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Zur Farbenlehre.
zu bringen, so bemerkte man bald, daß die Farben nicht allegleich dauerhaft waren, sondern die eine eher als die anderedem gewobenen Bilde entzogen wurde. Es entsprang daherdas eifrigste Bestreben, den sämmtlichen Farben und Schatti-rungen eine gleiche Dauer zu versichern, welches besonders inFrankreich unter Colbert geschah, dessen Verfügungen überdiesen Punkt in der Geschichte der Färbekunst Epoche machen.Die sogenannte Schönfärberei, welche sich nur zu einer ver-gänglichen Anmuth verpflichtete, ward eine besondere Gilde;mit desto größcrm Ernst hingegen suchte man diejenige Technik,welche für die Dauer stehen sollte, zu begründen.
So wären wir, bei Betrachtung des Entziehens, der Flüch-tigkeit und Vergänglichkeit glänzender Farbeuerscheinungeu,wieder auf die Forderung der Dauer zurückgekehrt, und hättenauch in diesem Sinne unsern Kreis abermals abgeschlossen.
Xl-IX.
Nomenklatur.
605 .
Nach dem, was wir bisher von dem Entstehen, dem Fort-schreiten und der Verwandtschaft der Farben ausgeführt, wirdsich bester übersehen lasten, welche Nomenclatur künftig wün-schenswerth wäre, und was von der bisherigen zu halten sey.
606 .
Die Nomenclatur der Farben ging, wie alle Nomenclatu-ren, besonders aber diejenigen, welche sinnliche Gegenständebezeichnen, vom Besondern aus in's Allgemeine und vom All-gemeinen wieder zurück in's Besondere. Der Name der Speciesward ein Geschlechtsname, dem sich wieder das einzelne unter-ordnete.
607 .
Dieser Weg konnte bei der Beweglichkeit und Unbestimmtheitdes frühern Sprachgebrauchs zurückgelegt werden, besondersda man in den ersten Zeiten sich auf ein lebhafteres sinnlichesAnschauen verkästen durfte. Man bezeichnete die Eigenschaftender Gegenstände unbestimmt, weil sie jedermann deutlich inder Imagination festhielt.
608 .
Der reine Farbenkreis war zwar enge, er schien aber auunzähligen Gegenständen specificirt und individualisirt, undmit Nebeubestimmungen bedingt. Man sehe die Mannichfal-tigkeit der Griechischen und Römischen Ausdrücke in der Ge-schichte der Farbenlehre, und man wird mit Vergnügendabei gewahr werden, wie beweglich und läßlich die Worte bei-nahe durch den ganzen Farbenkreis herum gebraucht worden.
609 .
In spätern Zeiten trat durch die mannichfaltigen Opera-tionen der Färbekunst manche neue Schattirung ein. Selbstdie Modefarben und ihre Benennungen stellten ein unendlichesHeer von Farbenindividualitäten dar. Auch die Farbentermino-logie der neuern Sprachen werden wir gelegentlich aufführen;wobei sich denn zeigen wird, daß man immer auf genauereBestimmungen ausgegangen, und ein Fixirtes, Specificirtesauch durch die Sprache festzuhalten und zu vereinzeln gesucht hat.
610 .
Was die deutsche Terminologie betrifft, so hat sie den
Vortheil, daß wir vier einsylbige, an ihren Ursprung nicht mehrerinnernde Namen besitzen, nämlich Gelb, Blau, Roth, Grün.Sie stellen nur das Allgemeinste der Farbe der Einbildungs-kraft dar, ohne auf etwas Specifisches hinzudeuten.
611 .
Wollten wir in jeden Zwischenraum zwischen diesen vierennoch zwei Bestimmungen setzen, als Rothgclb und Gelbroth,Rothblau und Blauroth, Gelbgrün und Grüngelb, Blaugrüuund Grünblau, so würden wir die Schattirungen des Farben-kreises bestimmt genug ausdrücken; und wenn wir die Bezeich-nungen von Hell und Dunkel hinzufügen wollten, ingleichendie Beschmutzungen einigermaaßeu andeuten, wozu uns diegleichfalls einsylbigcn Worte Schwarz, Weiß, Grau und Braunzu Diensten stehen, so würden wir ziemlich auslaugen, unddie vorkommenden Erscheinungen ausdrücken, ohne uns zubekümmern, ob sie auf dynamischem oder atomistischem Wegeentstanden sind.
612 .
Man könnte jedoch immer hierbei die specifischen und in-dividuellen Ausdrücke Vortheilhaft benutzen, so wie wir unsauch des Wortes Orange und Violett bedienten. Ingleichenhaben wir das Wort Purpur gebraucht, um das reine, in derMitte stehende Roth zu bezeichnen, weil der Saft der Purpur-schnecke, besonders wenn er feine Leinwand durchdrungen hat,
> vorzüglich durch das Sonnenlicht zu dem höchsten Punkte derCulmination zu bringen ist.
I-.
Mineralien.
613 .
Die Farben der Mineralien sind alle chemischer Natur,und so kann ihre Entstehungsweise aus dem, was wir von denchemischen Farben gesagt haben, ziemlich entwickelt werden.
614 .
Die Farbenbenennungen stehen unter den äußern Kenn-zeichen oben an, und man hat sich, im Sinne der neuern Zeit,große Mühe gegeben, jede vorkommende Erscheinung genauzu bestimmen und festzuhalten; man hat aber dadurch, wieuns dünkt, neue Schwierigkeiten erregt, welche beim Gebrauchmanche Unbequemlichkeit veranlassen.
615 .
Freilich führt auch dieses, sobald man bedenkt, wie dieSache entstanden, seine Entschuldigung mit sich. Der Malerhatte von jeher das Vorrecht, die Farbe zu handhaben. Diewenigen specificirten Farben standen fest, und dennoch kamendurch künstliche Mischungen unzählige Schattirungen hervor,welche die Oberfläche der natürlichen Gegenstände nachahmten.War es daher ein Wunder, wenn mau auch diesen Mischungs-weg einschlug und den Künstler aufrief, gefärbte Musterflächenaufzustellen, nach denen man die natürlichen Gegenstände be-urtheilen und bezeichnen könnte? Mau fragte nicht, wie gehtdie Natur zu Werke, um diese und jene Farbe auf ihrem innernlebendigenWegehervorzubringen, sondern wie belebt derMalerdas Todte, um ein dem Lebendigen ähnliches Scheinbild dar-zustellen? Man ging also immer von Mischung aus, und kehrteauf Mischung zurück, so daß man zuletzt das Gemischte wieddr