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Deutsche Poetik : Theoretisch-praktisches Handbuch der deutschen Dichtkunst nach den Anforderungen der Gegenwart / von Prof. Dr. C. Beyer
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6. Mil weiblichem und männlichem Reims.

Sicilische Dryad- und Oreaden,

Die ihr von Wald- und Bergesklüften lauscht,

Und ihr o Nereiden und Najaden,

Die ihr von Quell und Meer euch Grüße tauscht!

Sagt, sahet ihr auf Berg und Waldespfaden,

Wie mich, je einen wandeln lustberauscht?

Und hörtet ihr an schweigenden Gestaden

Je solchen Sturm, wie meine Klage rauscht? (Rückert.)

ck. Ritt bloß männlichem Reime.

Hier ist's an dieser Statt, wo jedes JahrDer Lenz vom Himmel steigt auf lichter Spur,

Zuerst sein goldnes Füllhorn immerdarAusleerend über diesem Eiland nur.

Dann führt er nordwärts seine Blumenschar,

Und immer dürfüger schmückt er Flur um Flur;

Bis man zuletzt kaum ahnt, wie reich er war,

Als er dahier zuerst vom Himmel fuhr. (Rückert.)

tz 171. Die GanML.

Mit dem Namen Kanzone (franz. elmnsou, prob. onimos) bezeichnetmanjenes vonden Troubadours entlehntelyrische, proventzalische Strophen-maß, das durch Petrarca weitergebildet jetzt noch für bestimmte Weifenitalienischen Geschmacks angewendet wird. Die meist 4 bis 12 gleich-artigen Strophen bestehen in der Regel aus 11, 13 oder 16 elf-silbigen jambischen Verszeilen, mit siebensilbigen abwechselnd. DieStrophen sind dreiteilig und erinnern in der Bauart an die deutschenMinnelieder. Jeder der in Zahl und Maß der Verszeilen genauübereinstimmenden beiden ersten Teile des Aufgesangs dieser Strophen(Stollen oder Füße) schließt nämlich wenn möglich mit einer logischenPause, worauf der sieben Zeilen umfassende Schlußteil (Lockn, Schweif,Geleite) mit ungetrenntem Reim sich anschließt. Am Schlüsse desGedichts folgt eine kürzere Strophe. Als Geleite bildet sie einenkleinen Epilog am Schlüsse des Gedichts, den man OIünsn (spr. kiusa)oder auch OonZscko Abschied nennt.

Wenn dieser Abschied auch keinen wesentlichen Bestandteil der Kanzonebildet, so ist er doch eine charakteristische Zierde derselben; sein Zweck ist, eineverabschiedende Anrede oder einen Auftrag an das Lied zu richten und den Ab-gesang in Maß und Reim vollständig oder teilweise zu wiederholen.

Der Reim ist: 1. Fuß: n d o. 2. Fuß: b n e. Abgesang: o ä s,s j ätt.Im Schlußteile sind dem Reime Freiheiten gestattet. Die siebente verbindendeZeile der Strophe muß dem Reime nach zum ersten Teile, dem Gedanken nachjedoch zum 2. Teile gehören. Sie heißt deshalb Zwischen; eile. Die 7.und 10. Zeile sind siebensilbig. Die sich besonders für elegische Dichtungen