Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Benvenuto Cellini.

sagte darauf, das wäre ihm sehr lieb; nur möchten sie warten,bis mein Modell geendigt wäre, dann wolle er alles zusammenansehen.

Nach einigen Tagen hatte ich mein Modell fertig, und tniges eines Morgens zum Papst hinauf; Trajanv ließ mich warten,und schickte schnell nach Micheletto und Pompes, mit der An-weisung, sie sollten ihre Zeichnungen bringen. Sie kamen,und wir wurden zusammen hineingelassen. Sogleich legten beidedem Papst die Zeichnungen sehr emsig vor; aber die Zeichner,die nicht zugleich Goldschmiede waren, hatten die Juwelen nichtgeschickt angebracht, und die Goldschmiede hatten ihnen darüberkeine Anweisung gegeben. Denn das ist eben die Ursache,warum ein Goldschmied selbst muß zeichnen können, um, wennJuwelen mit Figuren zu verbinden sind, es mit Verstand zumachen. Alle diese Zeichner hatten den großen Diamanten aufder Brust Gott Vaters angebracht. Dem Papste, der einensehr guten Geschmack hatte, konnte das keineswegs gefallen,und da er ungefähr zehn Zeichnungen gesehen hatte, warf erdie übrigen auf die Erde und sagte zu mir, der ich an der Seitestand: Zeige einmal dein Modell her, Benvenuto, damit ichsehe, ob du auch in demselbigen Irrthum bist wie diese.

Als ich herbeitrat und meine runde Schachtel öffnete, schienes, als wenn eigentlich dem Papste etwas in die Augen glänzte;darauf er mit lebhafter Stimme sagte: Wenn du mit im Leibegesteckt hättest, so hättest du es nicht anders machen können, alsich's sehe; jene haben sich gar nicht in die Sache finden können.Es traten viele große Herren herbei, und der Papst zeigte denUnterschied zwischen meinem Modell und ihren Zeichnungen.Als er mich genug gelobt und die andern beschämt hatte, wendeteer sich zu mir und sagte: Es ist denn doch dabei noch eineSchwierigkeit zu bedenken: das Wachs ist leicht zu arbeiten,aber das Werk von Gold zu machen, das ist die Kunst. Darqufantwortete ich kecklich: Heiliger Vater, wenn ich es nicht zehn-mal besser als mein Modell mache, so sollt ihr nur nichts dafürbezahlen. Darüber entstand eine große Bewegung unter denHerren, und sie behaupteten, daß ich zu viel verspräche. Unterihnen aber war ein großer Philosoph, der zu meinen Gunstensprach und sagte: Wie ich an diesem jungen Mann eine guteSymmetrie seines Körpers und seiner Physiognomie wahr-nehme, so verspreche ich mir viel von ihm. Ich glaube es auch,sagte der Papst. Darauf rief er den Kämmerer Trajanv undsagte, er sollte 500 Goldducaten bringen.

Indessen, als mau das Gold erwartete, besah der Papstnochmals, mit mehr Gelassenheit, wie glücklich Gott Vater mitdem Diamanten zusammengestellt war. Den Diamanten hatteich gerade in die Mitte des Werks angebracht, und darüber saßdie Figur, mit einer leichten Bewegung, wodurch der Edelsteinnicht bedeckt wurde, vielmehr eine angenehme Uebereinstimmungsich zeigte. Die Gestalt hob die rechte Hand auf, um den Segenzu ertheilen. Unter den Diamanten hatte ich drei Knaben an-gebracht, die mit aufgehobenen Händen den Stein unterstützten;der mittelste war ganz, und die beiden andern nur halb erhoben,um sie her war eine Menge anderer Knaben mit schönen Edel-steinen in ein Verhältniß gebracht; übrigens hatte Gott Vatereinen Mantel, welcher flog, und aus welchem viele Kinderhervorkamen. Daneben andere Zierrathen, die dem Ganzenein sehr schönes Ansehen gaben. Die Arbeit war aus einerweißen Masse auf einen: schwarzen Steine gearbeitet. Als das

j Gold kam, überreichte es mir der Papst mit eigener Hand, und! ersuchte mich, ich sollte nach seinem Geschmack und seinemWillen arbeiten; das werde mein Vortheil seyn.

