Band 
Erster Band.
Seite
84
JPEG-Download
 

84

Mailand und Turin. Spanien. Schweiz .

narchischen Staaten Italiens, namentlich Neapel, Mailand und Turin, ver-mögen den Stadtrepubliken des XV. und XVI. Jahrh. bald eine stets wach-sende Konkurrenz zu bieten, unter deren Druck die letzteren, namentlichVenedig, Lucca und Florenz sich zu einem industriellen Ringe im modern-sten Sinne des Wortes alliierten. Freies Handwerk, ungebundene Kon-kurrenz, Unternehmungsgeist und freier Handel der neuen Königreicheboten dein immer festeren Boden fassenden Seidengewerbe manche Vorteile,die namentlich zu Tage traten und den Schwerpunkt der seidenindustriellenThätigkeit nach Piemont und der Lombardei zu verlegen im stände waren,als die italienische Kunstweberei seit dem Aufkommen von Lyon und Tourswenigstens für den Weltmarkt ihre frühere Bedeutung verlor und ge-zwungen war, ihr Heil in der Seidenzucht, sowie dem Haspel- und Muli-niergewerbe zu suchen. Die Mittelpunkte der letzteren Gewerbe warenMailand und Turin , wo durch eine strenge aber einsichtige Gewerbepolizei fürdie Verbesserung der Technik und Hebung des Handelsverkehrs Sorge ge-tragen wurde').

Die spanische Seidenweberei behielt am längsten den orientalischenCharakter. Lissabon, Granada, Sevilla und Saragossa waren dauernddie wichtigsten Sitze der abendländisch-maurischen Webekunst. AlmeriasSeidenstoffe sind durch ihre Schönheit, wie uns Otto von Freising berichtet 2 ), fast sprichwörtlich geworden. Im XIII. Jahrh. nimmt hier dieSeidenindustrie einen solchen Aufschwung, dass die inländische Rohseiden-produktion nicht mehr ausreicht. Katalonien mit seiner Hauptstadt Barce-lona, dem Sitze der spanischen Webekunst, tritt mit dem 1282 erobertenSicilien in regen Verkehr und bezieht von ihm das Rohmaterial in grossenQuantitäten s ).

Auch nach der Schweiz gelangten die Keime der sich überall regendenseidengewerblichen Thätigkeit und fassten hier fruchtbaren Boden. Schongegen die Mitte des XIII. Jahrh. sind die Anfänge des Seidengewerbes zufinden, das sich im Laufe des XIV. Jahrh. mit Erfolg zu einer ziemlichausgedehnten Industrie emporschwingt, mit Beginn des XV. Jahrh. jedochden schweren Zeitverhältnissen der Freiheitskriege unterliegen muss, umerst in der zweiten Hälfte des XVI. Jahrh. durch die Lucarner wieder insLeben gerufen zu werden.

Wie seit uralten Zeiten bei den Chinesen das Seidengewerbe eine meistden Frauen zufallende Beschäftigung, bildete, so sehen wir auch in Europa die Frauenarbeit gleich von Anfang an in den Vordergrund treten, und zwarin allen Zweigen des Gewerbes: der Weberei, dann der Zwirnerei undschliesslich, als die Seidenkultur Eingang gefunden hat, in der Hasplerei. So

*) Eine Sammlung derartiger Verordnungen (18. Jahrh.) besitzt die K. Bibliothekzu Berlin unter dem Kollektivtitel „Industria di seta 1701—1786“.a ) De gest. Frederici I. lib. II. cap. 13.

8 ) Depping, L’histoire du commerce entre le Levant et l’Europe etc. Paris 1830.