Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Alle» an Personen und zn festlichen Gelegenheiten Gedichtete enthaltend.

Und so täuschen wir die Ferne,Segnen alle holden Sterne,

Die mit Gaben Dich geschmückt.Neue Freude, neue LiederGrüßen Dich! erscheine wieder!Denn der neue Frühling blickt.

Einrr hohen Keifenden.

(Churprinzessin Auguste von Hessen.)Carlsbad, im Juli 18V8.

Wohin Du trittst, wird uns verklärte Stunde,

Dir leuchtet Klarheit frisch vom Angesicht,

Vorn Auge Gutheit, Lieblichkeit vom Munde,

Aus Wolken dringt ein reines Himmelslicht.

Der Ungeheuer Schwärm im Hintergründe,

Er drängt, er droht, jedoch erschreckt Dich nicht,Wie Du mit Freiheit unbefangen schreitest,

Das Herz erhebst und jeden Geist erweckest.

So wandelst Du, Dein Ebenbild zu schauen,

Das majestätisch uns von oben blickt,

Der Mütter Urbild, Königin der Frauen,

Ein Wunderpinsel hat sie ausgedrückt.

Ihr beugt ein Mann, mit liebevollem Grauen,

Ein Weib die Knie', in Demuth still entzückt;

Du aber kommst, ihr Deine Hand zu reichen,

Als wärest Du zu Haus bei Deines Gleichen.

Doch schreite weiter, was auch hier sich finde,

Zum Lande hin, dem doch kein andres gleicht,

Wo uns Natur befreit, wie Kunst auch binde,

Der Geist sich stählt, wenn sich das Herz erweicht,Bor stillem Schaun so Zeit- als VolksgewindeZum Abgrund wallt, zur Himmelshöhe steigt:Dorthin gehörst Du, die Du schaffend strebest,

Die Trümmer herstellst, Todtes neu belebest.

Führ' uns indeß durch blumenreiche Matten,

Am breiten Fluß durch's wohlbekannte Thal,

Wo Neben sich um Sonnenhügel gatten,

Der Fels Dich schützt vor mächt'gem Sonnenstrahl:Genieße froh der engen Laube Schatten,

Der reinen Milch unschuldig würd'ges Mahl,

Und hier und dort vergönn', an Deinen Blicken,

An Deinem Wort uns ewig zu entzücken!

Än Zachariii.

Schon wälzen schnelle Räder rasselnd sich und tragenDich von dem unbeklagteu Ort,

Und angekettet fest an Deinen Wagen,

Die Freuden mit Dir fort.

Du bist uns kaum entwichen, und schwermüthig ziehenAus dumpfen Höhlen (denn dahinFlohn sie bei Deiner Ankunft, wie vor'm GlühenDer Sonne Nebel siiehn)

Verdruß und Langeweile. Wie die StymphalidenUmschwärmen sie den Tisch und sprühnVon ihren Fittigen Gift unserm FriedenAuf alle Speisen hin.

Wo ist ^ sie zu verscheuchen, unser güt'ger Retter,

Der Venus vielgeliebter Sohn,

Apollens Liebling, Liebling aller Götter!

Lebt er? ist er entflohn?

O gäb' er mir die Stärke, seine mächt'ge LeierZu schlagen, die Apoll ihm gab!

Ich rührte sie, dann flöhn die UngeheuerErschreckt zur Höll' hinab.

O leih' mir, Sohn der Maja, deiner Fersen Schwingen,Die du sonst Sterblichen geliehn!

Die reißen mich aus diesem Elend, bringenMich zu der Ocker hin;

Dann folg' ich unerwartet ihm am Flusse,

Allein, so wenig staunet er,

Als ging ihm, angeheftet seinem Fuße,

Sein Schatten hinterher.

Von ihm dann unzertrennlich wärmt den jungen BusenDer Glanz, der glorreich ihn umgiebt;

Er liebet mich; dann lieben mich die Musen,

Weil mich ihr Liebling liebt.

An Mademoiselle Oeser zu Leipzig.

Frankfurt am 6. Nvv. 1768.

Mamsell!

So launisch, wie ein Kind, das zahnt,

Bald schüchtern, wie ein Kaufmann, den man mahnt,Bald still, wie ein Hypochondrist,

Und sittig, wie ein Mennonist,

Und folgsam, wie ein gutes Lamm,

Bald lustig, wie ein Bräutigam,

Leb' ich, und bin halb krank und halb gesund,

Am ganzen Leibe wohl, nur in dem Halse wund;

Sehr mißvergnügt, daß meine LungeNicht so viel Athem reicht, als meine ZungeZu manchen Zeiten braucht, wenn sie mit Stolz erzählt,Was ich bei Euch gehabt, und was mir jetzt hier fehlt.

Da sucht man nun mit Macht mir neues LebenUnd neuen Muth und neue Kraft zu geben;

Drum reichet mir mein Doctor MedicinäExtracte aus der Cortex Chinä,