Ich trug das Gold und das Modell weg, und konnte nichtruhen, bis ich an die Arbeit kam. Ich blieb mit großer Sorg-falt darüber, als mir nach acht Tagen der Papst durch einenseiner Kämmerer, einen Bolognesischen Edelmann, sagen ließ,ich möchte zu ihm kommen und meine Arbeit, so weit sie wäre,mitbringen. Indessen wir auf dem Wege waren, sagte mirdieser Kämmerer, der die gefälligste Person am ganzen Hofewar, daß der Papst nicht sowohl meine Arbeit sehen, alsmir ein anderes Werk von der größten Bedeutung übergebenwolle, nämlich die Stempel zu den Münzen, die in Romgeprägt werden sollten: ich möchte mich bereiten, SeinerHeiligkeit zu antworten; deßwegen habe er mich davon unter-richtet.

Ich kam zum Papst, und zeigte ihm das Goldblech, worausschon Gott Vater im Umriß eingegraben war, welche Figur,auch nur so angelegt, schon mehr bedeuten wollte als dasWachsmodell, so daß der Papst erstaunt ausrief: Bon jetzt anwill ich dir alles glauben, was du sagst, und ich will dir hierzunoch einen andern Auftrag geben, der mir so lieb ist wie dieser,und lieber; das wäre, wenn du die Stempel zu meinen Münzenübernehmen wolltest. Hast du jemals dergleichen gemacht, oderhast du Lust, so etwas zu machen?

Ich sagte, daß es mir dazu an Muth nicht fehle, daß ichauch gesehen habe, wie man sie arbeite, daß ich aber selbst nochkeine gemacht habe. Bei diesem Gespräch war ein gewisserJohann da Prato gegenwärtig, der Secretär bei Seiner Heilig-keit, und ein großer Freund meiner Feinde war. Er sagte:Heiligster Vater, bei der Gunst, die Ew. Heiligkeit diesemjungen Manne zeigen, wird er, der von Natur kühn genug ist,alles Mögliche versprechen. Ich sorge, daß der erste wichtigeAuftrag, den ihm Ew. Heiligkeit gegeben, durch den zweiten,der nicht geringer ist, leiden werde.

Der Papst kehrte sich erzürnt zu ihm und sagte, er solle sichum sein Amt bekümmern, und zu mir sprach er, ich sollte zueiner goldenen Doppie das Modell machen; darauf wolle ereinen nackten Christus mit gebundenen Händen sehen, mit derUmschrift: Leos lloiuo! Auf der Rückseite sollte ein Papst undein Kaiser abgebildet seyn, die ein Kreuz, das eben fallen will,aufrichten, mit der Unterschrist: klnus Spiritus et uns, kicke«ernt in eis.

Als mir der Papst diese schöne Münze aufgetragen hatte,kam Bandinelli, der Bildhauer, hinein; er war damals nochnicht zum Cavalicr gemacht, und sagte mit seiner gewohntenanmaßlichen Unwissenheit: Diesen Goldschmieden muß man zusolchen schönen Arbeiten die Zeichnnngen machen. Ich kehrtemich schnell zu ihm und sagte: Ich brauche zu meiner Kunst^ seine Zeichnungen nicht; ich hoffe aber mit meiner Arbeit und

> meinen Zeichnungen ihn: künftig im Wege zu seyn. Der Papst,j dem diese Worte sehr zu gefallen schienen, wendete sich zu nur! und sagte: Geh nur, Benvenuto, diene mir eifrig, und laß die! Narren reden! So ging ich geschwind weg, und schnitt zwei

Formen nüt der größten Sorgfalt, prägte sogleich eine Münze^ in Gold aus, und eines Tags es war an einem Sonntag

, nach Tische, trug ich die Münze und die Stempel zum Papste.

> Da er sie sah, war er erstaunt und zufrieden, sowohl über die