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Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zur Farbenlehre.

unmittelbar, sondern nur im Widerscheine ausdrücke. Diesesist besonders der Fall, wenn von Wesen die Rede ist, welchean die Erfahrung nur herantreten und die man mehr Thätig-keiten als Gegenstände nennen kann, dergleichen im Reiche derNaturlehre immerfort in Bewegung sind. Sie lassen sich nichtfesthalten, und doch soll man von ihnen reden; man sucht daheralle Arten von Formeln auf, um ihnen wenigstens gleichniß-weise beizukommen.

752.

Metaphysische Formeln haben eine große Breite und Tiefe;jedoch sie würdig auszufüllen, wird ein reicher Gehalt erfordert,sonst bleiben sie hohl. Mathematische Formeln lassen sich invielen Fällen sehr bequem und glücklich anwenden; aber esbleibt in ihnen immer etwas Steifes und Ungelenkes, und wirfühlen bald ihre Unzulänglichkeit, weil wir, selbst in Elementar-sällen, sehr früh ein Jncommensnrables gewahr werden; fernersind sie auch nur innerhalb eines gewissen Kreises besondershierzu gebildeter Geister verständlich. Mechanische Formelnsprechen mehr zu dem gemeinen Sinn; aber sie sind auch ge-meiner, und behalten immer etwas Rohes; sie verwandeln dasLebendige in ein Todtes; sie todten das innere Leben, um vonaußen ein Unzulängliches heranzubringen. Corpuscularformelnsind ihnen nahe verwandt; das Bewegliche wird starr durch sie,Vorstellung und Ausdruck ungeschlacht. Dagegen erscheinen diemoralischen Formeln, welche freilich zartere Verhältnisse aus-drücken, als bloße Gleichnisse, und verlieren sich denn auch wohlzuletzt in Spiele des Witzes.

753.

Könnte man sich jedoch aller dieser Arten der Vorstellungund des Ausdrucks mit Bewußtseyn bedienen, und in einermannichfaltigen Sprache seine Betrachtungen über Natur-phänomene überliefern, hielte man sich von Einseitigkeit frei,und faßte einen lebendigen Sinn in einen lebendigen Ausdruck,so ließe sich manches Erfreuliche mittheilen.

754.

Jedoch wie schwer ist es, das Zeichen nicht an die Stelleder Sache zu setzen, das Wesen immer lebendig vor sich zuhaben, und es nicht durch das Wort zu tödten! Dabei sind wirin den neuern Zeiten in eine noch größere Gefahr gerathen,indem wir aus allem Erkenn- und Wißbaren Ausdrückeund Terminologien herübergenommen haben, um unsere An-schauungen der einfachern Natur auszudrücken. Astronomie,Kosmologie, Geologie, Naturgeschichte, ja Religion und Mystikwerden zu Hülfe gerufen; und wie oft wird nicht das Allgemeinedurch ein Besonderes, das Elementare durch ein Abgeleitetesmehr zugedeckt und verdunkelt als aufgehellt und näher gebracht!Wir kennen das Bedürfniß recht gut, wodurch eine solche Spracheentstanden ist und sich ausbreitet; wir wissen auch, daß sie sichin einem gewissen Sinne unentbehrlich macht: allein nur einmäßiger, anspruchsloser Gebrauch mit Ueberzeugung und Be-wußtseyn kann Vortheil bringen.

755.

Am wünschenswerthesten wäre jedoch, daß man die Sprache,wodurch man die Einzelnheiten eines gewissen Kreises bezeichnenwill, aus dem Kreise selbst nähme, die einfachste Erscheinungals Grundformel behandelte, und die mannichfaltigern vondaher ableitete und entwickelte.

756.

Die Nothwendigkeit und Schicklichkeit einer solchen Zeichen-sprache, wo das Grundzeichen die Erscheinung selbst ausdrückt,hat man recht gut gefühlt, indem man die Formel der Polarität,dem Magneten abgeborgt, auf Electricität u. s. w. hinüber-gesührt hat. Das Plus und Minus, das an dessen Stelle gesetztwerden kann, hat bei so vielen Phänomenen eine schickliche An-wendung gesunden; ja der Tonkünstler ist, wahrscheinlich ohnesich um jene andern Fächer zu bekümmern, durch die Naturveranlaßt worden, die Hauptdifferenz der Tonarten durchLlajeur und Uineur auszudrücken.

757.

So haben auch wir seit langer Zeit den Ausdruck der Pola-rität in die Farbenlehre einzuführen gewünscht; mit welchemRechte und in welchem Sinne, mag die gegenwärtige Arbeitausweisen. Vielleicht finden wir künftig Raum, durch einesolche Behandlung und Symbolik, welche ihr Anschauen jeder-zeit mit sich führen müßte, die elementaren Naturphänomenenach unserer Weise an einander zu knüpfen, und dadurch das-jenige deutlicher zu machen, was hier nur im allgemeinen, undvielleicht nicht bestimmt genug, ausgesprochen worden.

Sechste Abtheilung.

Sinnlich-sittliche Wirkung -er Farbe.

758.

Da die Farbe in der Reihe der uransänglichen Natur-erscheinungen einen so hohen Platz behauptet, indem sie den ihrangewiesenen einfachen Kreis mit entschiedener Mannichfaltig-keit ausfüllt, so werden wir uns nicht wundern, wenn wir er-fahren, daß sie auf den Sinn des Auges, dem sie vorzüglichzugeeignet ist, und durch dessen Vermittlung auf das Gemüth,in ihren allgemeinsten elementaren Erscheinungen, ohne Bezugauf Beschaffenheit oder Form eines Materials, an dessen Ober-fläche wir sie gewahr werden, einzeln eine specifische, in Zu-sammenstellung eine theils harmonische theils charakteristische,oft auch unharmonische, immer aber eine entschiedene und be-deutende Wirkung hervorbringe, die sich unmittelbar an dasSittliche anschließt. Deßhalb denn Farbe, als ein Element derKunst betrachtet, zu den höchsten ästhetischen Zwecken mit-wirkend genutzt werden kann.

759.

Die Menschen empfinden im Allgemeinen eine große Freudean der Farbe. Das Auge bedarf ihrer, wie es des Lichtes be-darf. Man erinnere sich der Erquickung, wenn an einem trü-ben Tage die Sonne auf einen einzelnen Theil der Gegendscheint und die Farben daselbst sichtbar macht. Daß man denfarbigen Edelsteinen Heilkräfte zuschrieb, mag aus dem tiefenGefühl dieses unaussprechlichen Behagens entstanden seyn.

760.

Die Farben, die wir an den Körpern erblicken, sind nichtetwa dem Auge ein völlig Fremdes, wodurch es erst zu dieserEmpfindung gleichsam gestempelt würde: nein, dieses Organist immer in der Disposition, selbst Farben hervorzubringen,und genießt einer angenehmen Empfindung, wenn etwas dereigenen Natur Gemäßes ihm von außen gebracht wird, wenn