Band 
Dritter Band. D bis E.
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644 Crpenius

scheinen nicht einmal an die Gunstbezeigungen zu denken, welche sie hoffen könnten.Ihre Augen sind lebhaft, beseelt, der Blick leidenschaftlich, ihre Annäherungen blei-den immer in den Grenzen des AnstandeS; sie vergessen sich gewissermaßen selbst,eine reine, oft geheime und verborgene Verehrung weihen sie ihrer Gottheit; mitkindlicher Treue befolgen sie die Vorschriften und richten sich nach dem Eigensinnederselben. Sie gerathen in Entzücken, wenn sie die oft eingebildeten Vorzüge desGeliebten betrachten, in Verzweiflung, wenn derselbe entfernt ist. Alsdann werdensie blaß, trübsinnig, unruhig und träumerisch, sie verlieren Appetit und Schlaf. Beider Rückkehr desselben sind sie trunken vor Freude, ihr Glück spiegelt sich in ihremganzen Wesen ab, auf krampfhafte Weise wird ihre Muskelbewegung gereizt, siesprechen viel und immer nur von ihrer Liebe, sie träumen von derselben und unter-liege» oft dem Alpdrücken. Furcht, Hoffnung, Eifersucht, Freude rind Wuth guä§len sie Wechselsweise, sie vernachlässigen und fliehen ihre Freunde und Verwandte,'verachten ihr Glück und alle gesellige Verhältnisse, und sind der schwierigsten undbizarresten Handlungen fähig. Bisweilen tritt die Erotomanie unter der Form derstillen Melancholie auf; die Kranken rasen nicht, sondern sie sind still und traurig,sie verfallen in Fieber, welches auf nervöse Weise verläuft und von Lorry sogar alsbesondere Fieberart (iiövre eioilgue. Liebesfieber) aufgeführt wird. Die Erkennt,niß desselben ist bisweilen, bei geheimer Liebe, schwierig, doch verräth sich die Leiden,schaft beim Anblick des Geliebten, oder wenn auch nur dessen Name genannt wird;das Gesicht wird belebt, der Puls schnell, freguent, stark und krampfhaft. Daranerkannte Hippokraies die Liebe des kranken Perdikay zu der Eoncubine seinesDarers,ErasistratuS die Liebe des Antiochus zu seiner Stiefmutter Stratonice . Das Fieberverläuft oft schnell tödtlich. Außerdem geht die Erotomanie in völlige Verrückt-heit über, führt zum Selbstmord, verursacht Bleichsucht, Onanie, Hysterie, Sa-tyriasi«, Nvmphomanie u. s. w. Sie hängt zum Theil von denselben Ursachen abwie andre Gemüthskrankheiten. Doch sind Jünglinge, welche ein reizbares Ner-vensystem, eine lebhafte Einbildungskraft haben, die von Eigenliebe und Vergnü-gungssucht beherrscht werden, durch Romanenlecture verderbt, durch fehlerhafte Er-ziehung und Müßiggang verweichlicht sind, derselben vorzüglich unterworfen. Aberauch bei den Mädchen findet man sie vorzüglich, die in ein gewisses Alter kommen,ohneBefriedigung für ihrHerz und ihre Sinne gefunden zu haben; am allermeistenbei denen, deren Gefühle aufgeregt, aber nicht befriedigt worden. Die Behandlungsolcher Kranken muß sich nicht bloß auf die körperlichenFunctioncn erstrecken; mehrnoch muß man auf das Gemüth derselben einzuwirken suchen.

Erpenius (Thomas), eigentlich van Erpen, einer der gelehrtesten Orienta-listen, geb. zu Gorcum in Holland 1584, siudirte zu Leiden, wo er anfangs an demErfolge seiner Studien verzweifelte. Bald faßte er jedoch bessern Muth und kehrtemit einem so glühenden Eifer zu denselben zurück, daß seine Fortschritte die gerechteBewunderung seiner Lehrer erregten. Sein Ruhm beruht hauptsächlich auf seinerGelehrsamkeit in den oriental. Sprachen, deren Erlernung er auf den Rath JosephScaliger's begann. Sich in ihrerKenntniß noch mehr zu vervollkommnen, besuchteer England, Frankreich, Italien und Deutschland , und lernte hier die gelehrtestenMänner kennen, die ihm Rath und Anweisung gaben. Mit besonderer Freund-schaft nahm ihn der große Casaubenus auf. Zugleich erlernte er das Persische,Türkische und die äthiopischen Sprachen. Nach 4jährigen Reisen kam er 1612nach Holland zurück und wurde zum Pros. der arabischen und andern orientalischenSprachen, mit Ausschluß der hebräische», ernannt. Die hebr. Professur war da-mals von einem Andern beseht. E. verwaltete s. Amt mit ebenso viel Geschicklich-keit als Eifer. Mit bedeutenden Kosten ließ er eine Presse einrichten, um Werke derorientalischen Literatur drucken zu lassen. 1K1S ward eine zweite hebr. Professurju Leyden errichtet und E. übertragen; bald nachher erhielt er auch das Amt eines