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Vernunft
Ideen, den Verstand für das Vermögen der Begriffe erklärt. Ader wer kann dasverstehen, wenn er nicht weiß, was Ideen, was Begriffe sind, und wie sieb beidevon einander unterscheiden? Im gemeinen Leben wei den Ideen nndBegriffe wenigoder gar nicht unterschieden; unter beiden versteht man bloß subjeckive Erzeugnisse,Producte des menschlichen Geistes, ohne nothwendigen Zusammenhang mit etwasRealem oder Objectivem, worauf sie sich beziehen. Was die Wissenschaft Ideennennt, wird nicht Jedem sogleich faßlich vorkommen, doch dürste ein vorausgeschick-tes Beispiel zur Erläuterung dienen. Der Künstler, z. B. ei» Maler, hak vondem Kunstwerke, das er ausführen will, jedesmal zuvor eine Idee, d. h. ein nochunentwickeltes Phantasiebild, eine geistige Einheit, aus welcher bei der Arbeit desKünstlers tasKunstwerk in die Wirklichkeit hervorgeht (sich im Realen entwickelt)und als Osimzes mit allen seinen Theilen sinnlich anschaubar wird. Alles demnach,was wesentlich zum Kunstwerk (z. B. Gemälde) gehört, war zuvor ideal oder aufgeistige Weise in der Seele des Künstlers vorgebildet, nur den materielle» StoffB. die Farben) nimmt er aus der Natur, aus der wirklichen Welt. Die Ideeeines Kunstwerkes ist also dessen subjeciiver Ursprung, und es selbst ist die entwi-ckelte objective Erscheinung der Idee. In jedem Kunstsinnigen, der das Kunstwerkanschaut, wird die wahre Idee des Kunstwerkes durch die Anschauung erregt, weiler das Vermögen dazu in sich hat, und es ist ihm in dieser Idee, die durch die An-schauung in ihm lebendig wird, das Verständniß des Werkes und die Freude an sei-ner Vollkommenheit gegeben. Dagegen sehen Andre, welche des Kunstsinns er-mangeln oder in keiner Einsicht Kunstbiltung besitzen, wol die Erscheinung einesKunstwerkes, aber sie verstehen es nicht, d. h. sie sind unfähig, die Idee desselbenzu fassen, sie sehen z. B. in einer Madonna von Rasacl einen Frauenkopf, in deinAbendmahl von L-onardo da Vinci eine in lebhafter Unterhaltung bcgrisseneTisch-gesellschaft, und nichts weiter. — Denkt man sich nun die Natur nach ihren. In-nern, gleichsam ihrem Meiste, so sind alle Ideen der Dinge als deren übersinn-liche Einheiten in ihr, und die sichtbaren (sinnlich wahrnehmbaren) Dinge sind dieAusführung, die objective Darstellung dieser Ideen. Die Natur alsInneres, alsthätiger Inbegriff aller Nakurideen, bedarf ober nicht, wie der menschliche Kunst-lcr, den Stoff zu ihren Werken vonAußcnzu nehmen, vielmehr einhalten die Ideenden vollständige» Grund sowol des Stoffs als der Form der Dinge, mithin derganzen Dinge von geistiger sowol als materieller Seite. Das S chaffe» ist daher einRealwerden, ein Zeitlich- und Räumlichwerden der Ideen, welche die übersinn.liehen GrundlagenderDingesind, und dasWortNatur erscheint hierin seiner wah-ren, ursprünglichen Bedeutung, als Geburt der Dinge (imtur., rc-iun), nämlichaus den Ideen. Da nun der Mensch, als Bild Gottes, seinem ewigen Ursprüngenach , ebenfalls eine Idee in Gott sein muß, so folgt daraus die Einheit oder we-sentliche Verwandtschaft des übersinnlichen Menschen »nl Gotl, und der Menschhat, vermöge dieser innern Einheit, das Vermögen, die Ideen der Dinge zu erken-ne» oder sich derselben bewußt zu werten. Denn aus gleichem Grunde erkennt jaauch der Künstler die Ideen derWerke seines Kunstverwandten, versteht der Kunst-sinnige den Geist der Kunstwerke, die er anschaut, er versteht sie vermöge der Ein-heit des künstlerische» Geistes, vermöge derjenigen Eigenschaft des menschlichen Ge-müths, welche Künstler unter einander und mit Kunstsinnigen gemein haben. DasVermögen nun, die Ideen der Dinge zu erkennen oder innerlich anzuschauen, heißtVernunft im wissenschaftlichen Sinne. Wer nun dieses höchste Vermögen in sichentwickelt hat, d. h. werVernunsibildung besitzt, der erkennt die ursprüngliche Ein-heit aller Dinge in Gott, als dem Inbegriff oder der unendlichen Einheit allerIdeen, erkennt einen innern durchgreifenden Zusammenhang in der Welt (demUniversum), und diese daher als das organische All, als die systematische Offenba-rung der unendlichen Vollkommenheit Gotteö; er weiß, daß die Welt, die er äu-