Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

510

Alles an Personen und zu festlichen Gelegenheiten Gedichtete enthaltend.

Humanität sey unser ewig Ziel.

O, warum schaut er nicht in diesen TagenDurch Menschlichkeit geheilt die schwersten Plagen!

Tcrpsichorc. Ädrastea.

Denn, ach, bisher das goldne SaitenspielTerpfichore's ertönte nur zu Klagen,

Ein Lied erklang aus schmerzlich tiefer Brust:Die Welt umher sie lag zerrissen,

Entflohn die allgemeine Lust!

Das Leben selbst, man konnt' es missen.

Doch Adrastea zeigte sich,

Des Glückes Aera war gegeben,Vergangenheit und Zukunft freuten sich,

Das Gegenwärt'ge ward zum Leben.

Aeon und Äconis. (Letzte spricht.)

Das Gegenwärt'ge kommt in doppelter Gestalt,

Ihr seht es jung, ihr seht es alt;

Zusammen gehen sie noch eine kleine Strecke,Ungleicher Schritt befördert nie,

Die Zeit verschiebt nicht nur die Zwecke,

Auch andre Mittel fordert sie.

So weise, klug er auch gehandelt,

Ein halb Jahrhundert aufgeklärt,

Auf einmal anders wird gewandeltUnd andre Weisheit wird gelehrt.

Was galt, es soll nicht weiter gelten,

Nichts mehr von allem ist erprobt,

Das, was er schalt, darf er nicht schelten,

Nicht loben, was er sonst gelobt;

Sogar in seinen eignen HallenVerkündet man ihm fremde Pflicht,

Man sucht nicht mehr ihm zu gefallen,

Wo er befiehlt, gehorcht man nicht.

Er würde sich das Leben selbst verkürzen,Verzweifelnd sich zum Orcus stürzen;

Doch seine Tochter hält ihn fest,

Versteht ihn lieblich zu erfreuen,

Beweist, mit tausend Schmeicheleien,

Daß er sich selbst weit hübscher hinterläßt.

Was ihm entging, sie hat's gewonnen,

Und ihr Gefolg ist ohne Zahl;

Was ihn verließ, es kam ihr nachgeronnen,

Was ihm nicht mehr gelingt, gelingt ihr tausendmal.Zum Glücke laßt Ihr uns herein:

Denn solch ein Fest konnt' er sich nicht erwarten;

Er sieht, es blüht ein neuer Garten,

Der blüht für mich; was mein ist, bleibt auch sein.Er fühlt sich besser als in besten Zeiten,

Ist neu belebt und wird mich froh begleiten.

Lid.

Wer ist hier so jung an Jahren,Weltgeschicht' und Dichtung fremde,Der verehrend nicht erkennteSolcher Namen Hochgewicht?

Hier ist Eid und hier Nmene,Muster jedes Heldenpaares,

Donna Uraka, die Jnfantin,

Zarter Liebe Musterbild.

Wie der Jüngling, fast ein Knabe,Ehre seines Hauses rettet;

Aber sie den VatermörderAuf den Tod verfolgend liebt.

Wie er Könige der HeidenUeberwindet zu Vasallen;

Seinem Könige getreuster,

Bald erhoben, bald verbannt.

Und Zcimene, Hauses Mutter,

Nein beschränkt auf ihre Töchter,Wenn Uraka still im HerzenHegt ein frühgeliebtes Bild.

Wer ist hier so jung an Jahren,Weltgeschicht' und Dichtung fremde,Der verehrend nicht gedächteSolcher Namen Hochgewicht?

Aber ach! die Jahre weichen,

Und es weicht auch das Gedächtniß;Kaum von allerhöchsten ThatenSchwebt ein Schattenbild uns vor.

Und so eile nun ein jeder,

Wie ihm freie Zeit geworden,

Frisch das Heldenlied zu hören,

Wie es unser Herder gab,

Den wir nur mit Eile nennen,

Den Verleiher vieles Guten,

Daß nicht tiefgefühlte TrauerDiesen Tag verdüstere.

Die Ilmc.

Da bin ich wieder, lasse mir nicht nehmen,

Den anzukllnd'gen, der nun folgen soll.

Er muß sich jetzt zur Einsamkeit bequemen;

Doch ist sein Herz Euch treu und liebevoll.

Er dankt mir viel, ich weiß, daß er nicht wanket,Ich will ihm wohl, weil er mir's treu verdanket.

Die Bäume sämmtlich, die mich hoch umschatten,Die Felsen, rauh und seltsam angegraut,