Von dem weiſen Betragen
*) Vor allen Dingen aber muß ein weiſer und ge-rechter Monarch erwaͤgen, ob eine gerechte undzureichende Urſache vorhanden ſey, Krieg anzu-fangen. Die Gelehrten und die Staatsleute ſindin Anſehung der Gerechtigkeit des Krieges zu allenZeiten ſehr leichtſinnig geweſen; und eine jede Be-leidigung, weshalb etwan ein einzelner Mann indem Stande der natuͤrlichen Freyheit den andernan den Hals ſchmeißen koͤnnte, hat ihnen eine ge-rechte Urſache des Krieges geſchienen. Die Theo-logen ſind hierinnen mit dem koſtbaren Menſchen-blute ſo wenig ſparſam geweſen, als die Weltwei-ſen. Noch neulich hat ein Gelehrter, der ein Theo-loge und Philoſophe zugleich ſeyn will, aus Gruͤn-den, die ein wahres Mitleiden verdienen, behau-ptet, wenn eine arme und reiche Nation nebeneinander wohnten, die beyde ihre Weiber kauften,und das reiche Volk kaufte aus dem Lande der ar-men ſo viel Weibesperſonen an ſich, daß die ar-me Nation daruͤber an Weibern Mangel litte; ſoſey die arme Nation, nach vorgaͤngiger fruchtloſenErinnerung, daß die reiche Nation dieſen Auf-kauf der Weiber unterlaſſen moͤchte, befugt, diereiche Nation durch Krieg zu zwingen, daß ſievon dieſem Weiberkauf abſtehen muͤſſe. Dasmenſchliche Geſchlecht wuͤrde ſehr ungluͤcklich ſeyn,wenn es mit ihrem Gehirne ſo ſchlecht beſchaffenwaͤre, daß ſie einem Voͤlkerrechte von dieſer Artallgemeinen Beyfall gebe. Alles, was man nachwahren Grundſaͤtzen der Vernunft und des Voͤlker-rechtes dieſem armen Volke einraͤumen kann, iſt,daß es ſcharfe Geſetze wider die Ausfuͤhrung derWeiber giebt, daß es darwider alle erſinnliche Auf-ſicht, Anſtalten und Maaßregeln vorkehret, unddaß es ſogar diejenigen von ihrem eigenen ſo wohlals von dem benachbarten reichen Volke, welcheuͤber der Ausfuͤhrung der Weibesperſonen ergrif-fen werden, mit der Todesſtrafe belegt. Alleineine Urſache des Krieges kann hier niemand fin-den, wenn man auch uͤber die Gerechtigkeit derKriege noch ſo weit ausgedehnte Grundſaͤtze hat.Hier iſt nicht einmal eine Beleidigung vorhanden.Eine Nation, die vor ihr Geld kauft, beleidigetniemand.