Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Annalen oder-Tag- und Jahreshefte.

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Wieland. Wenn er sich der Mannichfaltigkeit seiner Empfin- idüngen» der Beweglichkeit seiner Gedanken überließ» keinem ^einzelnen Eindruck Herrschaft über sich erlauben wollte» so zeigte ^er eben dadurch die Festigkeit und Sicherheit seines Sinnes. !Der geistreiche Mann spielte gern mit seinen Meinungen» aber, jich kann alle Mitlebenden als Zeugen auffordern» niemals mit !seinen Gesinnungen. Und so erwarb er sich viele Freunde, und lerhielt sie. Daß er irgend einen entschiedenen Feind gehabt, ist imir nicht bekannt geworden. Im Genuß seiner dichterischen !Arbeiten lebte er viele Jahre in städtischer» bürgerlicher, freundlich-geselliger Umgebung, und erreichte die Auszeichnung eines voll-ständigen Abdrucks seiner sorgfältig durchgesehenen Werke, jaeiner Prachtausgabe derselben.

Aber er sollte noch im Herbst seiner Jahre den Einfluß desZeitgeistes empfinden, und auf eine nicht vorzusehende Weiseein neues Leben, eine neue Jugend beginnen. Der Segen desholden Friedens hatte lange Zeit über Deutschland gewaltet;äußere allgemeine Sicherheit und Ruhe traf mit den innernmenschlichen, weltbürgerlichen Gesinnungen gar schön zusammen.Der friedliche Städter schien seiner Mauern nicht mehr zu be-dürfen; man entzog sich ihnen, man sehnte sich aus's Land. DieSicherheit des Grundbesitzers gab jedermann Vertrauen, dasfreie Naturleben zog jedermann an, und wie der gesellig geboreneMensch sich öfters den süßen Trug vorbilden kann, als lebe erbesser, bequemer, froher in der Abgesondertheit, so schien auchWieland, dem bereits die höchste literarische Muße gegönnt war,sich nach einem noch musenhaft ruhigem Aufenthalt umzusehen;und als er gerade in der Nähe von Weimar sich ein Landgutzuzueignen Gelegenheit und Kräfte fand, faßte er den Entschluß,daselbst den Rest seines Lebens zuzubringen. Und hier mögendie, welche ihn öfters besucht, welche mit ihm gelebt, umständlicherzählen, wie er gerade hier in seiner ganzen Liebenswürdigkeiterschien, als Haus- und Familienvater, als Freund und Gatte,besonders aber, weil er sich den Menschen wohl entziehen, dieMenschen ihn aber nicht entbehren konnten, wie er als gastfreierWirth seine geselligen Tugenden am anmuthigsten entwickelte.

Indeß ich nun jüngere Freunde zu dieser idyllischen Dar-stellung auffordere, so muß ich nur kurz und theilnehmend ge-denken, wie diese ländliche Heiterkeit durch das Hinscheiden einertheuern, mitwohnenden Freundin, und dann durch den Todseiner werthen, sorgsamen Lebensgefährtin getrübt worden. Erlegt diese theuern Neste auf eigenem Grund und Boden nieder,und indeni er sich entschließt, die für ihn allzusehr verflochtenelandwirthschaftliche Besorgung auszugeben, und sich des einigeJahre froh genossenen Grundbesitzes zu entäußern, so behält ersich doch den Platz, den Raum zwischen beiden Geliebten vor,um dort auch seine ruhige Stätte zu finden. Und dorthin habendenn die verehrten Brüder ihn begleitet, ja gebracht, und dadurchseinen schönen und anmuthigen Willen erfüllt, daß die Nach-kommen seinen Grabhügel in einem lebendigen Haine besuchenund heiter verehren sollten.

