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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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Die Sieiliane unterscheidet sich von der Oktavs rinn-, somit lediglich durchBeibehaltung der gekreuzten Reime bis zum Schluß. Sie hat also nur 2 Reime,die sich dreimal abwechselnd wiederholen. Ein anderer Unterschied besteht darin,daß man sie nicht zu größeren Dichtungen wie Epopöen verwendet,sondern daß jede Sieiliane (ähnlich wie einzelne Rückertsche Oktaven) ein fürsich bestehendes Ganzes bildet. Aus diesem Grunde bedurfte sie keines strophemschließenden Charakteristikums. Auch Rückerts bekanntekosn Lioiliauu" imFrauentaschenbuch 1823 (72 Strophen) sind eben einzelne Gedichte, die durchnichts als den Titel zusammenhängen, wie sie denn auch in der Ges.-Ausg.mit untermischten neuen Sicilianen willkürlich anders geordnet wurden. (Vgl.meineNeuen Mitteilungen über Ar. Rückert" II S. 155 ff. und I. 201.)

Fr. Rückert war es, welcher die Sieiliane aus Sicilien zuerst aufdeutschen Boden verpflanzt hat. Seine ersten deutschen Sicilianen (16 Nrn.)erschienen in Wendts Taschenbuch zum geselligen Vergnügen (S. 359 365,Jahrg. 1820). Sie zeichnen sich aus durch arabeskenartige Anklänge, Assonanzen,Allitterationen, spielende Verwechslung der Wörter, ghaselenartige Reime rc.,so daß sie einzig in ihrer Art dastehen. Man vgl. nur die 48., 79-, 81.,82., 88. Sieiliane der Rückertschen Ges.-Ausg. Bd. V. 76 ff.

Dem Reimschema der Sieiliane begegnen wir in der deutschen Litteraturübrigens schon bei Konrad von Würzburg. (Vgl. v. d. Hagens Minnesinger 1.310. Nr. 1, sowie bei Markgraf von Hohenburg, ebenda Bd. I. 33. Nr. 2.Vgl. noch III. 334.)

Beispiele:

u. Mit bloß weiblichem Reime.

Ich will der Liebe ganz mein Herz erschließen,

Ich will der Liebe ganz mich einverleiben!

Ich will in lauter Liebesblumen sprießen,

In lauter Lieb' empor zum Himmel treiben.

Der Liebe Sonnenpfeile will ich schießen,

Der Liebe Lust und Leiden will ich schreiben;

Und welches Herz nicht wird gerührt zerfließen,

Das soll, was es gewesen, Felsen bleiben. (Rückert.)

I». Mit männlichem und weiblichem Reime.

Ich armes Herz! der mich im Busen trug,

Verschenkt' an die mich, die er nennt sein Leben.

Der Stolzen da nicht dünkt' ich gut genug,

In ihrer schönen Brust mich aufzuheben.

Weil sie bei sich das Obdach ab mir schlug,

Will auch mein vor'ger Herr mir keines geben.

Ich armes Herz! so muß ich nun im FlugIrr in den Lüften hin und wieder schweben.

(Rückert.)