Band 
Achter Band. O bis Q.
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Perspective (.Linear-)

neuern Zeit wurde diese Wissenschaft am meisten vervollkommnet; doch beweisendie Malereien von Herculanum, daß die altgrichischen Maler wenigstens so vieldavon wußten, als für die praktische Anwendung nöthig war. Um 1) einen Be-griffvon der Linearperspective und von perspectivischen Zeichnungen zu er-langen, denke man sich in einiger Entfernung von dem Auge einen Gegenstandauf den Erdboden hingestellt. Zwischen ihm und dem Auge befinde sich eine dünne,durchsichtige, senkrecht stehende Ebene, z. B. eine Glasrafel. Es werden Strah-len von allen Punkten jenes Gegenstandes nach dem Auge dringen, bei ihrem Wegedurch die Glasrafel aber in derselben Punkte abschneiden, die ein treues, täuschen-des Bild des Gegenstandes bestimmen, welches man die perspektivische Abbildungoder Projektion nennt. Die Linearperspectiv« besteht also in der Lösung derAufgabe, wie jeder Punkt in der Natur in die perspektivische Proportion zu brin-gen sei, und ist mithin, als Theorie betrachtet, die mathematische Wissenschaft,welche uns lehrt, wie sich die Linien, welche die Gegenstände beschreiben, demAuge des Sehenden nach dem Punkte, aus welchem das Auge ruht, und nachder Entfernung der Gegenstände darstellen, als Kunst aber: die Kunst der richti-gen Verkürzung der geraden Linien. Diese Wissenschaft setzt uns in den Stand,alles Übrige, Bäume, Häuser, Paläste, Säuleugänge, ganze Landschaften sozu zeichne», wie sie in der Glasrafel erscheinen würden, wenn sie in der Natur zusehen .wären. Da es ohne Figuren nicht möglich ist, die Perspective faßlich dar-zustellen, so stehe hier nur eine kurze Erklärung der nöthigsten Vorbegriffe. Aufeiner Ebene, die man Grund- oder Bodenfläche nennen kann, stellen wir uns ei-nen Gegenstand, z. B. einen Würfel von beträchtlicher Größe, vor. Je nachdemwir unsern Standpunkt nehmen, wird er uns größer oder kleiner, bald von oben,bald von unten, bald von der Seite gesehen, erscheinen. Wir werden bemerken,daß von dem Raume, den seine Grundfläche einnimmt, ein besonderer Riß, Grund-riß (ichnographischer Riß) zu fertigen sei, der sich von der aufrechtstehenden Seiteoder dem Profile (orthographischer Riß) unterscheidet. Wir werden uns über-zeugen, daß wir den Gegenstand davon am deutlichsten und bequemsten mit un-verrücktem Auge übersehen können, wenn wir 3 Mal so weit von ihm entfernt sind,als seine Größe beträgt. Was nun bei einem Gegenstände stattfindet, bezieht sichauf alle, z. B. auch auf die in einer Landschaft befindlichen Theile, und lehrt unsfür jeden Standpunkt das verhältnißmäßige Gesichtsfeld wählen und nicht mehrGegenstände in eine Zeichnung aufnehmen, als diesem Raume wirklich entsprechen.Hinter eine Fensterscheibe gestellt, kann man sogleich Versuche hierüber machenund die jedesmalige Pyramide bemerken, die die Gesichtsstrahlen machen, wennman durch einen Rahmen nach der Gegend hinblickt. Stände nun zwischen demWürfel und unserm Auge, welches etwa 6 Fuß, die gewöhnliche Höhe eines Men-schen, vom Boden angenommen wird, eine viereckige Glasrafel senkrecht auf einerLinie, die man die Fundamentallinie nennt, so heißt in diesem Falle die Weite desAuges von der Tafel die Distanz, und die Entfernung vom Boden die Höhedes Auges. Nehmen wir ferner durch den Punkt, wo die Distanz auf die Tafeltrifft, und den wir Augen-oder Hauptpunkt nennen, eine Horizontallinie aufder Tafel und eine Venicallinie an, so theilen diese die Tafel in eine rechte undlinke, obere und untere Seite, und der Augenpunkt, der ihr Durchschnittspunktist, liegt in der Mitte der Tafel. Alle Gegenstände, die nun rechts oder links derDerticallinie stehen, werden wir von der rechten oder linken, alle die, welche überoder unter der Horizontallinie liegen, von oben oder von unten herauf sehen. Ge-setzt nun, der Würfel wäre von durchsichtiger Materie, wir könnten also seineGrundfläche sehen, so finden wir, daß von unserm Fußpunkte nach den 4 Eckendieser Grundfläche Linien gedacht werden können, welche die Fundamentallinic un-ter der Tafel in 4 Punkten schneiden. Würden nun wieder von diesen Durchschnitts-