Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Didaktischer Theil.

181

seine Bestimmbarkeit nach einer gewissen Seite hin bedeutendbestimmt wird.

761 .

Aus der Idee des Gegensatzes der Erscheinung, aus derKenntniß, die wir von den besondern Bestimmungen desselbenerlangt haben, können wir schließen, daß die einzelnen Farben-eindrücke nicht verwechselt werden können, daß sie specifischwirken und entschieden specifische Zustände in dem lebendigenOrgan hervorbringen müssen.

762 .

Eben auch so in dem Gemüth. Die Erfahrung lehrt uns,daß die einzelnen Farben besondere Gemüthsstimmungengeben. Von einem geistreichen Franzosen wird erzählt: II pre-teuckoit czue sou ton cke eonversstion svee Uncisrne Äoitelinngö äepuis gn'elle svoit clikMAe en ersinoisi Is nieudlsäs 8vn enbivet yui etoit dien.

763 .

Diese einzelnen bedeutenden Wirkungen vollkommen zuempfinden, muß man das Auge ganz mit Einer Farbe um-geben, z. B. in einem einfärbigen Zimmer sich befinden, durchein farbiges Glas sehen. Man identificirt sich alsdann mit derFarbe; sie stimmt Auge und Geist mit sich unisono.

764 .

Die Farben von der Plusseite sind Gelb, Rothgelb,(Orange), Gelbroth (Mennig, Zinnober). Sie stimmen reg-sam, lebhaft, strebend.

Gelb.

765 .

Es ist die nächste Farbe am Licht. Sie entsteht durch diegelindeste Mäßigung desselben, es sey durch trübe Mittel oderdurch schwache Zurückweisung von weißen Flächen. Bei denprismatischen Versuchen erstreckt sie sich allein breit in den lich-ten Raum, und kann dort, wenn die beiden Pole noch abge-sondert von einander stehen, ehe sie sich mit dem Blauen zumGrünen vermischt, in ihrer schönsten Reinheit gesehen werden.Wie das chemische Gelb sich an und über dem Weißen ent-wickelt, ist gehörigen Orts umständlich vorgetragen worden.

766 .

Sie führt in ihrer höchsten Reinheit immer die Natur desHellen mit sich, und besitzt eine heitere, muntere, sanft rei-zende Eigenschaft.

767 .

In diesem Grade ist sie als Umgebung, es sey als Kleid,Vorhang, Tapete angenehm. Das Gold in seinem ganz un-gemischten Zustande giebt uns, besonders wenn der Glanz hin-zukommt, einen neuen und hohen Begriff von dieser Farbe; sowie ein starkes Gelb, wenn es auf glänzender Seide, z. B. aufAtlaß, erscheint, eine prächtige und edle Wirkung thut.

768 .

So ist es der Erfahrung gemäß, daß das Gelbe einendurchaus warmen und behaglichen Eindruck mache. Daher esauch in der Malerei der beleuchteten und wirksamen Seite zu-kommt.

769 .

Diesen erwärmenden Effect kann man am lebhaftesten be-merken, wenn man durch ein gelbes Glas, besonders in grauen

Wintertagen, eine Landschaft ansieht. Das Auge wird erfreut,das Herz ausgedehnt, das Gemüth erheitert; eine unmittelbareWärme scheint uns anzuwehen.

770 .

Wenn nun diese Farbe in ihrer Reinheit und Hellem Zu-stande angenehm und erfreulich, in ihrer ganzen Kraft aberetwas Heiteres und Edles hat, so ist sie dagegen äußerst em-pfindlich und macht eine sehr unangenehme Wirkung, wenn siebeschmutzt oder einigermaaßcn in's Mnus gezogen wird. Sohat die Farbe des Schwefels, die in's Grüne fällt, etwas Un-angenehmes.

771 .

Wenn die gelbe Farbe unreinen und unedlen Ober-flächen mitgetheilt wird, wie dem gemeinen Tuch, dem Filzund dergleichen, worauf sie nicht init ganzer Energie erscheint,entsteht eine solche unangenehme Wirkung. Durch eine geringeund unmerkliche Äewegung wird der schöne Eindruck desFeuers und Goldes in die Empfindung des Kothigen verwan-delt, und die Farbe der Ehre und Wonne zur Farbe derSchande, des Abscheus und Mißbehagens umgekehrt. Dahermögen die gelben Hüte der Bankerottirer, die gelben Ringeauf den Mänteln der Juden entstanden seyn; ja die sogenannteHahnreifarbe ist eigentlich nur ein schmutziges Gelb.

Rothgelb.

772 .

Da sich keine Farbe als stillstehend betrachten läßt, sokann man das Gelbe sehr leicht durch Verdichtung und Ver-dunklung in's Röthliche steigern und erheben. Die Farbewächs't an Energie und erscheint im Rothgelben mächtiger undherrlicher.

773 .

Alles, was wir vom Gelben gesagt haben, gilt auch hier,nur im höhern Grade. Das Rothgelbe giebt eigentlich demAuge das Gefühl von Wärme und Wonne, indem es die Farbeder höhern Gluth so wie den mildern Abglanz der untergehen-den Sonne repräsentirt. Deßwegen ist sie auch bei Um-gebungen angenehm; und als Kleidung in mehr oder mindermGrade erfreulich oder herrlich. Ein kleiner Blick in's Rothegiebt dem Gelben gleich ein ander Ansehen, und wenn Eng-länder und Deutsche sich noch an blaßgelben hellen Lederfarbengenügen lassen, so liebt der Franzose, wie Pater Castel schonbemerkt, das in's Roth gesteigerte Gelb; wie ihn überhauptan Farben alles freut, was sich auf der activen Seite befindet.

Gelbroth.

774 .

Wie das reine Gelb sehr leicht in das Rothgelbe hinüber-geht, so ist die Steigerung dieses letzten in's Gelbrothe nichtaufzuhalten. Das angenehme heitere Gefühl, das uns dasRothgelbe noch gewährt, steigert sich bis zum unerträglich Ge-waltsamen im hohen Gelbrothen.

775 .

Die active Seite ist hier in ihrer höchsten Energie, und esist kein Wunder, daß energische, gesunde, rohe Menschen sich