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Elfter Band. T bis V.
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Tacitus

Beredtsamkeit führt mit dem größten Unrecht den berühmten Namen des T. Alle echteWerke dieseS WchriftstellerS hat die Mit- und Nachwelt einstimmig für Meisterwerk«eines großen Geistes erklärt. Abgesehen von dem materiellen Nutzen, den wir ausden Geschichtbüchern des T. ziehen, indem mit prüfender Umsicht aus gleichzeitigenSchriftstellern und Urkunden die merkwürdigen Ereignisse der römischen Geschichtein der größten Hälfte des 1. Jahrh. n. Chr. in denselben dargestellt sind, so sind sie,als Kunstwerke betrachtet, wahrhaft unvergleichlich. Waszuerst dieAuswahlundAnordnung der Thatsachenchetrifft, so erkennt man darin den umfassenden Geist ei-nes gelehrten Mannes und das bildende Genie eines großen Künstlers, der in die roheMannigfaltigkeit Ordnung und Einheit bringt, und aus dem Gewirr eines unge-heuern Staatslebens ein natürlich geordnetes Gemälde erschafft, auf dem sich dieMassen in einzelnen Gruppen wie von selbst sondern, und durch eine bewunderns-würdige, nur dem Kenner ganz erkennbare Kunst die Hauptpersonen von selbst indas heilste Licht treten. Die Zeichnung der Personen und Begebenheiten zeugt vonbewundernswürdigem Tiefblick und hoher Geisteskraft; und jene unglückselige Zeitspiegelt sich in einer Seele, die rein und groß genug ist, um die Scheußlichkeit so tiefunter sich zu erblicken, daßsie, unberührt von allem giftigen Anhauch, nichtzu hefti-gen Empfindungen des Zorns aufwallt. T. steht in einem verworfenen Zeitalter iruhiger Erhabenheit da; dasverdorbene Geschlecht spielt zu seinen Füßen mit Gräuelnund Schandthaten; er blickt mit hellsehendem Auge um sich und erzählt der Nach-welt, was es sah. Die nicht erkünstelte, sondern gleichsam unwillkürliche Kürze seinerSchreibart ging aus der Eigenthümlichkeit seines Geistes und der Stimmung s. Ge-müthe« hervor. Wie ein aus der Unterwelt hervorgerufener Schatten des alten-Mervolkes erscheint T. in s. Werken, die einer ehernen Tafel gleichen, in welche derleidenschaftslose Richter der Unterwelt in der ernsten Sprache des entscheidenden Tod-tengerichtS die Gräuel jenes fluchbeladenen Kaisergeschlechts eingegraben hat. Daist im Ausdruck nichts Müßiges, in der Zeichnung nichts Überflüssiges; die Farbensind mit weiser Sparsamkeit aufgetragen, und Licht und Schatten mit echter Kunstvertheilt. So nachahmungSwer.-h T. in Rücksicht der Anordnung und Auswahl derBegebenheiten ist, so unangemessen scheint es uns zu sein, ihn in seiner Römerkraft,die sich auch in der Kürze des Ausdrucks zeigt, nachahmen zu wollen. Nur ein sol-ches Zeitalter durfte in einer solchen Sprache dargestellt werden; und wer die Chro-nikengeschichten eines Hirtenvolks in gleicher Manier beschreiben will, muß nothwen-dig in Künstelei und Unnatürlichkeit verfallen. Wir, die wir weder im Ausdruck rö-mische Gedrungenheit und Muskelkraft, noch im Gemüthe stoische Gefühllosigkeithaben, können den T. nur bewundern, nicht mit Glück nachahmen. Bei uns ist derzergliederndeDersiand viel zu geschäftig, als daß er von der Krafteines solchen Wil-lens, wie er im T. erscheint, in seine Schranken zurückgewiesen werden könnte. DieHistorien" sind in Rücksicht der Mannigfaltigkeit u. Ausführlichkeit der Erzählungüber denAnnalen". Während dieAnnalen " oft nur Umrisse geben, findet sich indenHistorien" Alles weit sorgfältiger im Einzelnen wie im GanzeirauSgearbeitet;während diese die Begebenheiten außer Rom entweder gar nicht, oder nur was denOrient betrifft, berühren, erscheint in denHistorien" der ganze, große Schauplatzin allen seinen Theilen mit der anziehendsten Umständlichkeit geschildert. DieAn-nalen " ermüden daher einigermaßen den Leser durch die Einförmigkeit des Inhalts,der fast nur in der schauerlich ernsten und düstern Darstellung der fluchwürdigstenFrevelthaten besteht. Dies ist allerdings nicht die Schuld des großen Meisters,aber natürlich, je meisterbafter alle diese Gräuel in ein verhältnißmäßig kleineresBild zusammengedrängt sind, desto abschreckender muß dasselbe dem Beschauer er-scheinen, mit desto mehr Unwillen muß sich jede edlere Seele von demselben abwen-den. Bei keinem Schriftsteller ist der Ausleger nöthiger als bei T., daher dieAusg. desselben mit erklärenden Bemerkungen um so willkommener sind. Über den