An Personen,
461
Die junger Herrn erschlaffte NervenAn Augen, Fuß und HandAuf's neue stärken, den VerstandUnd das Gedächtniß schärfen.
Besonders ist er drauf bedacht,
Durch Ordnung wieder einzubringen,
Was Unordnung so schlimm gemacht,
Und heißt mich meinen Willen zwingen:
„Bei Tag und sonderlich bei NachtNur an nichts Reizendes gedacht!"
Welch ein Befehl für einen Zeichnergeist,
Den jeder Reiz bis zum Entzücken reißt!
Des Boucher's Mädchen nimmt er mirAus meiner Stube, hängt dafürMir eine abgelebte Frau,
Mit riesigem Gesicht, mit halbzerbrochnem Zahne,
Vom fleißig kalten Gerhard DowAn meine Wand, langweilige TisaneSetzt er mir statt des Weins dazu.
O sage Du,
Kann man was Tranrigers erfahren?
An Körper alt und jung an Jahren,
Halb siech und halb gesund zu seyn?
Das giebt so melanchol'sche Laune,
Und ihre Pein
Würd' ich nicht los, und hätt' ich sechs Alraune.
Was nützte mir der ganzen Erde Geld?
Kein kranker Mensch genießt die Welt.
Und dennoch wollt' ich gar nicht klagen(Denn ich bin schon im Leiden sehr geübt)
Hätt' ich nur das, was uns die Plagen,
Die Last der Krankheit zu ertragen,
Mehr Kraft als selbst die Tugend giebt,
Verkürzung grauer Regenstunden,
Balsam'schcs Pflaster aller Wunden:
Gesellschaftsgeister, die man liebt.
Zwar hab' ich hier an meiner SeiteBeständig rechte gute Leute,
Die mit mir leiden, wenn ich leide,
Sie sorgen mir für manche Freude,
Es fehlt mir nur an mir, um recht beglückt zu seyn;
Und dennoch kenn' ich niemand, der die PeinDes Schmerzen« so behende stillt, die RuhMit einem Blick der Seele schenkt, wie Du.
Ich kam zu Dir, ein Todter aus dem Grabe,
Den bald ein zweiter Tod zum zweitenmal begräbt;
Und wem er nur einmal recht nah nm's Haupt geschwebt,Der bebt
Bei der Erinnerung gewiß, so lang er lebt.
Ich weiß, wie ich gezittert habe;
Doch machtest Du mit Deiner süßen GabeEin Blumenbeet mir aus dem Grabe,
Erzähltest mir, wie schön, wie kummerfrei,
Wie gut, wie süß Dein selig Leben sey,
Mit einem Ton von solcher Schmeichelei,
Daß ich, was mir das Elend jemals raubte,
Weil Du's besaß'st, selbst zu besitzen glaubte.
Zufrieden reist' ich fort, und was noch mehr ist, froh,Und ganz war meine Reise so. '
Ich kam hieher, und fand das Frauenzimmer
Ein bißchen — ja man sagt's nicht gern — wie immer;
G'nug! bis hieher hat keine mich gerührt.
Zwar sag' ich nicht, was einst Herr Schieb'lerVon Hamburg's Schönen Prädicirt,
Doch bin ich auch ein starker Grübler,
Seitdem Ihr Mädchen mich verführt,
Die ich wohl schwerlich je vergesse;
Und da begreifst Du wohl, daß jede leicht verliert,
Die ich nach Euerm Maaßstab messe.
Du lieber Gott! an Munterkeit ist hie,
Au Einsicht und an Witz Dir keine einz'ge gleich,
Und Deiner Stimme Harmonie,
Wie käme die heraus in's Reich!
So ein Gespräch, wie unsers war im Garten,
Und in der Loge noch, mit diesem seltnen Zug,
So aufgeweckt und doch so klug,
Ja darauf kann ich warten!
Bin ich bei Mädchen launisch froh,
So sehn sie sittenrichtrisch sträflich;
Da heißt's: Der Herr ist wohl aus Bergamo?
Sie sagen's nicht einmal so höflich.
Zeigt man Verstand, so ist auch das nicht recht;
Denn will sich einer nicht bequemen,
Des Grandison's ergebner KnechtZu seyn, und alles blindlings anzunehmen,
Was der Dictator spricht,
Den lacht man aus, den hört man nicht.
Wie seyd Ihr nicht so gut, so Euch zu bessern willig,Auf eigne Fehler streng und gegen fremde billig!
Und zum Gefallen unbemüht,
Ist niemand, den Ihr nicht gewönnet.
Ah, man ist Euer Freund, so wenig man Euch kennet,Man liebt Euch, eh' man sich's versieht.
Mit einem Mädchen hier zu LandeJst's aber ein langweilig Spiel;
Zur Freundschaft fehlt's ihr am Verstände,
Zur Liebe fehlt's ihr am Gefühl.
Drauf ging ich ganz gewiß, hätt' ich nicht so viel Laune,Bräch' ich mir nicht gar manche Lust vom Zaune,
Lacht' ich nicht da, wo keine Seele lacht,
Und dächt' ich nicht, daß Ihr schon oft an mich gedacht.Ja, denken müßt Ihr oft an mich, das sageIch Euch, besonders an dem Tage,
Wenn Ihr auf Euerm Landgut seyd,
Dem Ort, der mir so manche PlageGemacht, dem Ort, der mich so sehr erfreut.
Doch Du verstehst mich nicht, ich will es Dir erklären,