Annalen oder Tag- und Jahreshefte.
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dasjenige, was unsere Briider, auf die er am meisten und ameigensten gewirkt, welche eines ununterbrochenen nähern Um-gangs mit ihm genossen, vertraulich äußern und mittheilenmöchten, so würde hierdurch ein Schatz von Thatsachen, Nach-richten und Urtheilen gesammelt, welcher wohl einzig in seinerArt seyn dürfte, und woraus denn unsere Nachkommen schöpfenkönnten, um mit standhafter Neigung ein so würdiges Andenkenimmerfort zu beschützen, zu erhalten und zu verklären.
Johannes von Müllers
Keöe über Friedrich -rn Großen
am 29. Januar 1807.
Aus dem Französischen.
Teutsch von Goethe.
Intsminötjs tulxet donoridus.
Jener große König, Friedrich derZweite, Ueberwinder,Gesetzgeber, der seinem Jahrhundert, seinem Volk zum Ruhmgedieh, wandelt längst nicht mehr unter den Sterblichen. Heuteversammelt sich die Akademie, um seiner zu gedenken. PreußischeMänner, die sich der Zeiten erinnern, wo die Wetter des Krieges,die Gesetze des Friedens, die erleuchtenden Strahlen des GeniusWechselsweise von Sanssouci her sich verbreiteten, den FeindenSchrecken, Europen Achtung, bedeutenden Menschen Bewun-derung einprägten, sie find heute gekommen, unsere Worte überFriedrich zu vernehmen. Mitten im Wechsel, in der Erschütte-rung , im Einsturz verlangen ausgezeichnete Fremde an diesemTage zu erfahren, was wir gegenwärtig von Friedrich zu sagenhaben, und ob die Empfindung seines glorreichen Andenkensnicht durch neuere Begebenheiten gelitten habe.
Der gegenwärtig Redende hat es immer als eine weise An-ordnung betrachtet, jährlich das Andenken erlauchter Männerzu erneuern, welche, den unsterblichen Ruhm eifrig und mühsamverfolgend, von einer wollüstigen Ruhe sich vorsätzlich entfernten.Wenn, mit jedem Jahre neuer Prüfung unterworfen, der Glanzihres Verdienstes durch keinen äußern Wechsel, nicht durch denAblauf mehrerer Jahrhunderte gemindert wird; wenn ihr Namehinreicht, ihrem Volk einen Rang unter Nationen zu behaupten,die in verschiedenen Perioden jede ihre Zeit gehabt haben; wenn,immer neu, niemals zum Ueberdruß, eine solche Lobrede keinerKünste bedarf, um die Theilnahme großer Seelen zu weckenund die Schwachen tröstend abzuhalten, die im Begriff sind sichselbst aufzugeben: dann ist die Weihe vollbracht; ein solcherMann gehört, wie die unsterblichen Götter, nicht einem ge-wissen Land, einem gewissen Volk — diese können veränderlicheSchicksale haben — der ganzen Menschheit gehört er an, die soedler Vorbilder bedarf, um ihre Würde aufrecht zu erhalten.
Diese Betrachtungen gründen sich auf die Erfahrung. MitAusnahme weniger beschränkten Köpfe, einiger Freunde selt-samen Widerspruchs, wer hat jemals das göttliche Genie, diegroßmüthige Seele dem ersten der Cäsaren streitig gemacht?wer den ungeheuern Umfassungsgcist, die Kühnheit der Ent-würfe dem großen Alexander? oder die vollendete Bortrefflich-keit des Tharakters dem Trajan? Constantin und Justinian
haben mehrere Lobredner und eifrigere gefunden. Als manaber in der Folge bemerkte, daß der erste nicht Stärke desGeistes genug besessen hatte, um die Parteien zu beherrschen,und daß er, statt sich der Hierarchie zu bedienen, sich von ihrunterjochen ließ; als man endlich einsah, daß an dem Größtenund Schönsten, was zu Justinians Zeiten geschehen war, dieserKaiser fast ganz und gar keinen persönlichen Antheil gehabt hatte:da verloren diese Fürsten den ausgezeichneten Platz, den ihnenSchmeichelei und Ränkespiel in den Jahrbüchern der Weltanzuweisen gedachte. Der eine war Herr des ganzen RömischenReichs, der andere Herr der schönsten feister Provinzen. Con-stantin erwarb Kriegslorbeern, Justinian war von glücklichenFeldherren und weisen Rechtsgelehrten umgeben; doch sindHerrschaft und Glück nicht zuverlässige Pfänder eines unsterb-lichen Ruhmes. Wie vieler Königreiche und Länder bedürfte es,um sich dem armen und einfachen Bürger von Theben gleich-zustellen, dem Erfinder der schrägen Schlachtordnung, demBesteger bei Leuktra, bei Mantinea, dem Besieger seiner selbst!Und wer zieht nicht den Namen Mithridat dem Namen Pom-pejus vor?
Außer Verhältniß zu den Mitteln seines Staates ist derRuhm des großen Mannes, dessen Andenken uns heute ver-sammelt, wie der Ruhm Alexanders zu dem armen und be-schränkten Nachlaß Philipps; und so bleibt dieser Ruhm eingeheiligtes Erbgut nicht allein für die Preußen, sondern auchfür die Welt. Ohne Zweifel waltet ein zarter und unschätz-barer Bezug zwischen einem jeden Lande und den berühmtenMännern, die aus seinem Schooße hervorgingen; und wiebedeutend muß ein solches Verhältniß werden, wenn solcheMänner den Bau ihres Jahrhunderts gründeten, wenn sie alsHausväter für ihn Sorge trugen, ihn als Helden vertheidigtenoder auf das edelste vergrößerten, wenn sie uns als unvergleich-liche Dämonen erscheinen, die, ähnlich den höchsten Gebirgs-gipfeln, noch Lichtglanz behalten, indeß hundert und hundertMenschengeschlechter augenblicklichen Rufs nach und nach hin-schwinden, von der Nacht der Jahrhunderte verschlungen! Vonjenem Hohen bleibt ein Eindruck, der Menschencharakter eignetsich ihn zu, durchdrängt sich davon und stählt sich unwandelbar.Vor Philipp gab es unter den Macedoniern nichts Ausgezeich-netes; sie kriegten mit den Jllyriern, wie die alten Bewohnerunserer Marken mit den Wenden, wacker, ohne Glanz; derGeist Philipps trat hervor und das Gestirn Alexanders. Inder zweiten Geschlechtsreihe nach ihnen sehen sich die Macedo-nier überwunden und in Gefahr der Auflösung ihres Reichsdurch die hereinbringenden Gallier. Und doch, als sie nach sovielen und unglücklichen Jahrhunderten alles verloren hatten,behaupteten sie bis auf unsere Zeit den Ruf, die besten Soldatendes Reiches zu seyn, dem sie angehören.
An jedem Volke, das eines neuen Zeitbeginns und außer-ordentlicher Männer gewürdigt wurde, freut man sich in derGesichtsbildung, in dem Ausdruck des Charakters, in den Sittenüberbliebene Spuren jener Einwirkungen zu erkennen. Wersucht nicht Römer in Rom? ja unter Lumpengewand kowanosreruna «tomiiios! An allen Jtaliänern studirt man die Zügedieses Wunderhaften Volks, das zweimal die Welt überwandund länger als ein anderes beherrschte. Erfreuen wir uns nicht,wenn die Fruchtbarkeit glücklicher Ideen, die Reife wohlgefaßterGrundsätze, jene unerschütterliche Folge von Entwürfen, diese