Theurung 191
Theurung. Fast in allen Ländern Europas hörte man vor einigen JahrenKlagen über Theurung, besonders der nothwendigsten Lebensbedürfnisse, und fastüberall sah man die Regierungen ämsig beschäftigt mit Maßregeln und Vorkehrun-gen. um solchen Klagen abzuhelfen, Aber der Zweck in dieser Hinsicht konnte immernur höchst unvollkommen erreicht werden, so lange man sich über die Fragen: wasist Theurung? und worin liegt ihr eigentlicher Charakter? noch nicht gehörig ver-ständigt hatte. Theuer und wohlfeil sind Begriffe, die mit den Begriffen von Werthund Preis und dem Verhältnisse des einen zum andern in der innigsten Beziehungstehen. So lange eine Waare nickt mehr kostet, als die Auslage zu ihrer Hervor-bringuug beträgt, mag dieselbe wol kostbar sein, aber ihr Preis ist dennoch nur an-gemessen ; theuer wird sie erst, wenn der Preis jene Hervorbringungskosten beträcht-lich übersteigt, und wohlfeil, wenn er unter dieselben sinkt. Theurung ist also nichtHohe des Preises, sondern das Mißverhältnis-, welches stattfindet, indem der Preisdie Hcrvorbringungs- und Gewinnungskosten weit übersteigt. — Was insbeson-dere die Maßregeln betrifft, welche hin und wieder in Deutschland getroffen wur-den, uni den hohen Preisen des Getreides abzuhelfen, und die Bürger zu sichernvor den Gräucln einer Hungersnoth, so mußten dieselben häufig ihren Zweck gänz-lich verfehlen, und sogar ganz entgegengesetzte Wirkungen hervorbringen, weil dieBehörden, deren Beurtheilung die Wahl solcher Maßregel» überlassen worden, eineEntscheidung i» dieser wichtigen Angelegenheit wagten, ohne zuvor die Hauptfrage,welche hierbei zu erörtern ist, gründlich untersucht, den Hauptpunkt, worauf es an-kommt, genau erwogen zu haben, nämlich die Natur der Theurung. Soll nämlichdie zu Markt gebrachte Waare fernerhin regelmäßig hervorgebracht werden, so mußnothwendig der angemessene Preis derselben, d. h. der zu ihrer Hervorbringung er-foderlich gewesene Aufwand, vom Käufer bezahlt werden. Dieser angemessenePreis hat aber in der Regel 3 Bestandtheile, nämlich die Grundrente, den Capital-gewinnst und den Arbeitslohn, die alle 3 sehr schwankend sind und durch mannig-faltige Umstände bedingt werden, weßhalb z.B. der angemessene Preis des Getreudes selbst zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Verhältnissen höchst ver-schieden sein muß. Der in Mctallmünze ausgedrückte Nennpreis des Getreideskann daher zu der einen Zeit sehr hoch, und dennoch Nichts weiter als der angemes-sene Preis desselben sein, sowie er umgekehrt bei veränderten Umständen niedrig ste-hen, und dennoch theuer sein kann. Gesetzt;. B., der Aufwand, dessen der Landbauerim vorigen fruchtbaren Jahre bedurfte, um 10 Malter Korn zu erzeugen, reiche imgegenwärtigen schlechten Jahre kaum hin, um 5 Malter hervorzubringen, so wird,wenn voriges Jahr der angemessene Preis des Malters 4 Thlr. war, derselbe imfetzigen 8 Thlr. sein; stand nun der Marktpreis des Korns im vor. I. auf Z Thlr.,so war dies ein theurer Preis, sowie, wenn er im gegenwärtigen I. 7 Thlr. be-trügt, derPreiS offenbar wohlfeil ist. Da der angemessenePreis des Getreides vonso vielen zufälligen Umständen abhängt, über die der Mensch schlechterdings nichtzu gebieten vermag, so muß es nicht wenig auffallen, wenn man in unsern Tagennoch immer von einem Maximum der Getreidepreise reden hört, dessen Bestimmungdoch so ganz unmöglich ist. Wer ein solches Mapimum vorzuschlagen wagt, bedenktgar nicht, daß man dazu einer vollkommen genauen Kenntniß der jedesmaligenGrundrente, der Capitalgewinnsie und der erfoderlichen Arbeitslöhne bedarf, unddaß Liese 3 Elemente des Preises fast bei jeder Gattung der Urerzeugung, sowie injedem Jahre verschieden sind, daß also auch das Maximum des Getreidepreises je-des Jahr, und fast in Ansehung eines jeden einzelnen Ackerbaues höchst verschiedenausfallen muß. Herrscht Handels- und Gewerbfreiheit im Lande, so wird derMarktpreis dem angemessenen immer sehr nahe kommen; daß er nicht viel höhersteige, dagegen schützt der Wetteifer der Ackerbauer, die dem Getreidebau, sobald ergrößer» Gewinn verspricht, auch mehr Capitale und mehr Fleiß zuwenden werden,