher Sprache ,Dryden'S Persönlichkeiten und Unflätereicn, wie dies feine Travestien Shakspeare'sund Milton'S am besten beweisen. Dryden war zu seiner Zeit unstreitig der größteDichter Englands, Meister seiner Sprache wie Keiner, und hätte er nur seinesLandes frühere Muster vor Augen behalten, hätte er sich fern von politischen Par-teiur.gen, Höfen und Schauspielhäusern gehalten, er hätte eine unvergänglicheSchule gestiftet. Addison war der Höhepunkt jenes ausländischen Styls. »LeineÄngstlichkeit, Seichtheit und Beschränktheit, sein Mangel an allem Leidenschaftli-chen und Glänzenden verrathen auch keine Lpur seiner Landsmannschaft mirShakspeare. Pope ist geistreicher, geschmackvoller und belebter, aber, wie schongesagt, Satyriker, Moralist, Witzbold, Kunstrichter/ nur nicht Dichter. Dazufehlte es ihm an Phantasie und Leidenschaft. Er hat höchstens eine Poesie desSradt- und höher» Ständelebens. Unter der Königin Anna war diese Leucheaufs höchste gestiegen, und fiel seitdem immer mehr und mehr. Thomson zog wie-der etwas in das ältere VslkSthümlicbe, und gewann sich, trotz seiner Lchwerfällig-keit, doch viele Verehrer. Tdung hatte von beiderlei Styl, von dem, der uns Urstyl