Buch 
2 (1802) Schilderung des Gebirgsvolkes vom Kanton Glarus und der Vogteien Uznach, Gaster, Sargans, Werdenberg, Sax und Rheinthal, des Toggenburgs, der alten Landschaft, der Stadt St. Gallen und des östlichen Theils des Kantons Zürich / von Johann Gottfried Ebel
Entstehung
Seite
306
JPEG-Download
 

306

Nachforſchung findet man den letzten und wahren Grunddieſer Erſcheinung nirgends anders als in den theologiſchenLehrmeinungen der reformirten Kirche. Der freie Unterſuchungsgeiſt, welcher mit der Reformation begann, unddie Feſſeln der ſchaͤndlichſten Knechtſchaft brach, blieb nureine kurze Zeit das auszeichnende Merkmal des Proteſtan-tism. Schwachheit und Thorheit, Eigenliebe und Eigen-nutz finden Freiheit und Unabhaͤngigkeit des Gedankens undder Ueberzeugungen gleich unertraͤglich, und bald wurdenvon jenen verbundenen Widerſachern der Wahrheit wiederSchranken gezogen und ein zweites Papſtthum errichtet.Neue Glaubenslehren erſtickten den Goͤtterfunken der Ver-nunft, und ſtatt moraliſche Volkslehrer wurden die Geiſt-lichen auf den Kanzeln und in den Kinderlehren myſtiſcheKlopffechter, welche ſcholaſtiſches Gewaͤſch uͤber Erbſuͤnde,Gnadenwahl, Unverdienſtlichkeit der menſchlichen Werke,über Glauben ans Blut Jeſu u. ſ. w. fuͤhrten. Um Gottzu verherrlichen ward die Liſt und Macht des Teufels beialler Gelegenheit außerordentlich ausgemahlt. Wer dieſenSätzen nicht gemaͤß lehrte, oder dagegen ſprach, ward mitinquiſitoriſcher Intoleranz verfolgt und beſtraft. Hier liegtdie tiefe und reiche Quelle aller Krankheiten der Einbil-dungskraft, jeder Art der Schwaͤrmerei und des Aberglaubens. Nur erſt ſeit 50 Jahren wagten es die beſten Koͤpfein der Schweiz , ſich von jenen vernunftwidrigen Saͤtzeuzu entfernen. Wer darf ſich da wundern, daß der Aber-glaube unter dem großen Haufen, der keinen andern alsden Glaubensunterricht genießt, noch in vollſter Staͤrkeſich zeigt?

Die Kirchenreform hatte in Glarus auf den innern buͤr-gerlich⸗ politiſchen Zuſtand der Einwohner wichtige Folgen,und dieß verlaͤngerte Zank und Zwieſpalt zwiſchen den Ka-tholiten