Band 
Elfter Band. T bis V.
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Vernunft

ßerlich anschaut, nur der Widerschein einer innern, in ihm selbst lebenden Ideen-welt ist, und daß dieselbe schöpferische Kraft, welche außer ihm die Dinge hervor-bringt, auch in semen Sinnen thätig ist und in der sinnlichen Anschauung die Weltabbildlich miede: holt. Für die Vernunft also ist Alles Eins, für sie gibt es nur ei-nen Gott, nureu:eWe!t (alsErscheinung Gottes ), nur einen unendlichenGeistsalSgöttliche Welkseele) und einen ins Unendliche ausgedehnten und beseelten Leib (dassichtbare Universum , Natur), nur em Leben, nur eine Wahrheit, und alle Tren-nung ist nur Schein, alle Vielheit nur Offenbarung des gleichen unendlichen We-sens auf unendlich verschiedenen Stufen. Für den Verstand dagegen ist Alles ge-trennt; so die Ideen (als Begriffe) von den Dinge», und diese von einander selbst,so der Geist (das Leben) von der Materie, so die Seele vom Leibe, Gott von derWelt, das Wesen von der Form u. s. w., und Alles hat nurein äußeres Verhältnißund steht in zufälliger Verbindung mit einander. Denn der Verstand ist ein son-derndes Vermögen; in ihm vereinigen sich die Reflexion (Richtung des Geistes aufdas Einzelne, Besondere) und Abstraetion (sondernde, trennende Thätigkeit); ertrennt vor Allem in der Anschauung das Subjective vom Objectiven, und sondertdadurch die Ideen von den Dingen, d. h. er bildet Begriffe, die er theils durch dieEindrücke der Dinge von Außen durch einen zufällig gegebenen Stoff), theils durcheigne willkürliche Thätigkeit erhallen zu haben wähnt. Die Tendenz des refiecti-reuden und abstrahlenden Verstandes ist daher Sonderling, Trennung, Zersplit-terung, Vermaunigfaltigiinz ins Unendliche. Die Welt ist ihm eine unendlicheVielheit von Einzelheiten, ein Ganzes nicht durch innere göttliche Beseelung undnothwendigen Zusammenhang ihrer Glieder, sondern bloß durch äußere Derbin,düng an sich getrennter Theile, vermöge der allniäligen Willkür eineSvon der Weltabsolut getrennten Wesens. Der Verstand für sich allein ist also nicht das Ver-mögen, durch welches der Mensch die Wahrheit erkennt, sich selbst, Gott und dieWelt verstehen lernt, sondern die Vernunft. Der Verstand für sich führt den Men-sche» in das Reich der Täuschung ein, die Vernunft führt ihn in sich selbst und zurErkenntniß der Wahrheit zurück. Der Verstand ist der Abfall von der Vernunft;denn diese ist das Göttliche im Mensche» , der Verstand das bloß Menschliche inder Trennung von Gott . Da aber Alles nur durch den Gegensatz zur Selbster-kenntniß kommt, so ist der Verstand und seine Bildung nothwendig zum Selbstbe-wußtsein der Vernunft. Die Einheit kann nur im Gegensatz der Vielheit und Man-nigfaltigkeit, und die wahre Bedeutung der Vielheit nur im Gegensatz der Einheiterkannt werden. Vernunftbildung ist daher ohne Verstandesbildung unmöglich,aber, im.Gegentheil, findet auch ohne Vernunftbildung keine wahre VcrstandeS-bildung statt. In dieser Beziehung wird oft Vernunft (Rationalität, Intelligenz)als Vernunft und Verstand begreifend, oder als höheres Erkenntnißvermögen ge-nommen und dem Sinn gegenübergestellt, obwol die menschliche Krafi auch in denSinnen wirkt. Zu wahrer Bildung gehört ein richtiges Verhältniß zwischen Ver-stand und Vernunft, eine harmonische Ausbildung beider. Ein Übergewicht deseinen Vermögens über das andre erzeugt einseitige und Afierbildung. Bei den mei-sten Menschen herrscht noch ein Übergewicht der DerstandeSbildung auf Kosten derVernunft. Dies ist der Charakter der herrschenden geselligen Bildung unserer Zeit.Man besitzt viel Kenntnisse (Begriffe) und Gewandtheit im Gebrauche derselbenfür die gegenseitige Unterhaltung, Combinationsgabe, geübte Urtheilskraft für dieDarstellung menschlicher Verhältnisse, aber wenig Erkenntniß (klare Anschauungder Ideen), Mangel an Einsicht in die göttlichen Verhältnisse, welche nur eineVernunftbildung gewährt, die sich den Verstand zweckmäßig untergeordnet und zuseinem OMii gebildet hat. Auf der andern Veite bringt ein Übergewicht der Ver-nunft über den Verstand die entgegengesetzte Einseitigkeit in der Bildung hervorund erzeugt wissenschaftliche Schwärmerei wenn nian so nennen darf