Band 
Sechster Band. K bis L.
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Karl der Große

zu entthronen, sich der obersten Gewalt zu bemächtigen und ihre Hand Karl selbstantragen zu lassen, war er auch dieser seltsamen Verbindung gar nicht abgeneigt,die der Welt ein ganz neues Schauspiel gewährt haben würde, wenn Irene nichtselbst vorn Throne gestoßen worden wäre. Karl ließ sich hierauf, 800, von, PapsteLeo III. zum Kaiser des DccikcntS Abendlandes) krönen, und obgleich seine Reisenach Rom wahrscheinlich keinen andern Zweck gehabt hatte, stellte er sich doch sehrüberrascht durch diese Feierlichkeit. Karl wurde am Weihnachtstage zum Cäsarund Augustus ausgerufen; man bewilligte ihm den Schmuck der alten römischenKaiser, und vergaß bloß, daß das Kaiserthum sich nicht erhalten konnte in einerFamilie, wo die Gewalt sich unter die Kinder des verstorbenen Monarchen gesetzlichtheilte. Nachdem Karl einen seiner Söhne zum Mönch gemacht hatte, verlor er810Pipin, den König von Italien, und das folgende Jahr folgte diesem im TodeKarl, der älteste. So blieb ihm von seinen rechtmäßigen Söhnen nur noch einer,Ludwig, König von Aguitanien, übrig, den er 813 zum Mitregente» annahm,da ihn sein Alter und seine zunehmende Schwäche ahnen ließen, daß das Ende sei-nes Lebens nicht fern mehr sein könne. Er starb 814 den 28. Jan., im 11. I. s.Lebens und 41. s. Regierung, mir Ahnungen und Furcht, daß sein Reich dem An-dränge fremder Feinde nicht lange widerstehen würde. Einst sah er von einer Burgam Gestade der Nordsee, wohin er in Verfolgung der Normannen aufgebrochenwar, in ernstes Schweige» versunken, den Schiffen der vor ihm entflohenen Vcr-wüster nach. Da entrollte dem Auge des kaiserl. Helden eine Thräne, und auf dieFrage seiner bestürzten Begleiter sagte er. „Wenn diese, schon während ich nochlebe, solches wagen, was wird mein Volk von ihnen dulden müssen, wenn ich dahinbin!" Karl wurde zu Aachen , wo er gern und gewöhnlich sich aufhielt, begrabe».Man ließ ihn in ei» Gewölbe hinab, wo er auf einen Thron von Gold im kaiserl.Prachtgewande gesetzt wurde. Auf dem Haupte trug er die Krone, in der Hand hielter einen Kelch, an der Seite hatte er das Schwert, auf seinen Knien lag dasEvau-gelienbuch, zu den Füßen Scepter und Schild. Man versiegelte hie Gruft underrichtete über derselben eine Art von Triumphbogen, worauf die Worte standen:„Hur ruht der Körper Karls, des großen und rechtgläubigen Kaisers, der das Reichder Franken glorreich erweiterte und 41 Jahre glücklich regierte". Karl, ein Freundgeistiger Bildung, verdiente ganz den Namen des Wiederherstellcrs der Wissen-schaften und Lehrers seiner Volker. Er zog die ausgezeichnetsten Gelehrten a» sei-nen Hof, unter Andern Alcuin aus England, den er zu seinem eignen Lehrer wählte,ferner Peter von Pisa, der den Titel seines Grammatikers erhielt, undPaulWar-nefried, bekannter u. d. N. Paul Diaconus, der dem Kaiser in der griech. lind la-tem. Literatur Unterricht ertheilte. Auf Alcuin'S Rath legte Karl in seinem Palästezu Aachen eine Akademie an: den Sitzungen derselben wohnte er mit allen Gelehr-ten seines Hofes, dem Leidrades, Theodulph, den Erzbischöfen von Trier undMainz und dem Abte von Korvci bei. Alle Mitglieder dieser Akademie hatten be-sondere, ihren Talenten oderNeigungen entsprechende Namen angenommen: EinerhießDamötaS, Einer Homer, ein Andrer CandiduS; Karl selbst nannte sich David.Aus Italien zog er Lehrer in Sprachen und der Mathematik herbei und stellte siein den vornehmsten Städten seines Reichs an. Bei den Domstiftern und Klösternerrichtete er Schulen für Theologie und humanistische Wissenschaften. Er selbstbestrebte sich unablässig, durch den Umgang mit Gelehrten seinen Geist auszubildenund sein Wissen zu bereichern, und seine liebste Unterhaltung blieb bis an seinenTod dieser Umgang. Er sprach mehre Sprachen fertig, besonders lateinisch. We-niger gelang ihm das Schreiben, weil er sich erst in höhern Jahren darauf gelegthatte. Im Winter las er viel und ließ sich selbst bei Tische vorlesen. Die kirch-liche Liturgie und den Kirchengesang zu verbessern, ließ er sich sehr angelegen sein.Er wollte gern die römische Liturgie in seinen Staacen einfuhren, allein die Geist-