Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Didaktischer Theil.

179

in sofern erscheint, als sie wieder verschwindet. Die Be- Idingungen, unter welchen jenes Hervortreten erregt wird, sindnach Beschaffenheit der besondern Körper unendlich verschieden.Von dem gröbsten mechanischen Reiben sehr unterschiedenerKörper an einander bis zu dem leisesten Nebeneinanderseynzweier völlig gleichen, nur durch weniger als einen Hauch andersdeterminirten Körper, ist die Erscheinung rege und gegenwärtig,ja auffallend und mächtig, und zwar dergestalt bestimmt undgeeignet, daß wir die Formeln der Polarität, des Plus undMinus, als Nord und Süd, als Glas und Harz, schicklich undnaturgemäß anwenden.

743 .

Diese Erscheinung, ob sie gleich der Oberfläche besondersfolgt, ist doch keineswegs oberflächlich. Sie wirkt auf die Be-stimmung körperlicher Eigenschaften, und schließt sich an diegroße Doppelerscheinung, welche sich in der Chemie so herrschendzeigt, an Oxydation und Desoxydation, unmittelbar wirkend an.

744 .

In diese Reihe, in diesen Kreis, in diesen Kranz vonPhänomenen auch die Erscheinungen der Farbe heranzubringenund einzuschließen, war das Ziel unseres Bestrebens. Wasuns nicht gelungen ist, werden andere leisten. Wir fandeneinen uranfänglichen ungeheuern Gegensatz von Licht undFinsterniß, den man allgemeiner durch Licht und Nichtlichtausdrücken kann; wir suchten denselben zu vermitteln, unddadurch die sichtbare Welt aus Licht, Schatten und Farbeherauszubilden, wobei wir uns zu Entwicklung der Phänomeneverschiedener Formeln bedienten, wie sie uns in der Lehre desMagnetismus, der Electricität, des Chemismus überliefertwerden. Wir mußten aber weiter gehen, weil wir uns ineiner Hähern Region befanden, und mannichfaltigere Verhält-nisse auszudrücken hatten.

745 .

Wenn sich Electricität und Galvanität in ihrer Allgemein-heit von dem Besondern der magnetischen Erscheinungen ab-trennt und erhebt, so kann man sagen, daß die Farbe, obgleichunter eben den Gesetzen stehend, sich doch viel höher erhebeund, indem sie für den edlen Sinn des Auges wirksam ist,auch ihre Natur zu ihrem Vortheile darthue. Man vergleichedas Mannichfaltige, das aus einer Steigerung des Gelben undBlauen zum Rothen, aus der Verknüpfung dieser beiden HähernEnden zum Purpur, aus der Vermischung der beiden niedernEnden zum Grün entsteht. Welch ein ungleich mannichfaltigeresSchema entspringt hier nicht, als dasjenige ist, worin sichMagnetismus und Electricität begreifen lassen! Auch stehendiese letztem Erscheinungen auf einer niedern Stufe, so daßsie zwar die allgemeine Welt durchdringen und beleben, sichaber zum Menschen im Hähern Sinne nicht heranfbegebenkönnen, um von ihm ästhetisch benutzt zu werden. Das allge-meine einfache Physische Schema muß erst in sich selbst erhöhtund vermannichfaltigt werden, um zu Hähern Zwecken zu dienen.

746 .

Man rufe in diesem Sinne zurück, was durchaus von unsbisher sowohl im allgemeinen als besondern von der Farbeprädicirt worden, und man wird sich selbst dasjenige, washier nur leicht angedeutet ist, ausführen und entwickeln. Manwird dem Wissen, der Wissenschaft, dem Handwerk und derKunst Glück wünschen, wenn es möglich wäre, das schöne

Kapitel der Farbenlehre aus seiner atomistischen Beschränktheitund Abgesondertheit, in die es bisher verwiesen, dem allge-meinen dynamischen Flusse des Lebens und Wirkens wieder-zugeben, dessen sich die jetzige Zeit erfreut. Diese Empfindungenwerden bei uns noch lebhafter werden, wenn uns die Geschichteso manchen wackern und einsichtsvollen Mann vorführen wird,dem es nicht gelang, von seinen Ueberzeugungen seine Zeit-genossen zu durchdringen.

Verhältniß zur Tonlehre.

747 .

Ehe wir nunmehr zu den sinnlich-sittlichen und daraus ent-springenden ästhetischen Wirkungen der Farbe übergehen, istes der Ort, auch von ihrem Verhältnisse zu dem Ton einigeszu sagen.

Daß ein gewisses Verhältniß der Farbe zum Ton stattfinde,hat man von jeher gefühlt, wie die östern Vergleichungen, welchetheils vorübergehend, theils umständlich genug angestellt wor-den, beweisen. Der Fehler, den man hierbei begangen, beruhtnur auf folgendem:

748 .

Vergleichen lassen sich Farbe und Ton unter einander aufkeine Weise; aber beide lassen sich auf eine höhere Formelbe-ziehen, aus einer höhern Formel beide, jedoch jedes für sich,ableiten. Wie zwei Müsse, die auf Einem Berge entspringen,aber unter ganz verschiedenen Bedingungen in zwei ganz ent-gegengesetzte Wellgegenden laufen, so daß auf dem beiderseitigenganzen Wege keine einzelne Stelle der andern verglichen werdenkann, so sind auch Farbe und Ton. Beide sind allgemeineelementare Wirkungen, nach dem allgemeinen Gesetz des Tren-nen« und Zusammenstrebens, des Auf- und Abschwankens, desHin- und Wiederwägens wirkend, doch nach ganz verschiedenenSeiten, auf verschiedene Weise, auf verschiedene Zwischen-elemente, für verschiedene Sinne.

749 .

Möchte jemand die Art und Weise, wie wir die Farben-lehre an die allgemeine Naturlehre angeknüpft, recht fassen,und dasjenige, was uns entgangen und abgegangen, durchGlück und Genialität ersetzen, so würde die Tonlehre, nachunserer Ueberzeugung, an die allgemeine Physik vollkommenanzuschließen seyn, da sie jetzt innerhalb derselben gleichsam nurhistorisch abgesondert steht.

750 .

Aber eben darin läge die größte Schwierigkeit, die für unsgewordene positive, auf seltsamen empirischen, zufälligen,mathematischen, ästhetischen, genialischen Wegen entsprungeneMusik zu Gunsten einer physicalischen Behandlung zu zerstörenund in ihre ersten physischen Elemente auszulösen. Vielleichtwäre auch hierzu, auf dem Punkte, wo Wissenschaft und Kunstsich befinden, nach so manchen schönen Vorarbeiten, Zeit undGelegenheit.

Schlußbetrachtung über Sprache und Terminologie.

751 .

Man bedenkt niemals genug, daß eine Sprache eigentlichnur symbolisch, nur bildlich sey, und die Gegenstände niemals