83
Seidenstoffe, wie die neapolitanischen „canevas“ und florentinischen „ormesin“von Eingangszöllen befreit waren, lässt sich indessen der Schluss ziehen,dass der Seidenhandel Venedigs grösser, als seine Produktion war. Italieni-sche Sammete, Goldbrokate und Damaste fanden seit dem XIII. Jahrh.,seitdem Venedig das Seidenhandelmonopol hatte, einen grossen Absatz imOrient.
Zu gleicher Zeit mit der Ansiedelung der Webekünstler in Venedig entstanden in dem reichen Genua die ersten Anfänge des Seidengewerbes,und schon im Laufe des XIII. Jahrh. kommen genuesische Stoffe unterdem Namen „pannus“ in den Verkehr und finden zu kirchlichen ZweckenVerwendung 1 ). Während des XV. Jahrh. teilt Genua mit Venedig die Führer-rolle in der italienischen Webekunst.
In Bologna blühte die Seidenindustrie schon im XII. Jahrh., sie wurdedurch Vervollkommnungen auf dem Gebiete der Seidenspinnerei welt-berühmt. Nach Sienna wurde sie erst 1438 durch den unternehmendenNello di Francesco übertragen und gelangte bald zu einer derartigen Blüte,dass es mit Florenz zu rivalisieren begann. Nach Padua, Verona , Vizenzaund Bergamo wurde das Seidengewerbe während des XIV. Jahrh. durchWandernde Seidenhandwerker verpflanzt 2 ).
Die Seidenindustrie gehört nicht zu den Kulturerrungenschaften, welchedie römischen Nationen den Völkern des Abendlandes hinterlassen haben;daher Dank und Ehre den norditalienischen Staaten, welche die mittel-alterliche, von antikem Geiste durchwehte, farbenstrotzende Webekunst aufdie Neuzeit übertragen haben!
Wie die Seidenindustrie dem Seidenhandel, so folgte stets der Seiden-bau der ersteren nach, und wo nur immer die seidengewerbliche Thätigkeit1,1 etwas breiterem Mafsstabe sich zu entwickeln begann, da wurden auch— vorausgesetzt, dass die Boden- und Klimaverhältnisse der Einführung derSeidenkultur nicht hemmend im Wege standen — Versuche unternommen,die Beschaffung des Rohmaterials vom Auslande unabhängig zu gestalten,bfie Seidenzucht Oberitaliens ist aber wahrscheinlich viel älter, als seineSeidenmanufaktur; denn schon unter Karl dem Grossen sollen daselbstausgedehnte Maulbeerplantagen bestanden haben. Die Stadtrepubliken för-derten zwar die Seidenkultur, aber dass ihre Handelspolitik der allgemeinerenVerbreitung der Industrie nicht gerade günstig war, ersehen wir aus einerVerordnung Venedigs (1410), welche die Kokon- und Raupeneierausfuhrgänzlich verbot, und obgleich das Gesetz einige Jahre später teilweise auf-gehoben wurde, so trat es doch 1475 wieder in Kraft. Das Anpflanzen derMaulbeerbäume im Staate selbst erfolgte indessen nur spärlich und auchderen Ausfuhr wurde 1505 streng untersagt 3 ). Die emporkommenden mo-