654 Erzämter
stand als vergangen betrachtet, so verweilt er mit größerer Ruhe auf demselben.Daher ist der Erzählungsstvl ruhiger und ausführlicher als der dramatische und kv»rische, obwol er weder die Erhebung des Gefühls ausschließt, noch in Geschwätzig-keit fallen darf. Er schildert die Gegenstände objectiver, d. h. unabhängiger vonden Eindrücken, welche der Handelnde oder leidenschaftlich Bewegte von ihnenempfängt. Auch hat der erzählende Dichter darum einen größer» und freiernSpielraum, denn er stellt für die Einbildungskraft, der dramatische Dichter zu-nächst für denS>inn dar. Was aber die mit der Anschaulichkeit verbundene Leben-digkeit der Darstellung betrifft, so besteht sie in der das Gefühl erregenden Ent,Wickelung anziehender Gegenstände, und sie ist es eben, deren Wirkung die fort-dauernde Theilnahme ist, welche der Leser oder Zuhörer an dem Erzählten nimmt.Diese fortdauernde Theilnahme äußert sich durch Besorgnisse des Lesers für diePersonen, Mitfreude und Mitleid bei ihren Schicksalen, und die gespannte Auf-merksamkeit auf die Entwickelung, welche am Ende der Erzählung liegt; sie wirdani sichersten anhalten, wenn die Thatsachen, bedingt durch die Charaktere undden Ton des Ganzen, sich leicht und natürlich aneinanderreihen. Wenn wirübrigens von der höchsten Art des erzählenden Gedichts, dem Epos, absehen, lindbei der poetischen Erzählung im engern Sinne, welche Ereigniße und Vorfälleaus dem Leben einzelner Personen zum Gegenstände hat, stehen bleiben, derglei-chen z. B. gewisse Novellen sind, so können sie, wie der Roman, sich dem Dra-matischen durch dialogische Form, dem Lyrischen durch die Brzefform annähern,die Grundform aber bleibt die monologisch erzählende. Dem Tone und Zweckenach gibt es nicht nur ernsthafte und komische Erzählungen, zu welchen letzten auchdie humoristische gehört, und die satyrifche gehören kann, sondern auch die 'yllischeund naive, romantische und phantastische (wohin das Märchen gehört), bürgerlicheund psychologisch-sentimentale Erzählungen. In der einen Art wird sich mehrdie Phantasie, in der andern mehr die Welt - und Menschenkenntnifi des Er-zählers zeigen. Von dem Roman unterscheidet sich aber die poetische Erzählungim engern Sinne, wenn nicht durch die Versisicarion, doch gewöhnlich durch ge-ringern Umfang und Mangel an Episoden, daher sie sich nicht auf das ganze Le-ben einer Person erstreckt. Indessen gibt es auch hier Übergänge. Ebenso grenztdie versisicute Erzählung, die oft nur die äußere poetische Form (Rhythmus undReim) von der Dichtkunst entlehnt, um dem erzählten Stoffe dadurch eine wirk-samere Fassung zu geben, an verschiedene andre Dichtungen, wie z. B. eines»theils an das größere, romantische Epos, anderntheils an die Legende, Ballade,das Idyll -c. Die gewöhnlichen Formen für dieselbe sind freie gereimte Iamben,mit Daktylen vermischte Oktaven rc. Unter den kleinern Erzählungen der Ita-liener nennen wir die von Boccaccio , Tassoni, Berni, Casti :c.; unter denen derEngländer die von Chaucer, Goldsmith, Dryden, Prior, Pope , Walker Scott,Byron rc., unter denen der Franzosen die von Marot , Lafontaine, Moncrif, Piron,Gröcourt, Gresset, Florian, Dorat, Doufflers und Marmontel, der jedoch nur durchseine Erzählungen in Prosa bekannt ist, und unter den deutschen Erzählungen dievon Lessing , Wieland, von Thümmel, Schilling, Schulz, Lafontaine, Huber,St. Schütz, Steigentesch, Fouguc, Contessa, Pfeffel, Langbein, Kleist, Rochlitz ,Kind (besonders die metrischen). — Da im Drama nicht Alles vergegenwärtigtwerden kann, so tritt oft auch die Erzählung in dasselbe ein, aber dies muß vorsich-tig und sparsam geschehen, wenn nicht das dramatische Interesse geschwächt werdensoll. Wo aber die Erzählung im dramatischen Gedichte nothwendig ist, da bezieht siesich gewöhnlich auf eingreifende Vorgänge, und muß lebhafter dargestellt und vor-getragen werden als die gewöhnliche Erzählung, weil wir hier gewöhnlich auch dieEinwirkung des Ereignisses aus den Erzählenden wahrnehmen sollen. .
E r z ü m t e r, s. E rbä mter und Kurfürsten.