Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Farbenlehre.

die Steigerung, welche immer fortwächs't, die Körper, welchebearbeitet werden, immer inniger und kräftiger färbt, und soauf die größte Feinheit der behandelten Theile, auf unendlicheTheilbarkeit hiuweis't.

577.

Mit den Farben, welche sich gegen das Dunkle hinbegeben,und folglich besonders mit dem Blauen, können wir ganz andas Schwarze hinanriicken; wie uns denn ein recht vollkomme-ner Berlinerblau, ein durch Vitriolsäure behandelter Indizfast als Schwarz erscheint.

578.

Hier ist es nun der Ort, einer merkwürdigen Erscheinungzu gedenken, daß nämlich Pigmente in ihrem höchst gesättigtenund gedrängten Zustande, besonders aus dem Pflanzenreiche,als erstgedachter Indiz oder auf seine höchste Stufe geführterKrapp, ihre Farbe nicht mehr zeigen; vielmehr erscheint aufihrer Oberfläche ein entschiedener Metallglanz, in welchem diephysiologisch geforderte Farbe spielt.

579.

Schon jeder gute Indiz zeigt eine Kupferfarbe auf demBruch, welches im Handel ein Kennzeichen ausmacht. Derdurch Schwefelsäure bearbeitete aber, wenn man ihn dick auf-streicht oder eintrocknet, so daß weder das weiße Papier nochdie Porcellanschale durchwirken kann, läßt eine Farbe sehen,die dem Orange nahkommt.

580.

Die hochpurpurfarbene Spanische Schminke, wahrscheinlichaus Krapp bereitet, zeigt auf der Oberfläche einen vollkomme-nen grünen Metallglanz. Streicht man beide Farben, die blaueund rothe, mit einem Pinsel auf Porcellan oder Papier auseinander, so hat man sie wieder in ihrer Natur, indem dasHelle der Unterlage durch sie hindurchscheint.

581.

Farbige Liquoren erscheinen schwarz, wenn kein Licht durchsie hindurchfällt, wie man sich in parallelepipedischen Blech-gefäßen mit Glasbodcn sehr leicht überzeugen kann. In einemsolchen wird jede durchsichtige, farbige Infusion, wenn maneinen schwarzen Grund unterlegt, schwarz und farblos er-scheinen.

582.

Macht man die Vorrichtung, daß das Bild einer Flammevon der untern Fläche zurückstrahlen kann, so erscheint diesegefärbt. Hebt man das Gefäß in die Höhe, und läßt das Lichtauf druntergehaltenes weißes Papier fallen, so erscheint dieFarbe auf diesem. Jede helle Unterlage, durch ein solches ge-färbtes Mittel gesehen, zeigt die Farbe desselben.

583.

Jede Farbe also, um gesehen zu werden, muß ein Licht imHinterhalte haben. Daher kommt es, daß, je Heller und glän-zender die Unterlagen sind, desto schöner erscheinen die Farben.Zieht man Lackfarben auf einen metallisch glänzenden weißenGrund, wie unsere sogenannten Folien verfertigt werden, sozeigt sich die Herrlichkeit der Farbe bei diesem zurückwirkendenLicht so sehr als bei irgend einem prismatischen Versuche. Jadie Energie der physischen Farben beruht hauptsächlich darauf,daß mit und hinter ihnen das Licht immerfort wirksam ist.

584.

Lichtenberg, der zwar, seiner Zeit und Lage nach, der

hergebrachten Vorstellung folgen mußte, war doch ein zu guterBeobachter und zu geistreich, als daß er das, was ihm vorAugen erschien, nicht hätte bemerken und nach seiner Weiseerklären und zurecht legen sollen. Er sagt in der Vorrede zuDelaval:Auch scheint es mir aus andern Gründen wahr-scheinlich, daß unser Organ, um eine Farbe zu empfinden,etwas von allem Licht (Weißes) zugleich mit empfinden müsse."

585.

Sich weiße Unterlagen zu verschaffen, ist das Hauptgeschäftdes Färbers. Farblosen Erden, besonders dem Alaun, kannjede specificirte Farbe leicht mitgetheilt werden. Besondersaber hat der Färber mit Producten der animalischen und derPflanzenorganisation zu schaffen.

586.

Alles Lebendige strebt zur Farbe, zum Besondern, zurSpecifikation, zum Effect, zur Undnrchsichtigkeit bis in's Un-endlichfeine. Alles Abgelebte zieht sich nach dcm Weißen (494),zur Abstraction, zur Allgemeinheit, zur Verklärung, zur Durch-sichtigkeit.

587.

i Wie dieses durch Technik bewirkt werde, ist in dem Capitel! von Entziehung der Farbe anzudeuten. Hier bei der Mitthei-lung haben wir vorzüglich zu bedenken, daß Thiere und Vege«tabilicn im lebendigen Zustande Farbe an sich hervorbringen,und solche daher, wenn sie ihnen völlig entzogen ist, um destoleichter wieder in sich aufnehmen.

XUVI1.

Mittheilung.

Scheinbare.

588.

Die Mittheilung trifft, wie man leicht sehen kann, mit derMischung zusammen, sowohl die wahre als die scheinbare. Wirwiederholen deßwegen nicht, was oben, so viel als nöthig, aus-geführt worden.

589.

Doch bemerken wir gegenwärtig umständlicher die Wichtig-keit einer scheinbaren Mittheilung, welche durch den Wider-schein geschieht. Es ist dieses zwar sehr bekannte, doch immerahnungsvolle Phänomen dem Physiker wie dem Maler von dergrößten Bedeutung.

590.

Man nehme eine jede specificirte farbige Fläche, man stellesie in die Sonne und lasse den Widerschein auf andere farbloseGegenstände fallen. Dieser Widerschein ist eine Art gemäßigtenLichts, ein Halblicht, ein Halbschatten, der außer seiner ge-dämpften Natur die specifische Farbe der Fläche mit abspiegelt.

591.

Wirkt dieser Widerschein aus lichte Flächen, so wird er auf-gehoben, und man bemerkt die Farbe wenig, die er mit sichbringt. Wirkt er aber aufSchattenstcllen, so zeigtsich eine gleich-sam magische Verbindung mit dem <^,«<>§7. Der Schatten istdas eigentliche Element der Farbe, und hier tritt zu demselbeneine schattige Farbe beleuchtend, färbend und belebend. Undso entsteht eim eben so mächtige als angenehme Erscheinung,welche dcm Maler, der sie zu benutzen weiß, die herrlichsten