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Das Bündner Oberland oder der Vorderrhein mit seinen Seitenthälern / von G. Theobald
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183
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Nachdem wir in einem der letzten Häuser Milch zum Frühstück bekommenhatten, stiegen wir dicht unter den Felsen, von denen der Wasserfall kommt,die steinigen Halden schief aufwärts und befanden uns sehr bald dicht unterder aus schwarzem Schiefer bestehenden Passhöhe. Noch ehe wir dieselbeerreichten, wollte der Führer sich verabschieden, indem er sagte: Ich habejetzt nichts weiter zu thun, als da hinüber und auf der andern Seite wiederhinunter zu gehen. Dies war aber nicht unserm Contrakt gemäss und ichnahm ihn mit bis auf das Joch, wo ich mich überzeugte, dass sich die Sachewirklich so verhielt und den guten Mann in Frieden ziehen liess. Ich bo -tanisirte noch einige Zeit auf dem Grat, wo verschiedene, seltene Pflanzenwachsen, und da ich vollkommen Zeit hatte, um mich umzusehen, so ging ichüber die Höhen nach Westen und befand mich in Kurzem am Fuss des Bären-horns (Piz Tomil). Es lag etwas frischgefallener Schnee darauf, der mirunbequem war, doch stieg ich ohne grosse Mühe hinauf und halte dort denunerwarteten Anblick einer der schönsten Aussichten auf Savien, Vals , dasHinterrheinthal und die Rheinwaldgebirge. Alles lag so klar und rein vormir und das ausgedehnte Panorama entfaltete sich mit so prachtvollen Formen,dass sich dieser Anblick nicht leicht aus meiner Erinnerung verwischen wird.Ich kehrte dann auf diePasshühe zurück und ging das Thal hinab nach Splügen ,indem ich mich anfangs auf der linken, dann auf der rechten Seite des Bacheshielt und über die Alpwiesen hinabstieg. Die Abendsonne beleuchtete mitgrellem, rothem Licht die Felsengestalten des Löchlibergs und drüben glänztenin sanfterem, rosigem Schein die schneebedeckten, zackigen Hörner der Sureta-stöcke und der hochaufragende Giebel des Tambohorns; unten fielen langeSchatten in das grüne Thal des Hinterrheins , und seine schmucken Dörfer;fast die ganze Bevölkerung war mit Heuen beschäftigt und an dem schönenAbend noch in voller Thätigkeit. Drüben auf den grasigen Halden weidetendie braunen Heerden der Kühe und höher hinauf hingen noch an Klippenund steilen Gehängen die Schafe und Ziegen, und suchten das wenige Futterab, welches aus den kahlen Kalkfelsen sprosst. Es war ein schönes Bildder Alpen in den verschiedenen Formen und Richtungen des allgemeinenLebens der Natur und der menschlichen Thätigkeit, die sich an ihr entwickelt.

Unsere Wanderung durch das Oberland ist zu Ende. Ich habe versucht,dem Leser das Bild eines schönen Alpenlandes zu zeichnen, und die Ein-drücke wiederzugeben, welche eine grosse Natur auf mich machte. Dassdiese Farben schwach und blass sind der Wirklichkeit gegenüber, weiss ichselbst am besten; die Natur will gesehen und nicht gelesen sein. Steigerüstig hinauf durch Feld und Wald über Alpcntriften und Felsen und Schnee;von der luftigen Spitze schaue über Berg und Thal, über Gletscher und Firnen;dann hast du die Alpen gesehen, und die Natur im Glanze ihrer erhabenstenSchönheit hat dir ihr Angesicht gezeigt.