716
Annalen oder Tag- und Jahreshefte.
der daraus in der deutschen Literatur entstandene Conflict nochkeineswegs beruhigt und ausgeglichen ist, und weil ein Wohl-wollender, wenn er Wielands Verdienst schätzen und sein An-denken kräftig aufrecht erhalten will, von der Lage der Dinge,von dem Herankommen, so wie der Folge der Meinungen, vondem Charakter, den Talenten der mitwirkenden Personen genauunterrichtet seyn müßte, die Kräfte, die Verdienste beider Theilewohl kennen und, um unparteiisch zu wirken, beiden Parteiengewissermaaßen angehören.
Doch von jenen hieraus entsprungenen kleinern oder großemFehden zieht mich eine ernste Betrachtung ab, der wir uns nun-mehr zu überlasten haben.
Die zwischen unsern Bergen und Hügeln, in unsern all:muthig bewässerten Thälern viele Jahre glücklich angesiedelteRuhe war schon längst durch Kriegszüge, wo nicht verscheucht,doch bedroht. Als der folgenreiche Tag anbrach, der uns inErstaunen und Schrecken setzte, da das Schicksal der Welt inunsern Spaziergänger: entschieden ward, auch in diesen schreck-lichen Stunden, denen unser Freund sorglos entgeaenlebte, ver-ließ ihn das Glück nicht; denn er ward, erst durch die Vorsorgeeines jungen entschlossenen Freundes, dann durch die Aufmerk-samkeit der Französischen Gewalthaber gerettet, die in ihm denverdienten, weltberühmten Schriftsteller und zugleich ein Mit-glied ihres großen wissenschaftlichen Instituts verehrten.
Er hatte bald hierauf mit uns allen den schmerzlichen VerlustAmaliens zu ertragen. Hof und Stadt waren eifrig bemüht,ihm jeden Ersatz zu reichen, und bald darauf ward er von zweiKaisern mit Ehrenzeichen begnadet, dergleichen er in seinemlangen Leben nicht gesucht, ja nicht einmal erwartet hatte.
Aber so wie am trüben, so auch am heitern Tage war ersich selbst gleich, und er bethätigte hierdurch den Vorzug zart-gebildeter Naturen, deren mittlere Empfänglichkeit dem guten,wie dem bösen Geschick mäßig zu begegnen versteht.
Am bewundernswürdigsten jedoch erschien er, körperlich undgeistig betrachtet, nach dem harten Unfall, der ihn in so hohenJahren betraf, als er durch den Sturz des Wagens zugleich miteiner geliebten Tochter höchlich verletzt ward. Die schmerzlichenFolgen des Falles, die Langeweile der Genesung ertrug er mitdem größten Gleichmuth, und tröstete mehr seine Freunde alssich selbst durch die Aeußerung, es sey ihm niemals ein der-gleichen Unglück begegnet, und es möge den Göttern wohl billiggeschienen haben, daß er auch auf diese Weise die Schuld derMenschheit abtrage. Nun genas er auch bald, indem sich seineNatur, wie die eines Jünglings, schnell wiederherstellte, undward uns dadurch zum Zeugniß, wie der Zartheit und Reinheitauch eine hohe physische Kraft verliehen sey.
Wie sich nun seine Lebensphilosophie auch bei dieser Prüfungbewährte, so brachte ein solcher Unfall keine Veränderung in derGesinnung, noch in seiner Lebensweise hervor. Nach seiner Ge-nesung gesellig wie vorher, nahm er Theil an den herkömmlichenUnterhaltungen des umgänglichen Hof- und Stadtlebens, mitwahrer Neigung und anhaltendem Bemühen an den Arbeitender verbundenen Brüder. So sehr auch jederzeit sein Blick aufdas Irdische, auf die Erkenntniß, die Benutzung desselben ge-richtet schien, des Außerweltlichen, des Uebersinnlichen konnteer doch, als ein vorzüglich begabter Mann, keineswegs entbehren.Auch hier trat jener Conflict, den wir oben umständlich zuschildern für Pflicht gehalten, merkwürdig hervor; denn indem
er alles abzulehnen schien, was außer den Grenzen der allge-meinen Erkenntnisse liegt, außer dem Kreise dessen, was sichdurch Erfahrung bethätigen läßt, so konnte er sich doch niemalsenthalten, gleichsam versuchsweise über die so scharf gezogenenLinien wo nicht hinauszuschreiten, doch hinüberzublicken, undsich eine außerweltliche Welt, einen Zustand, von dem uns alleangeborenen Seelenkräfte keine Kenntniß geben können, nachseiner Weise aufzuerbauen und darzustellen.
