586
Englische Medicin und Chirurgie
wollen; Untersuchungen muffen wir anstellen am lebenden Körper (Phvsioloqie,Pathologie) wie am todten (pathologische Anatomie); von diesem philosophischenGrundsätze ausgehend, haben unsere Harvey, Higkmore, Glissen, Warthon,Willis, Lower, Rckley, Cowper, Douglas, Cheä.een, Mouro, I. und W.Hunter, Cruikshank , I. Bell, Darwin u. Ä. die Welt mit ihren Entdeckungen überdie Natur und den Bau des menschlichen Körpers bereichert; den hohen Werthpraktischer Erfahrung, keinen andern anerkennend, beobachtete der zweite Hippo-krates, unser Sodenham, und so wurden unsere Hupham, Fotbergill, Tüllen, Brown,Armstrong, Bateman, Scudamore, Willan u. a. große Ärzte. So machte unserKenner die große Entdeckung derDaccine". Sind dies, wofern wir nicht irren, spre-chende Auge in der Charakteristik derMedicin derEngländer, so behaupten wir auch,daß sie sich, wie natürlich, überall auch im Einzelnen wiederfinden. Schon die wort-reichen und unbeholfenen Titel der meisten engl.-medicin. Werke deutenaufjenescniI»>»o, und die Ausführung derselben beweist es noch deutlicher. Was wir Deutscheeine logisch-systemat. Einteilung eines wiffenschastlichenWerkeS nennen, das wirdfast überall bei den engl. Ärzten vermißt, und eine oft ermüdende Reibe von C.a-es,die meistens quantitativ den größten Theil des Buches ausfüllen, muß hier logischeAnordnung und tieferesEindringen in den abgehandelten Gegenstand ersetzen. Aberes sind diese langweiligen Krankengeschichten (oft selbst Krankenjournale) der Eng-länder wenig nützlich, weil die Krankheiten durch unmäßiges Blutlaffen und Arznei-geben erst künstlich gemacht und einseitig nach vorgefaßten Ideen beobachtet und be-urtheilt find. Auch hier zeigt sich ihr.Nakionalstolz. Ein geistreicher deutscher Schrift-steller nennt die Engländer „die politischen Selbstlauter Europas "; diese Bezeich-nung paßt auch niutalii mut->nci>5 für die engl. Ärzte. — Die Leistungen und Er-fahrungen des Tontinents dringen sehr schwer über den Tanal, weil die Engländersich wenig Mühe geben, sie zu erhalten, wie sie ja auch in merkwürdiger Unbekannk-schaft mit den Sprachen ihrer Mitvölker leben. Daher findet man so selten, ja fastniemals, in ihrer medicinischenLiteratur auf die Deutschen , Franzosen rc. Rücksichtgenommen.—Die Therapie der engl. Ärzte ist wegen ihrerEindrinqlichkeit berühmt,und sie bildet den geraden Gegensatz zu jener der Franzosen . DerEngländer ist ener-gisch und durchgreifend in allen seinen Maßregeln, und so auch in denen, die er, dieKrankheit zu bezwingen, nimmt; er darf um so energischer sein, da er mit robustenNaturen, die sich fast ausschließlich von Fleisch und starkgewürzten Bieren nähren,zu thun hat, daher die mächtigen Dosen aller Heilmittel, wie sich die Auswahl dersel-ben überhaupt schon im Reiche der stärksten therapeutischen Mittel bewegt, wie desAderlasses, Kalomel, Opium, Ialappe rc. DieserTherapie verdanken wol die schreck-lichsten pathologischen Desorganisationen, die die Engländer so häufig beschreiben,ibr Dasein größtentheils. Ebenso energisch und durchgreifend ist die Chirurgie derEngländer, die wol den ^ersten Rang einnimmt, wenn es nur auf Muth, Kühnheitund operative Kunst ankommt. Für das Gebiet der Wundarzneikunst, die neuerlichin der engl. Arzneiwiffenschaft offenbar das Übergewicht über die Medicin gewonnenhat, könnten wir als Repräsentanten eine große Reihe bewährter Namen nennen,wenn uns nicht der Raum beschränkte; auf Männer, wie z. B. Bell, Cheselden,Pott; unter den Neuern Abernethy, Alanson, C. Bell, Brodie, Astley, Coo-per, Home, Howship, Lawrence, Travers u. v. A. hat wol jede Nation Recht,stolz zu sein, auch wenn sie die Leistungen andrer anerkennt. — Endlich mag alseiner der Hauptzüge, durch welche die englische Medicin sich auszeichnet, noch derReichthum von Erfahrungen angeführt sein, der sich in der medicinischen Litera-tur der Engländer über die Krankheiten fremder Welttheile niedergelegt findet.Nur eine seefahrende Nation, die, wie die englische, unter allen Himmelsstri-chen heimisch ist, hat so viele und reiche Gelegenheit, die in fernen Klimatenherrschenden Krankheiten zu beobachten, und man ist längst gewohnt, über diese