Westfalen 233
und fand sein Schicksal selbst erträglicher als das der Nachbarländer. Die Abgabenwaren zwar drückend, aber doch nicht unerschwinglich, und gleicher vertheilt alsjezuvor; die neue Verfassung sicherte der größer» Dolksmasse Vortheile und gerecht;same zu, die sie bald kennen und würdigen lernte. So verschwanden nach und nachdie Vorurtheile, und die Regierung gewann Festigkeit und Sicherheit. Der pracht-volle Hofund die unsinnige Verschwendung des Königs schadeten im Ganzen nichts,da der König seine bestimmte Tivilliste und außerdem noch als franz. Prinz eineMill. Franken zu verzehren hatte; es konnte daher der Nation gleich sein, wie er da-mit wirthschaftete, und es mußte ihr sogar lieb sein, daß er solche im Lande ließund das Geld in Umlauf brachte. Übrigens konnte er, durch die Verfassung gebun-den, wenig Böses wir^n, und der Wille, so viel Gutes zu thun als in seinen Kräf-ten stand, war nicht zu verkennen. Die ersten Zeiten seiner Regierung gingen auchziemlich glücklich hin. Aber 1809 entstanden, durch den östr. Krieg nur Frankreich veranlaßt, innere Unruhen; auf der östl. Seite des Reiches brachen unter Schill'gAnführung feindliche SkreifcorpS in die Provinzen an der Elbe ein, im Süden brachbei Marburg ein Bauernaufstand aus, und selbst die Residenz wurde nur durch einUngefähr gerettet. Dies gab Gelegenheit zu einigen harten Maßregeln und zur wet-tern Ausbildung der hohen Polizei, die nun als ein Schreckgespenst zwischen denHerrscher und das Volk trat. Der König sah sich auf die Vorstellungen Frankreichs gezwungen, sein Militair unverhältnismäßig zu vermehren und es bis auf mehr als30,000 Mann zu bringen. Dies machte die Eonscription äußerst lästig und ver-mehrte die Ausgaben, wofür so wenig derFinanzminister als die zum zweiten undletzten Male berufenen Reichsstände Rath wußten. Man griff zwar zu einigen ver-zweiflungsvollen Mitteln, zur Verschleuderung einiger Domainen, wobei vielleichtzu leichtsinnig zu Werke gegangen wurde, und nahm zur Herabsetzung der Staats-schuld seine Zuflucht; aber alles dies half nur der augenblicklichen Noth ab, lind dasUebel wurde zusehends größer. Doch schien das Königreich für diese seine Anstren-gungen dadurch einen Ersatz zu erhalten, daß 1810 das ganze Hanöverische damitvereinigt wurde. Kaum hatte man indeß davon Besitz ergriffen, als eine andre Ver-fügung des Kaisers den größten Theil desselben wieder nahm, und selbst von den al-ten Provinzen Osnabrück, Minden und einen Theil von Ravensbcrg trennte undmildem großen Kaiserreiche vereinigte. Eshalf mcbtS, daß der König diese Maßre-gel zu Paris persönlich zu hintertreiben versuchte; ersah sich vielniehrgenöthigt, nunauch die harten Eontinentalgesetze in ihrer ganzen Strenge im Umfange seines Lau-tes in Ausübung zu bringen, worunter man jedoch in Westfalen weniger litt als in»übrigen Deutschland , da überall mit großer Schonung zu Werke gegangen wurde,und dieDouanen dem Handel wenige Hindernisse in denWcg legten. 1812 führteder König sein Heer nach Polen , er selbst mußte zwar früher dasselbe verlassen undin sein Land zurückkehren, aber das schöne, mehr als 2t,OOOM. starke Heer fandmit dem französischen feinen Untergang jenseits des Nicmen, und nur unbedeutendeTrümmer kehrten in ihr Vaterland zurück. Schnell wurde ein neues Heer organi-sirt, und 12,000 Westfalen begleiteten den Kaiser von Neuem nach S achsen, abergleich »ach den erste» Unfällen, die ihn in Schlesien trafen, gingen 2 Tavalerieregi-nienter davon zu den Preußen über. Schon vor der Schlacht von Leipzig vertriebCzernitscheff den König aus seiner Residenz und löste 2 Infanterie-und 2Cavalerie-regimenter vor den Thoren von Kassel auf, nahm auch selbst, jedoch nur auf 3 Tage,Kassel in Besitz. Nach seinem Abzüge kam zwar der König in Begleitung einesfranz. Truppmcorps dahin zurück, aber nur, um daselbst die Nachricht von der Völ-kerschlacht bei Leipzig zu vernehmen, und dann seine Residenz und sein Land auf im-mer zu verlassen, nachdem er vorher noch Alles, was sich in den Schlössern befand,und selbst einen Theil derSchätze des Museums hatte wegführen lassen. Zwei Tagenach seinem Abzüge trafen die Russen zu Kassel wieder ein, und in wenigen Tagen