Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Biographische Flnzelnheiten.

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unmittelbar anstoßende Höhe zu verlegen, dahin wo hinter jenerMauer eine Gruppe alter Eschen sich erhob, welche noch jetztBewunderung erregt. Man ebnete unter denselben welcheglücklicherweise ein Oval bildeten, einen anständigen Platz undbaute gleich davor in dem schon damals waltenden und auchlange nachher wirkenden Mönchssinne eine sogenannte Einsie-delei, ein Zimmerchen mäßiger Größe, welches man eilig mitStroh überdeckte und mit Moos bekleidete.

Alles dieses kam in drei Tagen und Nächten zu Stande,ohne daß man weder bei Hofe noch in der Stadt etwas davonvermuthet hätte. Der nahgelegene Bauplatz lieferte unsermWerk die Materialien, wegen der Ueberschwemmung hatte nie-mand Lust, sich nach dem Stern zu begeben.

Nach jenen mönchischen, unter diesen Umständen die Ober-hand gewinnenden Ansichten kleidete sich eine Gesellschaft geist-reicher Freunde in weiße, höchst reinliche Kutten, Kappen undUeberwürfe und bereitete sich zum Empfange. Der Hof warzur gesetzlichen Tagesstunde eingeladen; die Herrschaften kamenjenen untern Weg am Wasser her; die Mönche gingen ihnenbis an den erweiterten Felsenraum entgegen, wo man sich an-ständig ausbreiten konnte, worauf denn nachstehendes, vomKammerherrn Siegmund von Seckendorf gefertigtes Dramoletgesprochen wurde.

Pater Vrator.

Lenaento uaori! Die Damen und HerrnGedachten wohl nicht uns zu finden am Stern,

Es seh denn sie hätten im voraus vernommen,

Daß eben am Tag, wie das Wasser gekommen.

Auch wir mit dem Kloster hierher sind geschwommen.

Zwar ist die Capelle, der schöne Altar,

Die heiligen Bilder, die Orgel sogarErbärmlich beschädigt, fast alles zerschlagen,

Die Stücke, Gott weiß wohin, abwärts getragen;

Doch Keller und Küche, zwar wenig verschlemmt.

Hat auch sich, Gottlob! mit uns feste gestemmt,

Als wir, durch brausende Fluthen getrieben,

Hier dicht an der Mauer sind stehen geblieben.

P. Provisor.

Ja, das war sür's Kloster ein großes Glück!

Sonst wären wir wahrlich geschwommen zurück;

Und ist man auch gleich resignirt in Gefahren,

So mag doch der Teufel die Welt so durchführen,p. Guardian.

Ich meines Orts freu' mich der Nachbarschaft,

Die uns unsre seltsame Reise verschafft.

Und ist auch das Kloster hier gut etablirtp. Liichknmkißcr.

Ja, nur etwas kärglich und enge logirtp. vecorator.

Nun 's Wasser hat freilich uns viel ruinirt.p. Florian.

Von Mücken und Schnaken ganz rasend geplagt.p. Küchenmeister.

Und vielerlei, was mir noch sonst nicht behagt,p. Lccoralor.

Ei! Ei! wer wird ewige Klaglieder stimmen.

Sey der Herr zufrieden nicht weiter zu schwimmen!

p. Florian.

Der dicke Herr ist der Pater Guardian,

Ein überaus heilig- nnd stiller Mann,

Den wir, dem löblichen Kloster zum Besten,

Mit allem, was lecker und nährend ist, mästen.

Und dieser hier Pater Decorator,

Der all unsern Gärten und Bauwerk steht vor,

Der hat nun beinahe drei Nacht nicht geschlafen,

Um uns hier im Thal ein Paradies zu verschaffen.

Denn wenn der was angreift, so hat er nicht Ruh,Stopft Tag und Nacht die Löcher mit Heckenwerk zu,Macht Wiesen zu Felsen und Felsen zu Gange,

Bald grad aus, bald Zickzack die Breit' und die Länge.Sogar auch den Ort, den sonst niemand ornirt,

Hat er mit Lavendel nnd Rosen verziert.

p. Provisor.

Ei! überhaupt von den Patern hier insgesammtIst keiner, der wohl nicht verwaltet sein Amt.

Doch pranget freilich Pater KüchenmeisterAls einer der höchst speculirendsten Geister,

Weil schwerlich auf Erden ein' Speis' epistirt,

Die er doch nicht wenigstens hätte probirt.

P. Brator.

Ja der versteht sich aus's Sieden und Braten,

Der macht rechte Saucen und süße Panaten,

Und Torten von Zucker und CrLmen mit Wein:

Mit dem ist's eine Wollust im Kloster zu sehn.

Drum dacht' ich, ihr ließt euch drum eben nicht schrecken;Wenn gleich rauhe Felsen unsre Wohnung bedecken,

Und eng sind die Zellen und schlecht dieß Gewand,

So bergen sie Reize, die nie ihr gekannt.

Laßt ab zu verschwenden die köstlichen TageMit quirlendem Sinnen und strebender Plage,

Mit schläfrigen Tänzen und schläfrigem Spiel,

In sinnlicher Trägheit und dumpfem Gefühl!

Bekehrt euch von Kolik, von Zahnweh und Flüssen,

Und lernet gesünder des Lebens genießen!

Ihr gähnet im Glanz- von festlicher Pracht,

Wir schätzen den Tag und benutzen die Nacht;

Ihr schlaft noch beim Aufgang der lieblichen Sonne,

Wir schöpfen und athmen den Morgen mit Wonne;

Ihr taumelt im Hoffen und Wünschen dahin,

Wir lassen uns lieber vom Augenblick ziehn.

Und beichten wir unsere Sünden im Chor,

So sind wir so heilig und ehrlich wie vor.

p. Provisor.

Herr Guardian, die Glock' hat Zwei schon geschlagen,p. Guardian.

Gottlob! ich fühlt' es schon längstens im Magen.

P. Lüchenmeisier.

Ew. Hochwürden, die Speisen sind aufgetragen,p. Vrator.

Sie rechnen's uns allerseits übel nicht an,

Wenn keiner der Paters verweilen nicht kann:

Sie wissen, die Suppe versäumt man nicht gern.

Alle.

O stünde doch unsre Tafel im Stern!