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2. Bei den auf die Distichen folgenden Systemen schloffen in der Regelzwei längere Verse mit einem kürzeren. Die nur zu Oden oder Chören ver-wendeten Systeme hießen die melischen (lyrischen) Strophen. Sie enthielteneigentlich 4 Zeilen und waren je nach der Messung zwei- und mehrgliedrig.
tz 161 . Vierteilige antike Strophen.
Von den vielzelligen Strophen der Griechen haben folgende sechsnach ihren Erfindern benannte Formen Eingang in unsere Litteraturgefunden: 1. die sapphische Strophe, 2. die alkäische, 3. die aSklePia-deische, 4. die pherekratische, 5. die glykonische, 6. die phaläkische.
1. Nie sapphische Strophe.
Diese bei uns so beliebt gewordene trochäisch-daktylische Strophedankt ihren Namen der griechischen Dichterin Sappho (geb. 612,fi 550) von Mitylene, der Hauptstadt auf der Insel Lesbos. Sapphodichtete in derselben Liebeslieder und Oden, (z. B. an die Aphrodite,vgl. die deutsche Nachbildung in Geibels klass. Liederbuch S. 37).Die Strophe enthält zwei Kola, ist also ein dikolisches Tetrastichon.Ihr Schema zeigt, daß sie aus drei übereinstimmenden sapphischen undeinem adonischen Verse besteht:
Beispiele:
Hochbeglückt wie selige Götter düucht mirWem dir tief in's Auge zu schaun und lauschendAn dem Wohllaut deines Gesprächs zu hangenTäglich vergönnt ist.
Und am Sehnsucht weckenden Reiz des Mundes;
Doch mir schrickt im Busen das Herz zusammen,
Wenn du nahst, beklommen versagt die StimmeJeglichen Laut mir.
(Geibels Nachbildung eines Liebeslieds der Sappho a. a. O. S. 39.)
Ähnlich wie Horaz haben auch Platen und Voß an den Anfang der3 ersten Verse der sapphischen Strophe an Stelle eines Ditrochäus den 2. Epitrit
^_) gesetzt., um dadurch dem Verse mehr Kraft und gehaltenen Ernst
zu verleihen. Man vgl. das folgende Beispiel Platens:
Öder Denkstein, riesig und ernst beschaust duTrümmer bloß, Grabhügel, den Scherbenberg dort,
Hier die weltschüttführende, weg von Rom sichWendende Tiber!