Band 
Dritter Band. D bis E.
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615
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Erbauung 615

koch nicht jeder Prediger in der Kirche kann die Zuhörer in gleichem Grade erbauen,und auch von den letzter» wird nicht jeder auf gleiche Art erbaut. Jede Classe, jedeGegend, fast jeder einzelne Mensch hat seinen gewissen Kreis von Ideen und Em-pfindungen. in welcbem er sich bewegt, und ist auch zu einer Zeit fähiger und empfäng-licher für die Erweckung und Mittheilung religiöser Einsichten und Gefühle, als zueiner andern. Daher muß nothwendig mit der kirchlichen Erbauung die Privater-bauung verbunden werden, die in stiller Einsamkeit zu Hause, allein, oder im Kreiseder Familie geschieht. Denn diejenigen Erbauungen, die von mehren, einander oftganz fremden Dersonen sonst noch außer der Kirche in Privathäusern geschehen, dieman Conventikel heißt, führen zu manchen Übeln, dem gemeinschaftlichen Christen-sinne fremden Gemüthsbewegungen, zu anstößigen, und wie die neueste Geschichtelehrt, gefährlichen Auftritten, daß sie ohne alle Rücksicht verboten werden sollten.Selbst wenn sie unter der Leitung eines Geistlichen stehen, nehmen sie gewöhnlicheinen verderblichen Charakter an. In großen -Städten zumal, wo der Erbauungsuchende Zuhörer die Wahl zwischen mehren Geistlichen hat, sind sie verwerflich undunstatthaft. Die geregelte Privaterbauung aber greift ohne Zweifel am tiefstenein, wenn sie die Frucht eignes Nachdenkens und einer freien Geistesthätigkeit ist.Allein der größte Theil der Menschen steht noch nicht auf einer solchen Stufe derBildung, diese religiösen Selbstbetrachtungen anzustellen und zu pflege»; daher fürdiese gute Erbauungsschriften nöthig sind. Auch dem gebildeten, mit einer gründ-lichen Kenntniß der Religion ausgerüsteten und an Durchforschung übersinnlicherGegenstände gewöhnten Christen wird eine solche Lecture höchst willkommen fein;indem z. B. ein mit fpeculativen Dingen anhaltend beschäftigter Mann an, meistender Gefahr auSacsetzt ist, das rege Gefühl des Religiösen zu schwächen, wo nicht garzu verlieren. Was nun den Inhalt eines guten Erbauungsbuchs betrifft, so istnatürlich die Zusammenstimmnng mit dem echten Geiste des Christenthums dasHaupterfoderniß. Abergläubige, schwärmerische, eine nüchterne Prüfung derVernunft nicht aushaltende Grundsätze, die, wie die meisten Tractäklein, ein mü-ßiges Dahingehen in eine frömmelnde Empsindelei begünstigen, und so mancheeinseitige, oft lieblose Urtheile über Andersdenkende unterhalten, können nie wahr-haft erbauen, d. h. sie können nie dem Verstände, dem Gefühle und dem Willen einekräftige Nahrung gewähren. Anlangend die Form, so muß diese Klarheit, Leben-digkeit, Herzlichkeit, Würde, Schönheit in sich vereinigen. Und da wiederum derdurch diese Schriften zu bewirkende Einfluß auf die Erhebung und Stärkung desganzen inwendigen Menschen zum Theil durch die Verschiedenheit des Alters, Ge-schlechts und Standes, der Gemüthsart, des Gefühlvermögens, der Lebensverhalt-nisse u. s. f. bedingt wird, so ist es nöthig, solchen Schriften die möglichste Indi-vidualität zu geben. Denn was die Empfindungsweife des Einen anspricht, ihrwohlthut, greift darum nicht in gleichem Gmde in das eigenthümliche GefuhlSver-Mögen eines Andern ein. Aus diesem Grunde hat man rücksichtlich unserer kirchli-chen Andachtsübungen den freilich in größern Gemeinden unausführbaren Vorschlaggethan, die Gemeinde, wie in der Brüdergemeinde, gleichsam in einzelne Chöre zuvertheilen, wodurch überdies die Idee der in Christo eng verbundenen Einheit ver-loren geht. Immer wird der einzelne Christ unter den Schriften, welche den Zweckder Erbauung befördern sollen, diejenigen auswählen, die seinem Geiste und Herzenzusagen. Wer nun bei Lesung einer solchen Schrift so in den Gegenstand hineinge-zogen wird, daß er ihrem erquickenden Eindrucke, ihrer erwärmenden und tröstendenKraft, ihrem belebenden und beseligenden Einflüsse sich mit Innigkeit überläßt, so-daß er durch dieselbe über sich selbst erhoben und gleichsam in eine andre Welt ver-setzt wird, aus der er mit dem Entschlüsse geistiger und moralischerErhebung zurück-kehrt, der ist durch sie erbaut. Veranlassungen, durch solche Schriften sich zu er-bauen, gibt das tägliche Leben. Und je öfter sich der Mensch bei Krankheiten, Ver-