Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Didaktischer Theil.

169

zu mischen vornahm, um einige sonderbare Specifikationen undJndividualisationen auszudrücken und zu unterscheiden.

616 .

Ucbrigens läßt sich bei der gedachten eingeführten minera-lischen Farbenterminologie noch manches erinnern. Man hatnämlich die Benennungen nicht, wie es doch meistens möglichgewesen wäre, aus dem Mineralreich, sondern von allerleisichtbaren Gegenständen genommen, da man doch mit größermVortheil auf eigenem Grund und Boden hätte bleiben können.Ferner hat man zu viel einzelne specifische Ausdrücke aufge-nommen , und indem man durch Vermischung dieser Specifi-kationen wieder neue Bestimmungen hervorzubringen suchte,nicht bedacht, daß man dadurch vor der Imagination das Bildund vor dem Verstand den Begriff völlig aufhebe. Zuletztstehen denn auch diese gewissermaaßen als Grundbestimmungengebrauchten einzelnen Farbenbenennungen nicht in der bestenOrdnung, wie sie etwa von einander sich ableiten; daher dennder Schüler jede Bestimmung einzeln lernen und sich ein bei-nahe todtes Positives einprägen muß. Die weitere Ausführungdieses Angedeuteten stünde hier nicht am rechten Orte.

III.

Pflanzen.

617 .

Man kann die Farben organischer Körper überhaupt alseine höhere chemische Operation ansehen, weßwegen sie auchdie Alten durch das Wort Kochung ausgedrückt haben.

Alle Elementarfarben sowohl als die gemischten und abgeleitetenkommen auf der Oberfläche organischer Naturen vor; dahingegendas Innere, mau kann nicht sagen, unsärbig, doch eigentlichmißfärbig erscheint, wenn es zu Tage gebracht wird. Da wirbald an einem andern Orte von unsern Ansichten über orga-nische Natur einiges mitzutheilen denken, so stehe nur dasjenigehier, was früher mit der Farbenlehre in Verbindung gebrachtwar, indessen wir zu jenen besondern Zwecken das weitere vor-bereiten. Von den Pflanzen sey also zuerst gesprochen.

618 .

Die Samen, Bulben, Wurzeln, und was überhaupt vomLichte ausgeschlossen ist oder unmittelbar von der Erde sich um-geben befindet, zeigt sich meistentheils weiß.

619 .

Die im Finstern aus Samen erzogenen Pflanzen sind weiß,oder in's Gelbe ziehend. Das Licht hingegen, indem es ausihre Farben wirkt, wirkt zugleich auf ihre Form.

620 .

Die Pflanzen, die im Finstern wachsen, setzen sich vonKnoten zu Knoten zwar lange fort, aber die Stängel zwischenzwei Knoten sind länger als billig; keine Seitenzweige werdenerzeugt, und die Metamorphose der Pflanzen hat nicht statt.

621 .

Das Licht versetzt sie dagegen sogleich in einen thätigenZustand; die Pflanze erscheint grün, und der Gang der Meta-morphose bis zur Begattung geht unaufhaltsam fort.

622 .

Wir wissen, daß die Stängelblätter nur Vorbereitungenund Vorbedeutungen auf die Blumen- und Fruchtwcrkzeuge

sind; und so kann man in den Stängelblättern schon Farbensehen, die von weitem aus die Blume hindeuten, wie bei denAmaranthen der Fall ist.

623 .

Es gibt weiße Blumen, deren Blätter sich zur größtenReinheit durchgearbeitet haben; aber auch farbige, in denendie schöne Elementarerscheinung hin und wieder spielt. Es gibtderen, die sich nur theilweise vom Grünen aus eine höhereStufe losgearbeitet haben.

624 .

Blumen einerlei Geschlechts, ja einerlei Art finden sich vonallen Farben. Rosen und besonders Malven z. B. gehen einengroßen Theil des Farbenkreises durch, vom Weisen in's Gelbe,sodann durch das Rothgelbe in den Purpur, und von da indas Dunkelste; was der Purpur, indem er sich dem Blauennähert, ergreifen kann.

625 .

Andere fangen schon auf einer höhern Stufe an, wie z. B.die Mohne, welche von dem Gelbrothen ausgehen und sich indas Violette hinüberziehen.

626 .

Doch sind auch Farben bei Arten, Gattungen, ja Familienund Classen, wo nicht beständig, doch herrschend, besondersdie gelbe Farbe: die blaue ist überhaupt seltener.

627 .

Bei den saftigen Hüllen der Frucht geht etwas Aehnlichesvor, indem sie sich von der grünen Farbe durch das Gelblicheund Gelbe bis zu dem höchsten Roth erhöhen, wobei die Farbeder Schale die Stufen der Reife andeutet. Einige sind rings-um gefärbt, einige nur an der Sonnenseite, in welchem letztenFalle man die Steigerung des Gelben in's Rothe durch größereAn- und Uebereinanderdrängung sehr wohl beobachten kann.

628 .

Auch sind mehrere Früchte innerlich gefärbt; besonders sindpurpurrothe Säfte gewöhnlich.

629 .

Wie die Farbe sowohl oberflächlich auf der Blume alsdurchdringend in der Frucht sich befindet, so verbreitet sie sichauch durch die übrigen Theile, indem sie die Wurzeln und dieSäfte der Stängel färbt, und zwar mit sehr reicher und mäch-tiger Farbe.

630 .

So geht auch die Farbe des Holzes vom Gelben durch dieverschiedenen Stufen des Rothen bis in's Purpurfarbene undBraune hinüber. Blaue Hölzer sind mir nicht bekannt; und sozeigt sich schon auf dieser Stufe der Organisation die activeSeite mächtig, wenn in dem allgemeinen Grün der Pflanzenbeide Seiten sich balanciren mögen.

631 .

Wir haben oben gesehen, daß der aus der Erde dringendeKeim sich mehrentheils weiß und gelblich zeigt, durch Einwir-kung von Licht und Luft aber in die grüne Farbe übergeht.Ein ähnliches geschieht bei jungen Blättern der Bäume, wieman z. B. an den Birken sehen kann, deren junge Blättergelblich sind und beim Auskochen einen schönen gelben Saftvon sich geben. Nachher werden sie immer grüner, so wie dieBlätter von andern Bäumen nach und nach in das Blaugrüneübergehen.