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Erzählung
Begriff gehört nicht bloß die m Versen oder in Prosa abgefaßte Erzählung twn gerin-germ Umfange, welche gewöhnlich vorzugsweise poetische Erzählung genannt wird;sondern auch das große epische Gedicht (s. Epos), und der von jenem sonst unter-schiedene Roman.— Was die Gegenstände der Erzählung anlangt, so umfaßt die-selbe nicht bloß menschliche Handlungen und Schicksale, sondern auch Wunderereig-nisse, welche mit dem Menschenleben in Beziehung gesetzt werden; sie ist um soreichhaltiger an jenen, je größer die Scene und der Zeitraum sind, welche sie umfaßt.Vermöge jenes Begriffs aber wird zu jeder poetischen Erzählung erfoderr: I) ein poe-tisches Ereigniß, d.h. eineReihe von Erscheinungen, welche, durch eine zum Grundeliegende Idee verbunden, ei» Ganzes bilden, worin ein individuelles und an sichvollkommenes Bild des Menschenlebens dargestellt werden kann. Man nennt diesauch die Fabel der Erzählung, und es ergibt sich hieraus von selbst, daß dieser Stoffder poetischen Erzählung nicht schlechthin aus gemeinen Verhältnissen des täglichenLel ens oder aufgerafften histor. Thatsachen bestehen könne. Im Allgemeinen kanndie Fabel der Erzählung sowol aus Verhältnissen und Lagen als aus dem freienWillen der Personen entspringen; da aber in der erzählenden Darstellung die Hand-lung als Geschehenes und schon Vollendetes vorgestellt wird, so erscheint sie mehrals Begebenheit, und der Mensch abhängig von der äußern Ordnung, in welche ergestellt wird. Hier wird daher die Freiheit weniger als das Schicksal und selbst derZufall wirken. Die Haupterfodernisse einer guten Fabel sind: anziehende Perso-nen, Lagen und Verhältnisse, und eine anziehende, abwechselnde Folge der Verän-derungen, was man auch den Verlauf der Begebenheiten nennt. Eine Verschieden-heit der Erzählungen in dieser Hinsicht besteht auch darin, daß das Interesse dersel-ben b, '> mehr auf den Personen, und zwar ihrer Eigenthümlichkeit (Charakter) undihren Schicksalen, bald mehr auf den Verhältnissen, in welchen sie auftreten, undauf dem Verlauf der Handlung (Fabel m> engern Sinne) liegt, obwol beide in einervollkommenen Erzählung sich gegenseitig bestimmen und in Übereinstimmung stehenmüssen. Dem Umfange der Handlung und der Menge der Charaktere nach kanndie Erzählung einfach oder zusammengesetzt sein. Im letzter» Falle vorzüglich wirdein poetischer Gegensatz, d. h. Vcrschiedenarrigkeit der Charaktere, gefedert. Beideni Verlause der Handlung aber lassen sich die Entstehung oder Anlage, die Ver-wickelung und die Auflösung oder Entwickelung unterscheiden. Auch bei einer zu-sammengesetzten Fabel muß die Verwickelung zu übersehen sein, sich in einem klarenBilde zusammenfassen lassen, und die Nebenhandlungen (Episoden) dürfen, demallgemeinen Gesetz eines organischen Ganzen gemäß, die Aufmerksamkeit auf dieHaupthandlung nicht vernichten, sondern müssen zur Entwickelung und Vollstän-digkeit des Ganzen hinwirken. In diesem Allen nun zeigt sich 2) die poetische Dar-stellung, welche hauptsächlich in der klaren und lebendigen Entwickelung des allmä-lig Geschehenen, mithin zugleich in der Anordnung der erfundenen Charaktere, Ver-hältnisse und Lagen sichtbar wird. Hierdurch ist jedoch nicht gefodert, daß der Er-zähler immer mir dem eigentlichen Anfange der Begebenheit beginnen müsse, dennoft ist dieses das Unbedeutendste; oft sängt im Gegentheil der erzählende Dichtermit einem Momente der Handlung an, der den Leser oder Zuhörer sogleich in dieMitte derselben versetzt und begierig macht, Anfang und Entwickelung weiter zuerfahren; wiewol wir dieses darum nicht als nothwendige Regel jeder Erzählung an-zusehen haben. Die Folge der Vorfälle und Veränderungen ist hier also keine chro-nologische oder bloß logische, sondern durch den Zweck einer poetischen Dürst, Uungbestimmt. Sie hängt sonach von der Anschaulichkeit und Lebendigkeit der Darstel-lung ab. Erstere fodert eine klare Übersicht der Ereignisse, wozu auch natürlicheAbtheilungen und Ruhepunkte dienen. Hier darf aber das Eigenthümliche der er-zählenden und epischen Darstellung nicht überst hcn werden, welches sie von der dra-matischen Darstellung unterscheidet. Da nämlich der Erzählende seinen Gegen-