Band 
Dritter Band. D bis E.
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Epos

werdend, fortschreitend vorgestellt werden. (S. Poesie, Kunst, Malerei.)So beschreibt uns Homer den Schild des Achilles nicht, sondern führt uns in dieWerkstatt des Künstlers, und wir sehen ihn im allmäligen Entstehen. Ruhe selbstwird Bewegung, das Todte spricht uns wie lebend an, und dadurch wird die Einbil-dungskraft unaufhörlich beschäftigt, das Gemüth in sanfter Bewegung erhalten,denn Leben regt das Leben an. Zu der epischen Entfaltung stehen dem Dichtermancherlei Mittel zu Gebot, ausmalende Beiwörter, Gleichnisse, Reden, Episoden.Jean Paul hat hierüber treffende Worte in seiner „Vorschule der Ästhetik " gesagt.„Der Epiker, er fliege von Land in Land, zwischen Himmel und Erde und Hölle aufund ab: er muß wenigstens den Flug und Weg abmalen. Dem Epos ist langsameBreite erlaubt. Wie lange zürnt Achilles ! Wie lange stirbt Christus! Daher dieErlaubniß der ruhigen Ausmalerei eines AchillesschilkeS, daher die Erlaubniß derEpisode. Die gefederte Menge der Mitspieler hält, wie die Menge der Uhrrüder,den Gang der Maschine an; denn jede Nebenfigur will Raum zu ihrer Bewegunghaben. Insofern Romane episch find, haben sie das Geseh der Langsamkeit vorund für sich. Der sogenannte rasche Gang gebührt dem Theater, nicht dem Epos.Porik'g Reise besteht in drei Tagen; das fünfte Buch des „Don O.uixote" füllt einAbend in einer Schenke. Nur dann schleicht die Handlung, wenn sie sich wieder-holt; sie stockt nur dann, wenn eine fremde statt ihrer geht; aber nicht dann, wenndie große in der Ferne in immer kleinere in der Nähe, gleichsam der Tag in Stunden,auseinanderrückt". In diesem lehtern liegt die Anfoderung an Einheit, und mitRecht wird diese ebensowol an das Epos als an jedes andre Kunstwerk gemacht.Nach A. W. Schlegel soll die Einheit des epischen Gedichts keine so scharf begrenztesein als im Drama; allein darf der Dichter seinen Plan nach Willkür ins Unbe-stimmte hin ausdehnen? Maß und Ziel müssen wol auch hier sein, wenn die Erzäh-lung nicht lästig werden soll. Wenigstens muß sich Alles in klare Umrisse für dieEinbildungskraft gefällig runden, wenn auch die dramatische Einheit hier nicht herr-schen kann. Wirklich ist daher, wie auch Humboldt bemerkt, derSchluß des epischenGedichts nicht nothwendig ein wirkliches Ende, über das hinaus sich nun Nichtsmehr hinzufügen ließe; aber alle einzelne Theile des Ganzen müssen darin auf befrie-digende Weise zusammenkommen. In dem Epos fällt zugleich auch jene künstlichverknüpfte Verwickelung, Entwickelung und Auflösung weg, die dem Drama eig-net; im Epos ist keine immer steigende Spannung, sondern Spannung und Befrie-digung gleichmäßig über das Ganze verbreitet. Daher kommt es, daß sich in demEpos keine Empfindung ausschließend oder auch nur mit auffallendem Übergewichtunserer Seele bemeistert, und daher wieder die ruhig betrachtende Stimmung, in diedas Gedicht versetzt. Mag das wilde Spiel des Kampfes entzweiter Interessen nochso schrecklich toben und alle Kräfte streitend in Bewegung setzen: der Erzähler, undmit ihm der Hörer oder Leser, schwebt mit Gleichmuth über der bewegten Welt,ohne eigne Leidenschaft. Ruhig, wie er alle Schicksale sich entwickeln läßt, stellt erohne vorgreifende Theilnahme an Einzelnen alle Charaktere und Personen dar, undläßt sie handeln, denn er weiß, daß das Verhängniß in seiner Welt wohnt, dem jedeszum Ganzen dient, und das mancherlei Hebel und Werkzeuge braucht. S o führt eruns in ruhiger Bewegung, aber im festen geraden Gange, immer langsam und be-trachtend seinem Ziele entgegen. Einfach und ruhig, wie er selbst, ist seine Darstel-lung, schlicht und einfach sei» Ausdruck, sodaß auch hier das Ganze dem stillenStrome zu vergleichen ist, der aufseiner spiegelnden Fläche Leiden und Freuden hin-wegträgt, während aus ihm der unendliche Himmel wiederschimmert. Von dieserArt ist das große Epos, und das Homerische ist wenigstens dieser Theorie nicht ent-gegen. Freilich gleichen ihm andre desto weniger. In der neuern Theorie und Praxisder Epopöie hat man ihr vornehmlich das Heroische, das Wunderbare und den großenUmfang als wesentlich zugemessen. Ob eü ihr wesentlich sei, darüber s. mehr unter