Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Biographische Etnzelnhetten.

Den 1. Juli.

Lavater war fünf Tage bei mir, und ich habe auch da wie-der gelernt, daß man über niemand reden soll, den man nichtpersönlich gesehen hat. Wie ganz anders wird doch alles! Ersagt so oft, daß er schwach sey, und ich habe niemand gekannt,der schönere Stärken gehabt hätte als er. In seinem Elementeist er unermüdet, thätig, fertig, entschlossen und eine Seelevoll der herzlichsten Liebe und Unschuld. Ich habe ihn nie füreinen Schwärmer gehalten, und er hat noch weniger Einbil-dungskraft, als ich mir vorstellte. Aber weil seine Empfindun-gen ihm die wahrsten, so sehr verkannten Verhältnisse der Na-tur in seine Seele Prägen, er nun also jede Terminologie weg-schmeißt, aus vollem Herzen spricht und handelt, und seineZuhörer in eine fremde Welt zu versetzen scheint, indem er siein die ihnen unbekannten Winkel ihres eigenen Herzens führt,so kann er dem Borwurf eines Phantasten nicht entgehen. Erist im Emser Bade, wohin ich ihn begleitet habe. Mit Klop-stocks Gelehrten - Republikist die ganze Welt unzufrieden;es versteht sie kein Mensch. Ich sah wohl voraus, was für eineerbärmliche Figur das herrliche Buch in den Händen aller Weltmachen würde.

LavaterS Physiognomik giebt ein weitläufiges Werk niitviel Kupfern. Es wird große Beiträge zur bildenden Kunstenthalten und dem Historien- und Porträtmaler unentbehrlichseyn.

Heinse, den Sie aus der Uebcrsetzung des Petron ken-nen werden, hat ein Ding herausgegeben, des Titels: Lai-dion oder die Eleusinischen Geheimnisse. Es ist mitder blühendsten Schwärmerei der geilen Grazien geschriebenund läßt Wieland und Jacob! weit hinter sich, obgleich derTon und die Art des Vertrags, auch die Ideenwelt, in denensich's herumdreht, mit den ihrigen coincidirt. Hintenan sindOttaven gedruckt, die alles übertreffen, was je mit Schmelz-farben gemalt worden.

Leben Sie wohl aber- und abermal, und behalten mich lieb!

G.

Än Frau von Voigts, geborene Möser ;nOsnabrück.

Frankfurt, den 28. December 177-t.

Madame!

Man ergeht sich wohl, wenn man auf einem Spaziergangein Echo antrifft: es unterhält uns; wir rufen, es antwortet:sollte denn das Publicum härter, untheilnehmcnder als einFels seyn? Schändlich ist's, daß die garstigen Recensenten ausihren Höhlen im Namen aller derer antworten, denen ein Au-tor oder Herausgeber Freude gemacht hat. Hier aber, Madame,nehmen Sie meinen einzelnen Dank für die patriotischenPhantasien Ihres Vaters, die durch Sie erst mir und hie-sigen Gegenden erschienen sind. Ich trage sie mit mir herum;wann, wo ich sie aufschlage, wird mir's ganz wohl, undhunderterlei Wünsche, Hoffnungen, Entwürfe entfalten sichin meiner Seele. Empfehlen Sie mich Ihrem Herrn Va-ter! Nehmen Sie diesen Gruß so mit ganzem Herzen auf, wieich ihn gebe, und lassen sich nicht an der Ausgabe des zweitenTheils hindern!

Das Louisenfest,

gefeiert zu Weimar am 9. Zult 1778.

Das genannte, hiernächst umständlich zu beschreibende Festgilt vor allen Dingen als Zeugniß, wie man damals den jun-gen fürstlichen Herrschaften und ihrer Umgebung etwas Heiteresund Reizendes zu veranstalten und zu erweisen gedachte. So-dann bleibt es auch für uns noch merkwürdig, als von dieserEpoche sich die sämmtlichen Anlagen auf dem linken User derJlm, wie sie auch heißen mögen, datiren und Herschreiben.

Die Neigung der damaligen Zeit zum Leben, Verweilenund Genießen in freier Luft ist bekannt, und wie die sich darausentwickelnde Leidenschaft, eine Gegend zu verschönern und alseine Folge von ästhetischen Bildern darzustellen, durch denPark des Herzogs von Dessau angeregt, sich nach und nach zuverbreiten angefangen habe.

In der Nähe von Weimar war damals nur der mit Bäu-men und Büschen wohl ausgestattete Raum, der Stern ge-nannt, das einzige, was man jenen Forderungen analog nen-nen und wegen Nähe der herrschaftlichen Wohnung als ange-nehm geachtetes Local schätzen konnte. Es fanden sich daselbsturalte geradlinige Gänge und Anlagen, hoch in die Luft sicherhebende stämmige Bäume, daher entspringende mannichfaltigeAlleen, breite Plätze zu Versammlung und Unterhaltung.

Begünstigt nun durch heitere, trockene Witterung beschloßman hier zum Namenstag der regierenden Frau Herzogin einheiter geschmücktes Fest, welches an die ältern ItaliänischenWald- und Buschfabeln (kavole boscüsreeels) geistreich erin-nern sollte. Dazu wurde denn auch ein Plan gemacht undmanche Vorbereitung im Stillen getroffen. Da sollte es dennan Nymphen und Faunen, Jägern, Schäfern und Schäferin-nen nicht fehlen; glückliche wie verschmähte Liebe, Eifersüchteleiund Versöhnung war nicht vergessen.

Unglücklicherweise trat, nach gewaltsamem Ungewitter, eineWasserfluth ein, Wiesen und Stern überschwemmend, wodurchdenn jene Anstalten völlig vereitelt wurden. Denn das Dra-matische und die Erscheinung der verschiedenen verschränktenPaare war genau auf das Local berechnet; daher, um jeneAbsicht nicht völlig aufzugeben, mußte man auf etwas anderesdenken.

Damals führte schon, von dem Fürsteuhause her, ein etwaserhöhter Weg, den die Fluth nicht erreichte, an dem linken Uferder Jlm unter der Höhe weg; man bediente sich aber desselbennur, um an den schon eingerichteten Felsenplatz, sodann überdie damalige Floßbrücke, welche nachher der sogenannten Na-turbrücke Platz machen mußte, in den Stern zu gelangen.

An dem diesseitigen Ufer stand, ein wenig weiter hinauf,eine von dem Fluß an bis an die Schießhausmauer vorgezogeneWand, wodurch der untere Raum nach der Stadt zu, nebstdem Welschengarten, völlig abgeschlossen war. Davor lag einwüster, nie betretener Platz, welcher um so weniger besuchtward, als hier ein Thürmchen sich an die Mauer lehnte, wel.ches, jetzt zwar leer und unbenutzt, doch immer noch einigeApprehension gab, weil es früher dem Militär zu Aufbewah-rung des Pulvers gedient hatte.

Diesen Platz jedoch erreichte das Wasser nicht: der bis-herige Zustand erlaubte hier etwas ganz Unerwartetes zu ver-anstalten; man faßte den Gedanken, die Festlichkeit aus die