Einzelne Züge seiner Schriften geben hierzu mannichfaltigeBelege, besonders aber darf ich mich ausseinen Agathodämon,auf seine Euthanasie berufen, ja auf jene schönen, so ver-ständigen als herzlichen Aeußerungen, die er noch vor kurzemoffen und unbewunden dieser Versammlung mittheilen mögen.Denn zu unserm Brüderverein hatte sich in ihm eine vertrauens-volle Neigung aufgethan. Schon als Jüngling mit demjenigenbekannt, was uns von den Mysterien der Alten historisch über-liefert worden, floh er zwar nach seiner heitern, klaren Sinnes-art jene trüben Geheimnisse, aber verleugnete sich nicht, daßgerade unter diesen, vielleicht seltsamen Hüllen zuerst unter dierohen und sinnlichen Menschen höhere Begriffe eingeführt, durchahnungsvolle Symbole mächtige, leuchtende Ideen erweckt, derGlaube an einen über alles waltenden Gott eingeleitet, dieTugend wünschenswerther dargestellt, und die Hoffnung auf dieFortdauer unseres Daseyns sowohl von frischen Schrecknisseneines trüben Aberglaubens als von den eben so falschen Forde-rungen einer lebenslustigen Sinnlichkeit gereinigt worden.
Nun als Greis von so vielen werthen Freunden und Zeit-genossen auf der Erde zurückgelassen, sich in manchem Sinneeinsam fühlend, näherte er sich unserm theuern Bunde. Wiefroh er in denselben getreten, wie anhaltend er unsere Ver-sammlungen besucht, unsern Angelegenheiten seine Aufmerk-samkeit gegönnt, sich der Aufnahme vorzüglicher junger Männererfreut, unsern ehrbaren Gastmahlen beigewohnt, und sich nichtenthalten über manche wichtige Angelegenheit seine Gedankenzu eröffnen, davon'sind wir alle Zeugen, wir haben es freundlichund dankbar anerkannt. Ja wenn dieser altgegründete und nachmanchem Zeitwechsel oft wiederhergestellte Bund eines Zeug-nisses bedürfte, so würde hier das vollkommenste bereit seyn,indem ein talentreicher Mann, verständig, vorsichtig, umsichtig,erfahren, wohldenkend und mäßig, bei uns seines gleichen zufinden glaubte, sich bei uns in einer Gesellschaft fühlte, die er,der besten gewohnt, als Vollendung seiner menschlichen undgeselligen Wünsche so gern anerkannte.
Vor dieser so merkwürdigen und hochgeschätzten Versamm-lung, obgleich von unsern Meistern aufgefordert, über denAbgeschiedenen wenige Worte zu sprechen, würde ich wohlhaben ablehnen dürfen, in der Betrachtung, daß nicht eineflüchtige Stunde, leichte, unzusammenhängende Blätter, son-dern ganze Jahre, ja manche wohl überdachte und geordneteBände nöthig sind, um sein Andenken rühmlich zu feiern, nebendem Monumente, das er sich selbst in seinen Werken undWirkungen würdig errichtet hat. Auch übernahm ich dieseschöne Pflicht nur in der Betrachtung, es könne das von mirVorgetragene dem zur Einleitung dienen, was künftig, beiwiederholter Feier seines Andenkens, von andern besser zuleisten wäre. Wird es unsern verehrten Meistern gefallen, mitdiesem Aufsatz in ihre Lade alles dasjenige niederzulegen, wasöffentlich über unsern Freund erscheinen wird, noch mehr aber