Nicht ohne höhere Veranlassung aber kehrte der Freundnach der Stadt zurück; denn das Verhältniß zu seiner großenGönneriu, der Herzogin-Mutter, hatte ihm jenen ländlichenAufenthalt mehr als einmal verdüstert. Er führte nur zu sehr,was es ihm koste, von ihr entfernt zu seyn; er konnte ihrenUmgang nicht entbehren, und desselben doch nur mit Unbe-quemlichkeit und Uustatten genießen. Und so, nachdem er seine

Familie bald erweitert, bald verengt, bald vermehrt, bald ver-mindert, bald versammelt, bald zerstreut gesehen, zieht dieerhabene Fürstin ihn in ibren nächsten Kreis. Er kehrt zurück,bezieht eine Wohnung ganz nahe an der fürstlichen, nimmt Theilan dem Sommeraufenthalt in Tiefurt, und betrachtet sich nunals Glied des Hauses und Hofes.

Wieland war ganz eigentlich für die größere Gesellschaftgeboren, ja die größte würde sein eigentliches Element gewesenseyn; denn weil er nirgends obenan stehen, wohl aber gern anallem Theil nehmen wollte, und über alles mit Mäßigung sichzu äußern geneigt war, so mußte er nothwendig als angenehme:Gesellschafter erscheinen, ja er wäre es unter einer leichtern,nicht jede Unterhaltung allzuernst nehmenden Nation noch mehrgewesen.

Denn sein dichterisches so wie sein literarifches Streben warunmittelbar aus's Leben gerichtet, und wenn er auch nicht geradeimmer einen praktischen Zweck suchte, ein praktisches Ziel hatteer doch immer nah oder fern vor Augen. Daher waren seineGedanken beständig klar, sein Ausdruck deutlich, gemeinfaßlich,und da er bei ausgebreiteten Kenntnissen stets an dem Interessedes Tags festhielt, demselben folgte, sich geistreich damit be-schäftigte, so war auch seine Unterhaltung durchaus mannichfaltigund belebend; wie ich denn auch nicht leicht jemand gekannt habe,welcher das, was von andern Glückliches in die Mitte gebrachtwurde, mit mehr Freudigkeit ausgenommen und mit mehrLebendigkeit erwiedert hätte.

Bei dieser Art zu denken, sich und andere zu unterhalten,bei der redlichen Absicht, auf sein Zeitalter zu wirken, verargtman ihm nun wobl nicht, daß er gegen die neuern philosophischenSchulen einen Widerwillen faßte. Wenn früher Kant in kleinenSchriften nur von seinen größern Ansichten präludirte, und inheitern Formen selbst über die wichtigsten Gegenstände sich proble-matisch zu äußern schien, da stand er unserm Freunde noch nahegenug; als aber das ungeheure Lehrgebäude errichtet war, somußten alle die, welche sich bisher in freiem Leben, dichtend sowie philosophirend ergangen hatten, sie mußten eine Drohburg,eine Zwingfeste daran erblicken, von woher ihre heitern Streif-züge über das Feld der Erfahrung beschränkt werden sollten.

Aber nicht allein für den Philosophen, auch für den Dichterwar, bei der neuen Geistesrichtung, sobald eine große Massesich von ihr hinziehen ließ, viel, ja alles zu befürchten. Dennob es gleich im Anfang scheinen wollte, als wäre die Absichtüberhaupt nur auf Wissenschaft, sodann auf Sittenlehre, uudwas hiervon zunächst abhängig ist, gerichtet, so war doch leichteinzusehen, daß wenn man jene wichtigen Angelegenheiten desHähern Wissens und des sittlichen Handelns fester, als bishergeschehen, zu begründen dachte, wenn man dort ein strengeres,in sich mehr zusammenhängendes, aus den Tiefen der Mensch-heit entwickeltes Urtheil verlangte, daß man, sage ich, den Ge-schmack auch bald auf solche Grundsätze hinweisen, und deßhalbsuchen würde, individuelles Gefallen, zufällige Bildung, Volks-eigenheiten durchaus zu beseitigen, und ein allgemeineres Gesetzzur Eutscheidungsnorm hervorzurufen.

Dieß geschah auch wirklich, und in der Poesie that sich eineneue Epoche hervor, welche mit unserm Freunde, so wie er mitihr in Widerspruch stehen mußte. Von dieser Zeit an erlebte ermanches unbillige Urtheil, ohne jedoch sehr davon gerührt zuWerdens, und ich erwähne dieses Umstandö hier ausdrücklich, weil